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Galerien in Berlin : Wann überhaupt ist jetzt?

Parallel zur Verkaufsschau ABC präsentieren die Galerien und neuen Kunstorte in Berlin außergewöhnliche Schauen, in denen vorgeführt wird, wohin die zeitgenössische Kunst steuert.

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          Der Tag vor der Eröffnung der Art Berlin Contemporary am Berliner Gleisdreieck ist der Tag der Galerieeröffnungen. Abends sah es zwischen Linien- und Auguststraße aus wie in der Tokioter Untergrundbahn zur Rushhour, Tausende drängelten sich durchs dörfliche Einbahnstraßengeflecht von Mitte zu den Galerien und in die „Kunst-Werke“, vor denen sich ein Haufen Kritiker lauthals über die dort zu sehende Ausstellung von Ryan Trecartin stritt; man wurde sich nicht einig, ob Trecartin ein „Kunstgenie des Facebook- und Youtube-Zeitalters“ sei oder ob er doch nur allerödeste Kunst-die-auf-Kunst-verweist-Kunst nach dem „Ich mache eine Reise und nehme mit“- Prinzip macht: „Ich mache ein Kunstwerk und nehme mit - einen Kippenberger, einen Franz West, einen Schlingensief und drei Löffel Facebook.“

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Wem Trecartin egal war, der musste nur schauen, an welchen Stellen die Straßen von Menschenmassen blockiert wurden und wohin sich diese Schwärme dann bewegten: Bei Sprüth Magers werden Thomas Scheibitz und Thomas Demand gezeigt, bei Kraupa-Tuskany Zeidler ist die Chinesin Guan Xiao zu sehen, die sich unter anderem mit der für sie befremdlichen westlichen Obsession befasst, Kunstwerke wie Michelangelos David als Nippesfiguren massenhaft zu verbreiten. Ansonsten stellt sie in einer Art außer Kontrolle geratendem Video-Mnemosyneatlas BilderMalströme aus Youtube-Clips zusammen, eine Art virtuelles Gedächtnis all dessen, was Menschen für filmenswert halten. Bei der Galerie Neu warteten Hunderte, um endlich in den Raum vorgelassen zu werden, in dem Marc Camille Chaimowicz ein paar Dutzend lebendige Vögel umherflattern lässt.

          Das Interessante am verlängerten Kunstwochenende sind neben der Hauptschau vor allem aber immer wieder die zahllosen Räume und Ausstellungen, die man jenseits der offiziellen Galerienroute, der ABC und der stark beworbenen Positions-Messe im ehemaligen Kaufhaus Jandorf (www.positions.berlin), fast übersieht. In der Galerie von Nolan Judin in der Potsdamer Straße zum Beispiel ist unter dem Titel „How Soon is Now“ eine Schau zu sehen, die mit einer üblichen Galerieausstellung nichts zu tun hat. 1956 hatten sich unter dem Titel „This is Tomorrow“ Künstler, Architekten, Musiker und Grafiker in der Whitechapel Art Gallery versammelt, um jenseits von Spartengrenzen in zwölf Teams über Arbeitsformen und das Wohnen der Zukunft nachzudenken; die Ausstellung gilt als Geburtsstunde der Pop-Art, ein Beitrag war Hamiltons Collage „Just what is it that makes today’s homes so different, so appealing?“.

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