https://www.faz.net/-gqz-9xxyc

Frühjahrsauktion bei Bassenge : Rette dich in die Nacht

Wertvolle Bücher und Autographen werden bei Bassenge versteigert. Darunter ist bemerkenswertes Material des Dichters Georg Heym aus dem Nachlass eines Hamburger Germanisten.

          2 Min.

          Das aufgewühlte Timbre expressionistischer Lyrik von Georg Heym und Ernst Stadler grenzt sich fundamental vom Tonfall der meisten knapp 3000 Bücher und Autographen ab, die vom 7. bis zum 9. April bei Bassenge in Berlin zur Versteigerung gelangen. Wegen der Corona-Krise wird die Auktion im Saal stattfinden, allerdings voraussichtlich praktisch ohne Publikum, und wie üblich online übertragen werden. Gebote können von daheim aus schriftlich, telefonisch oder per Fax abgegeben werden, und es kann online mitgeboten werden.

          Camilla Blechen

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Das literarhistorisch aufschlussreiche Material zu Heym und Stadler entstammt dem Nachlass des Hamburger Germanisten Karl Ludwig Schneider, der in den sechziger Jahren eine vierbändige Ausgabe von Heyms Gedichten veröffentlichte. Dafür hatte Schneider Kontakt aufgenommen mit dem Weggefährten und Nachlassbetreuer des Dichters, der am 16. Januar 1912 beim Versuch, seinen Freund Ernst Balcke zu retten, in der vereisten Havel ertrank. In Erwin Loewenson, der unter dem Pseudonym Golo Gangi auftrat und publizierte, besaß Heym einen selbstlosen Bewunderer mit ausgeprägtem Sinn für die Rückstände lyrischer Produktion, für Konzepte und Verworfenes, die er schon zu Lebzeiten Heyms geborgen und verwahrt hatte. Für 40.000 Euro angeboten wird ein Konvolut eigenhändiger Gedichtabschriften aus den Jahren 1910 und 1911. Für 20.000 Euro abrufbar sind 24 Gedichte, die der am 30. Oktober 1914 im Ersten Weltkrieg gefallene Ernst Stadler, vor seiner „Praeludien“ überschriebenen Erstveröffentlichung, bereits im Herbst 1904 zu Papier gebracht hatte.

          Ergänzt werden die von Erwin Loewenson zusammengetragenen Archivalien durch die 1924 postum bei Kurt Wolff erschienene, von Ernst Ludwig Kirchner illustrierte Anthologie „Umbra Vitae“ mit Heyms emphatischer Aufforderung „Rette dich in das Herz der Nacht“ (Taxe 9000 Euro). Ein Widmungsexemplar der 1923 im Querschnitt-Verlag edierten Gedichte von Else Lasker-Schüler – mit zehn signierten Original-Lithographien des „Prinzen von Theben“ – soll 6000 Euro einspielen. An Lasker-Schülers Verehrer „Giselheer“ Gottfried Benn erinnert ein Farbholzschnitt von Conrad Felixmüller, der lange nach beider Tod 1976 im Rahmen einer Buchillustration entstand (450). Reich mit vierzig Publikationen aus einem halben Jahrhundert vertreten ist Hermann Hesse; sein 1943 in Zürich erschienenes „Glasperlenspiel“ wird für 150 Euro angeboten. Eine gewisse Aktualität hat eine 1972 entstandene Karikatur des Schriftstellers Peter Handke, der als Rotschopf mit dunkler Brille einem Fußball nachjagt; der Siebdruck mit einem Autograph Handkes ist auf 600 Euro geschätzt.

          Zur Nachfeier von Alexander von Humboldts 250. Geburtstag empfehlen sich vier Handschreiben des preußischen Universalisten, in denen es teilweise um seine Präsenz als „Kulturreferent“ König Friedrich Wilhelms IV. geht (Taxen 300 bis 1800 Euro). Robert Schumanns letzter Brief vor seinem Selbstmordversuch in den Fluten des Rheins, der ihn von verheerenden Stimmungswechseln erlösen sollte, könnte bei 12.000 Euro einen neuen Besitzer finden. Kostbar – und entsprechend mit einer Erwartung von 48.000 Euro versehen – ist in der Sektion „Naturwissenschaften“ René Descartes’ 1637 anonym erschienener „Discours de la méthode“, gebunden in hellbraunes Kalbsleder mit dem goldgeprägten Wappen der Vorbesitzer. Begehrt von Liebhabern der Jagd könnte ein von Johann Elias Ridinger illustriertes Ansichten-Werk mit Darstellungen von Hirschen und Rehen, Steinböcken und Pferden, Luchsen und Wieseln sein (35.000). Nach einem raren Frühwerk Adolph von Menzels muss man bei den Kinderbüchern fahnden: Dem „Kleinen Gesellschafter für freundliche Knaben und Mädchen von 5 bis 10 Jahren“, den Emilie Feige 1836 verfasst hat, assistieren dreißig ansehnliche Lithographien, die der 21 Jahre alte Künstler in der Werkstatt des verstorbenen Vaters gedruckt hatte (5000).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konjunkturpaket : Verzweifelt in die Vollen

          Das Konjunkturpaket der Bundesregierung ist überdimensioniert. Die Dimension soll Zuversicht wecken, für den Aufschwung ist auch das wichtig. Der Wucht des staatlichen Eingreifens ohne Rücksicht auf Schulden haftet aber langsam auch etwas Verzweifeltes an.
          Der bisherige amerikanische Botschafter Richard Grenell Ende Januar bei einer Pressekonferenz in Berlin

          Konflikt im Kosovo : Der diplomatische Stellvertreterkrieg

          Auf dem Balkan sind die EU und Washington von Verbündeten zu Gegnern geworden. Einer der wesentlichen Protagonisten ist Richard Grenell, bis vor kurzem amerikanischer Botschafter in Berlin.

          Probefahrt mit Tesla Model Y : Ick werd ein Berliner

          Als halbwegs kompaktes SUV erscheint das Model Y vertraut und fremd zugleich. Technisch eng verwandt mit dem vor Jahresfrist eingeführten Model 3. Der Qualitätseindruck ist typisch Tesla.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.