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Galerien im Stillstand : Eine frische Brise?

  • -Aktualisiert am

Produktive Unruhe im Stillstand: Ohne Schauen und Messen wird die Präsenz online für die Galerien zum Mittel der Wahl.

          3 Min.

          Die Krise als Anlass fälliger Korrekturen, als Zeit und Chance für Bereinigung, gar „Reinigung“ von Exzessen, die sich im Herdentrieb verselbständigt haben – so lesen sich die Bilanzen im Analystenjargon, wenn der Markt plötzlich schrumpft. Und sich am Ende glücklich wieder ausdehnt. So in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt geschehen, zuletzt im Zuge der Finanzkrise von 2008. Nun steckt auch der Kunstmarkt in einer noch folgenreicheren „Kontraktion“, die zuerst einmal alle Mobilität zum Stillstand gebracht hat. Korrekturen und Anpassungen sind im Online-Handel und in preislicher Hinsicht zu erwarten. Letzteres dort, wo besonders heftig spekuliert wird wie auf dem internationalen Sekundärmarkt, etwa mit Kunstwerken von jüngeren Künstlerinnen und Künstlern, die erst seit kurzem als „High-Flyer“ gelten – und deren Arbeiten im vorigen Geschäftsjahr lukrativ weiterverkauft werden konnten.

          „A breath of fresh air“ nennt der Branchendienst „Artprice“ jüngst ein Ranking von zwanzig Künstlerinnen und Künstlern, die nach 1980 geboren wurden und im vorigen Jahr Top-Resultate bei Versteigerungen erzielten. Im Zuge dieser frischen Brise brachte es 2019 die 1986 geborene chinesische Malerin Mi Qiaoming mit einem einzigen versteigerten Los bei einem Zuschlag von 1,7 Million Dollar in die Erfolgstabelle; das beste Ergebnis aus dem Vorjahr ihres Landsmanns Hao Liang beläuft sich auf 1,9 Millionen Dollar. Zahlreiche Künstler mit langen, sozusagen abgesicherten Karrieren werden solche Preise niemals erreichen und wollen es vielleicht auch gar nicht. Zwölf Werke für insgesamt 2,8 Millionen Dollar wurden von der New Yorker Malerin Tschabalala Self versteigert, die derzeit im Kunstverein Hannover an einer Gruppenschau teilnimmt. An der Tabellenspitze der „U-40“ rangiert der Schweizer Nicolas Party, dessen installative Malerei vor einigen Jahren im Westfälischen Kunstverein in Münster zu sehen war, mit insgesamt fünf Millionen Dollar, darunter ein Spitzenzuschlag von 1,1 Millionen.

          Das Angebot nimmt zu

          Lassen diese horrenden Preise, wie zu erwarten steht, aber nach, wird es den Künstlern leicht als Karriereknick ausgelegt, und viele Sammler verlieren dann rasch das Interesse. Was wiederum nicht notwendig bedeutet, dass Kunstwerke von Preisen unterhalb der Millionengrenze in der Flaute an Wert verlieren. Dann zahlt sich eine nachhaltige Vita der Produzenten eben doch aus. Wie also steht es um den primären Markt mit Werken im Wert bis zu 100.000 Euro – in Deutschland? Ein Großteil der Galerien hierzulande lebt von Sammlern, die jährlich einen fünfstelligen Betrag investieren, ohne es, so darf man unterstellen, direkt auf Gewinnmaximierung abzusehen. Nüchtern betrachtet, müsste sich für sie in der aktuellen Situation eine ganze Menge guter Kunst anhäufen, die für Ausstellungen und Messen vorgesehen war, nun aber fürs Erste den Laden hütet. Wartelisten verkürzen sich. Einiges von dem, was in Blütezeiten für einzelne Institutionen zurückgehalten wurde, steht nun doch frei zum Verkauf. Das Angebot nimmt zu, die Nachfrage dürfte naturgemäß zögerlicher ausfallen. Das soziale Gedränge bei der Vernissage, ob in der Galerie oder auf der Messe, entfällt und damit auch der Zeitdruck bei der Kaufentscheidung. Da wird wohl noch häufiger ein Rabatt fällig.

          Andererseits drängt die Krise die gesamte Branche endgültig in den Online-Handel. Ein Signal wurde für viele schon durch die virtuellen Messekojen der im März abgesagten Art Basel Hong Kong gesetzt. Diese waren visuell einigermaßen schlicht ausgestaltet und kehrten in ihrer gähnenden Leere hervor, was das Momentum einer Messe ausmacht: jene Verdichtung sozialer und ökonomischer Realität, die den nötigen Druck auf die Kaufentscheidung ausübt. Gleichwohl konnten die Stände mit Informationen über Werke und Urheber punkten, die heute – Stichwort „Transparenz“ – hochgeschätzt werden: Die Preise waren ausgewiesen. Da der Kunst-Jetset seine Reisetätigkeit herunterfahren muss, wird er auf solche Angebote immer weniger verzichten wollen.

          Mitteilsamkeit in Sachen der Preise hätte auch dem, nach der Absage des Berliner Gallery Weekend, online gestellten Neuling „Not Cancelled Berlin“ gut angestanden, einer Plattform, auf der achtzehn Galerien neue Arbeiten anbieten und Clips mit ihren Künstlern hochgeladen haben. Auch dieses – zuerst in Wien mit 8000 Zugriffen erprobte – Modell ist, wie der teilnehmende Galerist Jan Wentrup zu verstehen gibt, ein „zusätzliches Instrument“, den Kontakt mit den Sammlern zu halten. Und fraglos sachlicher als manches in einem schier unversieglichen Strom an Infotainment, mit dem die Galerien seit kurzem die E-Mail-Konten fluten, um sichtbar zu bleiben, Anreize für Verkaufsgespräche zu liefern, einfach nicht unterzugehen. Mit Online Viewing Rooms folgen sie Vorbildern, die in amerikanischen und englischen Galerien längst etabliert sind. „Wir müssen nur aufpassen, dass wir kein Amazon für die Kunst machen“, sagt Wentrup, der damit für seine Zunft insgesamt sprechen dürfte. Man sieht die einheimischen Galeristen förmlich mit ihren Teams in Zoom-Konferenzen beratschlagen, welche neuen digitalen Wege jetzt zu beschreiten sind.

          So viel Unruhe im Stillstand war selten, und dass nun die Stunde jener Passivität schlagen würde, die der hiesige Kunstdiskurs vor einigen Jahren als übersehene Tugend rehabilitieren wollte, lässt sich kaum behaupten. Stattdessen schärft die Krise bei allen am Markt Beteiligten die Einsicht, die Kathrin Busch, Professorin für Designtheorie an der Berliner Universität der Künste, so beschrieben hat: dass nämlich „Herstellen und Handeln nicht abzulösen sind von den Anstößen, Widerfahrnissen und Anrufungen, auf die sie antworten“.

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