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Galerieausstellung in Berlin : Fünf Künstler aus Kiew

Constantin Roudeshko, „The Ohr Elyon / The Masach (Diptych)“, 2014, Acryl auf Leinwand, perforiert, zwei Elemente, je 140 mal 140 Zentimeter, 9000 Euro Bild: Galerie Diehl / Constantin Roudeshko

Die Galerie Diehl in Berlin präsentiert fünf abstrakte Maler aus der Ukraine. Geplant war eigentlich die Soloschau eines russischen Künstlers - der das neue Programm ausdrücklich unterstützt.

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          „Out of the Depths . . .“ ist die Ausstellung fünf ukrainischer Künstler untertitelt, die in der Berliner Galerie Diehl zu sehen ist – ein Verweis auf Psalm 130 „De profundis“, den Martin Luther in seinem Kirchenlied adaptierte. Die Zeiten sind danach: Täglich kommen Meldungen von Gräueltaten aus der von Russland überfallenen Ukraine. Ein Zeichen der Selbstbehauptung ist nun jeder Auftritt von Künstlern oder Kunst aus dem angegriffenen Land, ein Akt der Solidarität, ihnen Sichtbarkeit zu verschaffen.

          Ursula Scheer
          Redakteurin im Feuilleton.

          Der Galerist Volker Diehl hat es spontan ermöglicht. Eigentlich hätte bei ihm dieser Tage der in Moskau und Köln lebende russische Künstler Yuri Albert eine Soloschau gehabt. Teile von dessen Arbeiten hätten aus Russland angeliefert werden sollen, was zurzeit unmöglich ist. Doch schwerer noch, sagt der Künstler, wiege für ihn das Gefühl einer inneren Lähmung: „Ich kann derzeit überhaupt nicht an Kunst oder Ausstellungen denken, nicht in einer solch grauenvollen und schockierenden Lage.“ Dass sein Land diesen Krieg entfessele, erschüttere ihn, dass der Galerist Volker Diehl anstelle seiner nun Werke ukrainischer Künstler zeige, lobt er als eine „sehr gute Entscheidung“. Albert erzählt von russischen Kulturschaffenden, die offene Briefe gegen den Krieg unterzeichneten, und von im Ausland lebenden Künstlern aus Russland, die ihre Arbeiten nicht mehr in der Heimat ausgestellt sehen wollten. Er selbst habe die Zusammenarbeit mit mehreren Museen in Russland abgelehnt. Ihre Namen behält er für sich, um die Kuratoren nicht in Gefahr zu bringen.

          Tiberiy Szilvashi, „Kinovar' (Diptych)“, 2013, Öl auf Leinwand, 190 mal 30 und 180 mal 150 Zentimeter, 25.000 Euro
          Tiberiy Szilvashi, „Kinovar' (Diptych)“, 2013, Öl auf Leinwand, 190 mal 30 und 180 mal 150 Zentimeter, 25.000 Euro : Bild: Galerie Volker Diehl / Tiberiy Szilvashi

          Werke älterer und jüngerer Künstler aus Kiew versammelt die Galerie Diehl. Sie sind befreundet, doch bilden keine feste Gruppe. Alle aber haben sich der abstrakten Malerei verschrieben, der in der Ukraine auch Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der den Sozialistischen Realismus verordnenden UdSSR noch eine dominante figurative Tradition gegenübersteht. Dabei gingen vom Gebiet der heutigen Ukraine entscheidende Impulse für den künstlerischen Aufbruch aus, der unter dem Begriff russische Avantgarde subsumiert wird: Der Suprematist Kasimir Malewitsch, Schöpfer des „Schwarzen Quadrats“, wurde ebenso in Kiew geboren wie der nach Amerika emigrierte kubistische Bildhauer Alexander Archipenko; Wladimir Tatlin, Begründer des Konstruktivismus, wuchs in Charkow auf und lehrte in Kiew am Kunstinstitut.

          Serge Momot, „Untitled (Diptych)“, 2014, Acryl auf Leinwand, 25 mal 25 mal 4 Zentimeter, 5000 Euro
          Serge Momot, „Untitled (Diptych)“, 2014, Acryl auf Leinwand, 25 mal 25 mal 4 Zentimeter, 5000 Euro : Bild: Galerie Diehl

          Auf Malewitschs Pionierleistung beziehen sich eine Reihe von Arbeiten in der Schau. Serge Momot erweist dem Avantgardisten durch Quader in Schwarz und Weiß Reverenz, etwa überzogene Bücher (4500 bis 5000 Euro). Gegenstandslose Monochromie ins Haptische überführt Badri Gubianuri. Beinahe ornamental changieren Grün- und Grautöne in seiner knapp drei Meter hohen, aus dem Wachs von Kerzenstummeln aus orthodoxen Kirchen gefertigten Tafel „Work from Candle Stubs (Big)“ (16.000 Euro). Serhiy Popov, Jahrgang 1978 und damit rund fünfzehn Jahre jünger als die Erstgenannten, stellt weiße Schachteln skulptural in den Raum („Multitude’s Elements“, 3500 Euro). Constantin Roudeshko rekurriert auf die Op-Art mit einer perforierten Doppelleinwand „The Ohr Elyon / The Masach (Diptych)“ (9000 Euro), und Tiberiy Szilvashi ist mit zart aquarellierten bis pastos mit Ölfarbe auf die Leinwand gebrachten Farbfeldern vertreten (1800 bis 25.000 Euro).

          Volker Diehl konnte die Schau praktisch ad hoc eröffnen, weil er vor einigen Jahren bereits Arbeiten der fünf Künstler gezeigt hatte. Damals fehlte die Resonanz, die nun aus schrecklichem Grund da ist. Mindestens zwanzig Prozent des Erlöses sollen an die Caritas Ukraine gehen, der Rest an die Künstler. Die Fünf sind zersprengt: Constantin Roudeshko befand sich bei Kriegsausbruch in Bulgarien und blieb. Der sechzigjährige Badri Gubianuri kam nach Berlin und kann die erste Zeit mit einem Stipendium der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf überbrücken. Drei der Künstler sind zu jung, um das Land zu verlassen; und der 75 Jahre alte Tiberiy Szilvashi hat sich entschieden, auszuharren. Fast täglich gehe er in sein Kiewer Atelier, berichtet Diehl, und arbeite.

          „Five Artists from Ukraine – Out of the Depths . . .“, Galerie Diehl, Berlin, bis 15. April

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