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175 Jahre Galerie Boisserée : In der feinen Linie liegt der Unterschied

  • -Aktualisiert am

Experimente mit Sand, Knoblauchsaft und Heu: Die Kölner Galerie Boisserée feiert 175-jähriges Bestehen. Ein Schwerpunkt des Traditionshauses liegt auf der Druckgraphik - von Henri Matisse bis Peter Doig. 

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          Ein amerikanischer Tourist besucht die Galerie Boisserée in Köln. Er sieht sich um, dann geht er auf Werke von Robert Motherwell zu, um sie zu betrachten. Er studiert die kaum merklich übereinandergelegten Papierbahnen, die den samtigen, fast fühlbaren Untergrund aus Rot und Blau unterbrechen; dazu schwarze Tintenkleckse und Spritzer, die wie frisch aufs Blatt getropft wirken. Mit starkem Akzent fragt er ungläubig: „Is this a print?“ Es sind Farbaquatintaradierungen, die der 1991 gestorbene amerikanische Künstler 1987/88 zu seiner Serie „French Revolution Bicentennial Suite“ fügte, und sie beweisen, wie fein nur der Unterschied zwischen Original und einer in Auflage produzierten Edition ist.

          Ob Druck oder Original, das ist eine der Lieblingsfragen von Johannes Schilling und Thomas Weber. Und in zahlreichen und immer wieder abgewandelten Antworten auf diese Frage gründet der Erfolg der Geschäftsleiter des 1838 gegründeten Kölner Traditionshauses. Vor 175 Jahren ging es los: Die Cousins Josef und Wilhelm Boisserée eröffneten eine Buch- und Kunsthandlung im Kölner Minoritenviertel. Die Familie genoss Ansehen: Die Onkel von Josef und Wilhelm waren die einflussreichen Kaufleute und Kunstmäzene Sulpiz und Melchior Boisserée. Sulpiz Boisserée war eng mit dem Graphiksammler Goethe befreundet und setzte sich für die Vollendung des Kölner Doms ein. Die geschäftstüchtigen Neffen betätigten sich auch als Verleger, und so ist es konsequent, dass sie 1880, im Jahr der Fertigstellung, den ersten illustrierten Domführer herausbrachten.

          Neben Büchern verkauften die Boisserées bereits erste Kunstreproduktionen und Graphiken. „Mit der heutigen internationalen Künstlerauswahl hatte das Programm jedoch noch nichts zu tun“, erinnert sich der Buchhändler und Graphikantiquar Johannes Schilling, der vor 25 Jahren das Geschäft von seinem Vater Walter Schilling übernahm. Die Firma ist seit 1902 im Besitz der Familie. Johannes Schilling führt heute noch Künstler, die vom Vater seit den fünfziger Jahren vertreten wurden, wie Antoni Tàpies oder Jürgen Brodwolf, richtete den Fokus aber verstärkt auf Künstler der Klassischen Moderne. Seitdem prägen Werke von Matisse, Miró, Picasso, Braque, Léger aber auch Künstler einer jüngeren Generation wie Eduardo Chillida oder Antonio Saura das Programm. In der Auswahl zeitgenössischer Druckgraphik findet man Bacon oder Bourgeois, Peter Doig oder David Hockney, Robert Indiana oder Sol Lewitt.

          Die Nachfolge eines Traditionshauses birgt ganz eigene Probleme: Natürlich habe man es nicht leicht gehabt. „Wir kämpften bei vielen gegen das Klischee des Kunsthandels für ein gediegenes bürgerliches Publikum mit einem sehr konservativen Geschmack an“, sagt Schilling. Das habe sie aber angespornt, die zeitgenössische Kunst verstärkt zu etablieren. Dazu habe auch gehört, dass die Galeristen bereits 1984 den Buchhandel aufgaben und später auch das Antiquariat für alte Grafik. In den zwanziger Jahren lud das Haus Boisserée auf einer Einladungskarte zum „häufigen Besuch des Lesezimmers“ an der Minoritenstraße ein. An dieser offenen Einladung hat sich bis heute nicht viel geändert, auch wenn es nun um Kunst statt um Bücher geht. „Bei uns gibt es keine Hemmschwelle“, meint Weber. „Und auch die obligatorischen weißen Handschuhe brauchen Sie bei uns zumeist nicht, denn sie würden die empfindlichen Papiere damit viel eher beschädigen als mit bloßen Händen.“

          Weber deutet auf einen leuchtend blauen Holzschnitt von Donald Judd aus den sechziger Jahren, in dem die gut sichtbaren Farbriefen auch nach mehr als vierzig Jahren immer noch wirken, als habe der 1994 verstorbene amerikanische Minimalist den Holzstock eben erst vom Blatt gelöst. Ein Blatt wie dieses macht die Qualität einer guten Edition offenbar: das Konservieren der künstlerischen Geste und ihre unmittelbare Übertragung durch Holz, Glas oder Stein auf Papier; die subtile Farbgebung, die ein auch bekanntes Motiv noch einmal völlig anders darstellt, als es etwa auf Leinwand oder Fotopapier möglich wäre. Pierre Soulages habe ihm einmal gesagt, dass die Druckgraphik für ihn der Malerei ebenbürtig sei, sagt Schilling: Und Antoni Tàpies habe manche Blätter nach dem Drucken mit Heu collagiert, Georges Braque seine Lithographien mit Sand oder Knoblauchsaft bearbeitet, dadurch entstünden Unikate, die mit einem simplen Offsetdruck nichts mehr gemein hätten.

          Was die Galerie Boisserée mit „Druckgraphik“ heute bezeichnet, ist so weit gefasst, dass so unterschiedliche Künstler wie Henri Matisse, Julian Opie und Pablo Picasso hier zusammenfinden, etwa für die Schau „Girls Girls Girls“ zur Art Cologne 2009. Dafür versammelten sie Picassos harmonisches Porträt seiner langjährigen Gefährtin, der Malerin Françoise Gilot, von 1946 ebenso wie Julian Opies in schwarzem Samt auf weißes Acryl gedruckte Aktstudie „This is Shahnoza“ aus dem Jahr 2008 und schließlich Matisses „Chinesin mit gesträhntem Haar“ von 1947.

          „Wir handeln nicht mit Kommissionsware“, erklärt Johannes Schilling. „Das erlaubt es uns, unsere Künstlerbestände in manchen Fällen über Jahre hinweg aufzubauen, bevor wir sie der Öffentlichkeit präsentieren.“ Nicht selten bestücken sie Ausstellungen, darunter eine Schau von Chillida in Augsburg oder von Braque in Paderborn. In der Zukunft wollen sie mit jungen Editeuren zusammenarbeiten. An Köln als Marktplatz haben sie nie gezweifelt, auch wenn Zürich zwischenzeitlich für die Eröffnung einer Dependance angedacht wurde. „Hier und im Umland sitzen unsere Sammler, und hier ist unsere Hauptmesse, die Art Cologne, an der wir seit 1988 teilnehmen“, sagt Schilling nostalgisch.

          Der amerikanische Tourist ist in der Zwischenzeit in den Tiefen des offen zugänglichen Schaulagers verschwunden. Seit einer Stunde rollt er eine Stellwand nach der anderen heraus, nimmt einzelne Blätter in die Hand, schaut und schweigt.

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