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Werke von Stefan Moses : Gefangen in einer Atmosphäre hilflosen Vertrauens

Nachruf statt Geburtstagsfeier: Der Fotograf Stefan Moses schuf ein Leben lang Porträts verschiedenster Menschen. Die Galerie von Johanna Breede zeigt in Berlin Werke des Künstlers, der Anfang des Jahres verstorben ist.

          Stefan Moses war der Chronist der Deutschen. In immer neuen Serien mit immer neuen Ideen schuf er ein Leben lang Porträts. Arbeiter und Angestellte fotografierte er auf der Straße vor einem grauen Tuch. Politiker besuchte er in deren Büros und forderte sie auf, eine Hantel zu stemmen. Mit Schauspielern verabredete er sich im Wald. Die geistige Elite des Landes ließ er vor einem Schneiderspiegel posieren. Und Maler und Bildhauer hat er gebeten, ihr Gesicht hinter selbstgebastelten Masken zu verbergen – gerade so, als entlarve sich deren Charaktere dadurch nur umso mehr.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Ursprünglich begonnen als Magazinreportagen, meistens für den „Stern“, blieb Moses manchem Einfall auch Jahre später noch treu, und so füllte, was als pointierte Bildgeschichte begann, später dicke Folianten und hohe Stapel von Archivkartons.

          „Künstler“ heißt nun eine Ausstellung mit Porträtaufnahmen von Stefan Moses, die er gemeinsam mit der Galeristin Johanna Breede aus seinem Bestand alter Abzüge ausgewählt hat – und mit der er in diesen Tagen seinen neunzigsten Geburtstag hatte feiern wollen. Stefan Moses hat das Jubiläum nicht mehr erlebt, am 3. Februar erlag er einer schweren Krankheit. So wurde die kleine Präsentation stattdessen zu einer Art Nachruf.

          Konzentrierte Arbeit und ehrliche Sympathie

          Knapp vierzig Bilder aus mehr als drei Jahrzehnten sind gleichermaßen eine Übersicht der Kunst in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs – von Hannah Höch und Meret Oppenheim über Joseph Beuys und Gerhard Richter bis zu Jörg Immendorff und Neo Rauch – wie Zeugnisse für das Einfühlungsvermögen des Fotografen. Denn was so leicht daherkommt, bisweilen gar sprüht vor Witz, verdankt sich konzentrierter Arbeit, die er an Ort und Stelle hinter ehrlicher Sympathie versteckte.

          Wie sich das darstellte, hat Loriot nach einem Besuch von Moses beschrieben: „Er lächelt gütig. Durch viele sanfte, zustimmende Worte entsteht der trügerische Eindruck eines Gesprächs, als habe das fotografische Opfer noch einen eigenen Willen, als habe es zu seiner Selbstdarstellung noch irgendetwas beizutragen. Letzte Widerstände und anfängliche Wachsamkeit wandeln sich zu einer Atmosphäre hilflosen Vertrauens.“

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