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Künstler als Unternehmer : Gab es die Firma Van Gogh & Van Gogh?

  • -Aktualisiert am

Wouter van der Veen stellt in seinem Buch die steile These auf, Vincent und Theo van Gogh seien Kunstmarktstrategen gewesen. Dabei beruft er sich vor allem auf die Korrespondenz zwischen den beiden Brüdern. Überzeugt das?

          Vincent van Gogh trug dazu bei, Arles weltweit bekannt zu machen, mit Szenen aus der Stadt an der Rhône und aus ihrer Umgebung. In Arles mietete der Niederländer ein Haus mit gelber Fassade und grünen Fensterläden, in das er Paul Gauguin einlud, ein „Atelier des Südens“ mit Leben zu erfüllen. Der in Arles ansässige Verlag Actes Sud hat dem Maler und Zeichner jetzt eine bemerkenswerte Neuerscheinung gewidmet.

          Doch das Buch des Van-Gogh-Kenners Wouter van der Veen gilt dem Aufenthalt Van Goghs in Arles und der Episode mit Gauguin, die zu Streit und zum Verlust eines Stücks Ohr führte, nur am Rande. Der Titel lautet ins Deutsche übersetzt „Das Kapital von Van Gogh – Oder wie die Brüder Van Gogh Warren Buffett übertrumpft haben“. Das Buch rekapituliert auf wenigen Seiten markante Stationen im Leben und Wirken des Künstlers: von der Geburt 1853 in Groot-Zundert über Den Haag, Antwerpen, Paris, Saint-Rémy-de-Provence bis nach Auvers-sur-Oise, wo er 1890 starb. Der Schnelldurchlauf interessiert sich für Etappen Van Goghs auf dem Weg eines langfristigen Kalküls – und bürstet dabei manches gegen den Strich.

          Im Mittelpunkt steht die These Van der Veens, der Künstler habe den Ehrgeiz und den Willen besessen, durch seine Form der Selbstvermarktung und durch Investitionen in Werke diverser zeitgenössischer Kollegen zu Anerkennung und geschäftlichem Erfolg zu kommen – kurz, Vincent van Gogh sei ein Kunstmarktstratege gewesen. Der dabei unerlässliche Partner und Investor sei sein jüngerer Bruder Theo gewesen.

          Während der Maler nicht nur mit Leinwand, Pinsel und Farbe visionär tätig war, sondern auch mit Blick darauf, wie seine Kunst – auch angesichts sich allmählich wandelnden Geschmacks – im Wert steigend altere, soll Theo – mit regelmäßigen Finanzspritzen und seinem Netzwerk als Kunsthändler – dazu beigetragen haben, die gemeinsamen Interessen zu verfolgen: nicht aus Bruderliebe, sondern um handfeste Ziele zu erreichen, die auf Dauer beiden zugutekommen sollten. So habe das „Unternehmen“, das man als „Firma Van Gogh&Van Gogh“ ins Handelsregister hätte eintragen können, darauf abgezielt, mit den anvertrauten „Pfunden zu wuchern“.

          Steile Thesen und unorthodoxe Fragen

          Tatsächlich beweisen viele Künstlerviten, wie hartnäckig sich Mythen halten. Und Wouter van der Veen, Jahrgang 1974, geht nicht ganz zu Unrecht davon aus, dass Leben und Werk Van Goghs zu einer Legendenbildung geführt haben, die ihresgleichen sucht. Vieles, was geschrieben wurde, hat die Mär vom mittellosen, verlotterten und unverstandenen Kunstgenie zementiert. Literarische Überhöhung oder Psychologie, so der Autor, hätten daran Anteil; er erwähnt „Van Gogh, der Selbstmörder durch die Gesellschaft“ von Antonin Artaud.

          Seinerseits beruft sich Van der Veen primär auf Van Goghs Korrespondenz, vor allem mit dem Bruder Theo. Obwohl diese Briefe seit langem publiziert sind – Van der Veen war selbst 2009 an einer niederländischen Neuausgabe der Briefwechsel beteiligt –, sei manche Äußerung überlesen worden. Was den Autor besonders interessiert, sind solche Hinweise, die eine langfristige Strategie offenbaren: Diese sei klar herauszufiltern und habe ihren Ursprung im Calvinismus der Familie Van Gogh.

          Der in Utrecht über Literatur in den Briefen Vincent van Goghs promovierte Van der Veen war zu Beginn seiner Berufstätigkeit Dozent für niederländische Landeskunde in Straßburg. Er trat zudem als Verfasser diverser Publikationen über Van Gogh hervor, bevor er für das „Institut Van Gogh“ in Auvers-sur-Oise tätig wurde. So nennt sich – etwas hochtrabend – der Ableger eines eingetragenen Vereins, der Fragen zu Leben und Werk des Künstlers nachgeht und der das Landgasthaus „Auberge Ravoux“ vor einigen Jahren renoviert und als Gedenkstätte „Maison de Van Gogh“ eingerichtet hat. Dort verbrachte Van Gogh seine letzten Lebenswochen und erlag schließlich einer Schussverletzung; zu besichtigen ist vor allem die Dachkammer, in der er starb.

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