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Frieze Art Fair : Kunst – nicht nur der Umwelt zuliebe

In London hat die Frieze Art Fair ihre Themen in Klimawandel und Kolonialisierung gefunden. Die Frieze Masters hat einen Superstar, der aber nicht reisen darf.

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          Als Boris Johnson dieser Tage beim konservativen Parteitag in Manchester durch das Kongresszentrum schritt, nahm er im Vorbeigehen einen Kaffeebecher dankbar entgegen. Der britische Premierminister wirkte verdutzt, als eine Gehilfin ihm das Gefäß sogleich wieder aus der Hand riss. Man hörte sie murmeln „Wegwerfbecher“. Sie hatte blitzschnell erkannt, dass es sich für einen Premierminister nicht zieme, kurz vor den Wahlen mangelndes Umweltbewusstsein an den Tag zu legen, indem er von den Fernsehkameras mit einem Symbol der Wegwerfgesellschaft festgehalten wird. Das Thema Umwelt beschäftigt auch die Frieze Art Fair im Schatten des Brexits. Es bedurfte nicht des antikapitalistischen Protests der Klimaaktivisten „Extinction Rebellion“ am Messeeingang, um die Organisatoren auf den Konflikt hinzuweisen zwischen Umweltbewusstsein und dem unökologischen Fußabdruck, den eine internationale Veranstaltung dieses Ausmaßes allein durch die von überall her mit dem Flugzeug anreisenden Teilnehmer und Besucher erzeugt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Bei der Galerie Seventeen aus dem Londoner Osten ist der Boden mit 180 toten Halsbandsittichen aus Blei übersät, ein doppeltes Symbol der Umweltbedrohung. Nicht nur, dass die einst als Exoten aus wärmeren Gefilden geltende Papageien-Art dank des Klimawandels inzwischen auch in nördlicheren Ländern im Freien überlebt, wie täglich in den Londoner Kensington Gardens zu beobachten ist, wo die krächzenden grünen Vögel den Tauben Konkurrenz machen. Der junge Brite Patrick Goddard erregt mit seiner Installation „Blue Sky Thinking“ (18.000 Pfund) zugleich Aufmerksamkeit für die möglichen Folgen des Treibhauseffekts. Goddard ist einer von mehreren Künstlern aus verschiedenen Kontinenten, die sich des Themas annehmen, darunter der französisich-algerische Neïl Beloufa – auf dessen MDF-Reliefs von Strandszenen im Stand der Pariser Galerie Kamel Mennour man den herangespülten Abfall mit seinen trügerisch fröhlichen Farben zunächst übersieht – oder die gebürtige Inderin Himali Singh Soin. Als Trägerin des diesjährigen Frieze-Künstlerpreises stellt sie in ihrem mit der Auszeichnung verbundenen Auftragswerk „We are Opposite Like That“, einem zwölf Minuten dauernden Video mit Aufnahmen einer Arktis-Reise, historische Bezüge her zwischen unseren gegenwärtigen Befürchtungen und den Ängsten der Viktorianer vor einer neuen Eiszeit.

          Der Klimawandel ist freilich nur eines der Themen, die von dem Bemühen zeugen, den Kunstmarkt durch das Aufgreifen politisch aktueller Debatten zu beleben. Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr die Sektion „Woven“ (Gewebt), die – an Ausstellungen anknüpfend wie die Retrospektiven von Anni Albers in der Tate Modern und der indischen Bildhauerin Mrinalkini Mukherjee in der Met Breuer – sich nicht nur gegen die bisherige Marginalisierung von Textilkunst als weibliche Gattung, als Handwerk oder als völkische Kunst stemmt, sondern auch den eurozentrischen Blick zurechtrücken will. Die Arbeiten der acht größtenteils aus Süd- und Südostasien stammenden, jeweils von ihren Galerien vertretenen Künstler befassen sich auf sehr unterschiedliche Weise mit identitätspolitischen Fragen: So webt Angela Su anatomische Bilder aus Haar, weil das Haareschneiden ein historisches Symbol der Unterdrückung war. Ihre feingliedrigen Darstellungen von Augen, Genitalien und Organen sollen als Allegorien der körperlichen Fragmentierung zu verstehen sein, in denen sich die physischen und psychischen Erfahrungen des Lebens im postkolonialen Hongkong spiegeln. Anders setzt der Filipino Cian Dayrit in seinen bestickten Textilien traditionelle ethnologische und kartographische Motive subversiv ein, um ein Schlaglicht auf die Folgen der Kolonialisierung zu werfen.

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