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Für Schlingensiefs Operndorf : Von Afrika lernen

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Matthew Barney, Patti Smith, Katharina Sieverding und viele mehr: Bei der Benefizauktion für Schlingensiefs Operndorf in Burkina Faso beweisen große Künstler Engagement und stiften ihre Werke.

          „Es ist mein wichtigstes Projekt“, hat Christoph Schlingensief über das Operndorf Afrika gesagt, das er in Burkina Faso ins Leben gerufen hat. Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt. Bei dem Operndorf handelt es sich aber nicht um Entwicklungshilfe, betont Schlingensiefs Lebensgefährtin Aino Laberenz, sondern um ein Kunstprojekt, um „soziale Plastik, so wie Christoph sie verstanden hat“. Über allem steht das Motto „Von Afrika lernen“. Die Fertigstellung des ersten Bauabschnitts mit sechzehn Häusern, mit Klassenräumen, einer Kantine und einem Tonstudio hat der Regisseur und Aktionskünstler nicht mehr miterlebt. Oder doch? „Christoph Schlingensief ist nicht tot“, schreibt der Direktor der Tate Gallery, Chris Dercon, im Vorwort des Auktionskatalogs, „er hat sich nur sehr gut versteckt.“

          Als sich Laberenz Ende 2011 mit einer E-Mail an Matthew Barney wandte, um auszuloten, ob er bereit wäre, ein Kunstwerk für eine Benefizauktion beizusteuern, habe der Künstler „innerhalb von Sekunden“ begeistert geantwortet: „Da wusste ich, es kann losgehen“, sagt sie. Von Barney stammt der mystische „Cremaster 3: Plumb Line“, ein C-Print, auf dem eine Tigerkatze neben einem Pendel wacht wie eine Tempeldienerin, im milchig grün und apricotfarben schimmernden Rahmen (Taxe 19 500 Euro). Viele Künstler mit besonderen Verbindungen zu Schlingensief, wie John Bock, Wim Wenders, Katharina Sieverding und Andreas Gursky, sagten ihre Unterstützung zu.

          Patti Smith lieferte eine weiße Spanplatte in Größe einer Tür ein, auf der sie während ihrer gemeinsamen Ausstellung in der Galerie Sonja Junkers in München 2010 mit schwarzem Stift ein Souvenir ihrer Freundschaft gezeichnet und gedichtet hat: „. . . our friendship on earth and in the stratosphere of love and memory . . .“ (8000). „Bauernskulptur, Zitterwürfel“ von John Bock besteht aus einer am Boden liegenden Metallkonstruktion, die aussieht, als hätte der Künstler zwei Bahren überkreuzt. Die billige Plastikreisetasche daneben ruft durch ihre Leichtigkeit den tröstlichen Gedanken an die Möglichkeit der Auferstehung wach (15.000).

          Der Galerist Folker Skulima hat ein herrliches Schüttbild von Herrmann Nitsch (15.000) beigetragen, Gotthard Graubner eines seiner pigmentgetränkten Kissenbilder (27.000) und Valie Export (mit der Charim Galerie) das Schwarzweißfotounikat einer Körperkonfiguration (25.000). Eberhard Havekost stiftete (mit der Galerie Gebrüder Lehmann) das Gemälde „Glanz“ (50.000), Georg Baselitz (mit der Galerie Contemporary Fine Arts) das Aquarell einer Hand auf blauem Grund aus dem Jahr 2006 (30.000) und Thomas Scheibitz (mit der Galerie Sprüth Magers) ein Gemälde ohne Titel frisch von der Staffelei (13.000).

          Elmgreen & Dragset gaben die Installation „Top & Bottom“ von 2007: Sie besteht aus zwei Wasserhähnen, die mit einem schwarzen Schlauch verbunden sind (Auflage 10; 7000). Von Christoph Schlingensief selbst stammt ein originales Theaterkostüm mit Plastikbrustschild, Helm mit rotem Federbusch und roten Schuhen mit abenteuerlich hohen Absätzen, das er in „Bambiland“, seiner ersten Produktion für das Wiener Burgtheater im Jahr 2003, getragen hat (10.000). Für ihn war das Kostüm mehr als ein Outfit, heißt es in der Beschreibung: „Es war ein oftzitiertes Synonym für seinen künstlerischen Synkretismus.“

          Für Schlingensief hat keiner lange gezögert: Peter Raue, der im Beirat des Operndorfs ist und bei der Auktion am 8. März den Hammer schwingen wird, hebt hervor, wie glücklich er ist, dass der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, nicht nur den Raum zur Ausstellung der Werke bereitstellt, sondern dass die Auktion selbst am Abend des 8. März in der prächtigen großen Halle des Hamburger Bahnhofs stattfinden kann. (Diese Möglichkeit ergibt sich zwischen dem Abbau der eben zu Ende gegangenen Tomas-Saraceno-Ausstellung und dem Aufbau der kommenden Schau von Anthony McCall.)

          Großzügig war auch Mick Flick, dessen Sammlung nur wenige Meter weiter im Hamburger Bahnhof präsentiert wird. Er hat eine Gouache von Sigmar Polke aus dem Jahr 1987 eingeliefert (35.000) und sagte der Stiftung zugunsten des Operndorfs eine Spende von 250.000 Euro zu. Insgesamt werden rund achtzig Werke versteigert, deren Schätzungen sich auf rund eine Million Euro summieren. Dafür kann in der zweiten Bauphase die Schule des Operndorfs erweitert werden, und es soll eine Krankenstation und eine Solaranlage geben, mit denen das Dorf unabhängig von der staatlichen Stromversorgung operieren kann.

          „Was für eine Kunst, wenn uns Kinder und Jugendliche, die einen Unterricht besuchen können, an ihrem Wissen teilnehmen lassen!“, schrieb Schlingensief, „was für ein Fest, wenn sie ihre eigenen Bilder machen, Instrumente bauen, Geschichten schreiben, Bands gründen. Und was für eine Oper, wenn in der Krankenstation, die wir bauen wollen, ein neugeborenes Kind schreit!“ - Alle Lose sind online unter www.auktion3000.de zu besichtigen, dort können auch schriftliche und telefonische Gebote angemeldet werden.

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