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Galerieausstellung : Nach dem Frost

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Die Natur als Geste der Kunst: Die Pariser Galerie Catherine Putman zeigt Arbeiten des französischen Künstlers Jean Messagier

          Jean Messagier lässt sich keiner künstlerischen Bewegung zuordnen. Vielleicht ist auch das der Grund, warum er nach seinem Tod 1999 erst einmal in Vergessenheit geriet. Und jetzt wieder ausgestellt wird – im Zuge des Revivals der französischen fünfziger, sechziger und siebziger Jahre. Geboren 1920 in Paris, wuchs er nach dem Zweiten Weltkrieg in eine Zeit hinein, die auch in der Kunst einer „Stunde Null“ entsprach, auf der Suche nach neuen Wegen. Paris hatte seinen Avantgarde-Status verloren, die schöpferischen Aufbrüche von Abstraktion, Surrealismus und Dada gehörten der Vergangenheit an. Nur Picasso galt noch als Übervater, an dem kein junger Künstler gefahrlos vorbeimanövrieren konnte. In Messagiers frühen Arbeiten lässt sich noch ein kubistischer, picassohafter Einfluss ausmachen. Später soll er den vielzitierten Satz des Meisters – „Ich suche nicht, ich finde“ – parodierend umgedreht haben: „Ich finde nicht, ich suche.“

          Mit diesem Credo des schöpferischen Zweifels lässt sich Messagier als ein experimentierender Künstler fassen, der die ausschließende Rivalität zwischen Abstraktion und Figuration ignoriert, um ungestört in einem Zwischenreich gestalten zu können. Wenn es für ihn ein Vorbild oder eine Schule gibt, dann ist es die Natur. Weniger als Modell für das Malen, Zeichnen, Skulptieren von Landschaft, Fauna oder Flora, als vielmehr die Natur als Energie und formgebende Materie, als Farbe auch – und deshalb Vibration. Ein Ausdruck davon sind die girations, Arbeiten, die in ausholenden, kreisenden Bewegungen entstehen.

          Farbige Pulsschläge und oszillierende Flügel

          Dabei wachsen dichte, ineinander verschlungene Schleifen zu harmonischen Gebilden und wirken wie farbige Pulsschläge, taumelnde Blätter oder oszillierende Flügel. Ganz anders ist Messagiers Umgang mit Bronze; dort fängt er die Natur, immer am Rand zur Figuration, im Abdruck ein: etwa Blätter mit ihrer Textur, ihrer Äderung, die zu fossilisieren scheinen. Eine elegant abstrakte Bronze trägt den Titel „Zwischen den Bäumen“; sie scheint als Hohlform das Licht zwischen Baumsilhouetten zu materialisieren.

          Die Pariser Galerie Catherine Putman zeigt neben einigen Skulpturen (800 bis 6000 Euro) gut zwanzig Arbeiten auf Papier in diversen Techniken, die der Künstler besonders schätze: Gouache und Pastell, außerdem Monotypie und Radierung mit Aquatinta. Sie stammen aus mehr als drei Jahrzehnten, von Mitte der sechziger Jahre – nach der Teilnahme an der Biennale in Venedig 1962 und der DocumentaIII von 1964 – bis in die neunziger Jahre hinein.

          Seit den sechziger Jahren lebte Messagier in einer alten Mühle bei Montbéliard in der Franche-Comté. Dort entwickelte er seine gels, seine „Frost“-Arbeiten. Ein in recht schneller Geste gemaltes Gouache-Blatt wird noch feucht bei Minustemperaturen ins Freie gelegt. Dort ist es die Natur, die an dem Blatt weiterarbeitet und feine Eisblumen in die Gouache-Farbe zaubert. Drei solcher gels sind in der Galerie ausgestellt (je 4500 Euro).

          Jean Messagier, dessen Schaffen unablässig die Natur umkreist, hat trotz seiner oft überschwenglichen Farben und Motive die melancholische Haltung von einem, der meint, sich seinem Ziel immer nur annähern zu können. Die Titel ergänzen seine Arbeiten auf poetische Weise: „Hommage an die wilde Rapunzel“ heißt eine saftig grüne Pastellzeichnung mit Aerosol-Farbe von 1976 (2500 Euro), in der sich Energien zu kondensieren scheinen. „Die Krönung der Kaulquappen“ nennt er eine dynamisch züngelnde, fröhliche Figuration zwischen Märchenbild und aquatischer Landschaft (5000 Euro). Unter den Radierungen (500 bis 880 Euro) fällt eine giration in dichten knallgrünen Schleifenlinien auf: Er nannte sie „Printemps à déplisser“ – sich entfältelnder Frühling. Man denkt an noch zart zerknautschte Blättchen, die aus Knospen sprießen. An Selbstironie fehlte es Messagier nicht, denn für sein Grab wünschte er sich das Epitaph „Hier ruht Jean Messagier, Doktor der Frühlingslehre“. (Bis zum 10. März.)

          Bettina Wohlfarth

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