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Französische Auktionen 2021 : Umsätze wie nie und eine sagenhafte SMS

  • -Aktualisiert am

Toplos des Jahres in Frankreich: René Magritte, „La Vengeance“, 1936, Öl auf Leinwand, 54,5 mal 65,5 Zentimeter, für 12,5 Millionen Euro versteigert Bild: Christie`s

Der französische Auktionsmarkt hat 2021 die Krise hinter sich gelassen. Besonders bei digitalen Auktionen steht Paris als wichtigste europäische Kunstmarktstadt höher denn je im Kurs.

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          Während die Galerien nachhaltig von Lockdowns, Reiseverboten und ausfallenden Messen getroffen wurden, zeigt der französische Auktionsmarkt nach dem Verlustjahr 2020, dass er in Angebot und Nachfrage auf sicherem Grund steht. Der Einbruch wurde 2021 mit überwiegend glänzenden Umsätzen mehr als wettgemacht. Die beschleunigte Digitalisierung schaffte Ausgleich. Sotheby’s France veröffentlicht, dass im vergangenen Jahr 93 Prozent aller Zuschläge durch Onlinegebote erfolgten. Die Zahl steht für einen tiefgreifenden Wandel, der auch längerfristig die Auktionssäle leeren wird. Paris steht nicht nur als Kunstmetropole, sondern seit dem Brexit auch als wichtigste Kunstmarktstadt der Europäischen Union besser denn je im Kurs: Weitere internationale Galerien und neue Museen haben sich angesiedelt, Christie’s erweiterte seine Ausstellungsgalerie an der Avenue Matignon, Sotheby’s plant den Umzug in einen größeren Hauptsitz für 2023.

          Im üblichen Umsatzduell der Marktführer konnte dieses Mal Sotheby’s mit einem knappen Vorsprung vor Christie’s das Jahr beschließen. Das Haus des Geschäftsmannes Patrick Drahi setzte mit öffentlichen Auktionen 424 Millionen Euro um und meldet im Vergleich zum schwierigen Jahr 2020 eine Steigerung von 145 Prozent. Im Vergleich zu 2019, einem starken Jahr für Sotheby’s, bleibt es immerhin bei einem Zuwachs von 19,6 Prozent. Erstmals werden auch Zahlen für die privat verhandelten Geschäfte genannt, die sonst gerne verschwiegen werden: zusätzliche 76 Millionen Euro mit einem bemerkenswerten Zuwachs von 54 Prozent. Es ist das stärkste Jahr seit Bestehen der französischen Filiale.

          Für 6,4 Millionen Euro versteigert: Domenico Gnoli, „Unbottoned Button“, 1969, Acryl und Sand auf Leinwand, 170 mal 130 Zentimeter
          Für 6,4 Millionen Euro versteigert: Domenico Gnoli, „Unbottoned Button“, 1969, Acryl und Sand auf Leinwand, 170 mal 130 Zentimeter : Bild: Millon

          Insbesondere die Bereiche Impressionismus/Moderne und Design erzielten bei Sotheby’s die höchsten je in Frankreich erwirtschafteten Jahresumsätze. Das Toplos wurde allerdings gemeinsam mit dem Auktionator Mirabaud Mercier versteigert: „Scène de rue à Montmar­tre“ von Vincent van Gogh, geschätzt auf 5 bis 8 Millionen Euro, wechselte für 11,25 Millionen Euro den Besitzer. In der Modernités-Offerte zur Messe FIAC wurde René Magrittes „L’art de la conversation“ aus dem Jahr 1950 mit 10,7 Millionen Euro bewertet (Taxe 9/12 Millionen Euro). Ein beachtliches Ergebnis erreichte auch eine seltene „Merz“-Assemblage von Kurt Schwitters. Das abstrakte Tableau „Ohne Titel (Dein Treufrischer)“, das wahrscheinlich dem Freund Raoul Hausmann gewidmet war, wurde mit 4,5 Millionen Euro honoriert (2,5/3,5 Millionen Euro). Nachdem So­theby’s schon 2019 die Sammlung des Künstlerpaares Claude und François-Xavier Lalanne zu einem Rekordpreis versteigert hatte, folgte nun die Kollektion der Tochter Dorothée. Sie brachte im November 81 Millionen Euro und viele Spitzenpreise ein. François-Xavier Lalannes archaischer Minotaurus in Bronze kletterte auf 6,8 Millionen Euro (1/1,5 Millionen Euro).

          Bei Christies: Jean-Paul Riopelle, „La Sombreuse“, 1936, Öl auf Leinwand, 280 mal 200 Zentimeter, für 3,1 Millionen Euro versteigert
          Bei Christies: Jean-Paul Riopelle, „La Sombreuse“, 1936, Öl auf Leinwand, 280 mal 200 Zentimeter, für 3,1 Millionen Euro versteigert : Bild: Christie`s

          Christie’s beschloss das vergangene Jahr mit 420,8 Millionen Euro Umsatz und folgt in einem Kopf-an-Kopf-Rennen mit Sotheby’s auf Platz zwei. Der Zuwachs beträgt 83 Prozent im Vergleich zu 2020 und 59 Prozent zu 2019. Die privat verhandelten Verkäufe, deren zusätzlicher Umsatz bei Christie’s nicht genannt wird, stiegen um 32 Prozent. Das Spitzenlos des Jahres im französischen Auktionsmarkt wurde im Haus von François Pinault zugeschlagen: Im Juni kletterte das rätselhafte Bild im Bild „La Vengeance“ von René Magritte von 1936 auf 12,5 Millionen Euro (6/10 Millionen Euro).

          Die Versteigerung der Sammlung afrikanischer und ozeanischer Stammeskunst des Kunsthändlers Michel Périnet gehörte mit einem Umsatz von 66 Millionen Euro zu den weiteren Höhepunkten bei Christie’s. Eine Maske von den Mortlock-Inseln wechselte für 7,8 Millionen Euro den Besitzer und verzehnfachte dabei seine obere Taxe. Einer der höchsten Zuschläge bei den Alten Meistern erging bei Christie’s in Kooperation mit dem Auktionshaus Tajan, als für Jean-Siméon Chardins „Femme à la fontaine“ 6 Millionen Euro bewilligt wurden.

          Eines der Toplose: Vincent van Goghs „Scène de rue à Montmartre“ von 1887 stieg bei Sotheby’s auf 11,25 Millionen Euro.
          Eines der Toplose: Vincent van Goghs „Scène de rue à Montmartre“ von 1887 stieg bei Sotheby’s auf 11,25 Millionen Euro. : Bild: Sotheby`s

          Den dritten Platz im Auktionsmarkt hält Artcurial – im Besitz der Industriellenfamilie Dassault und mit Abstand das größte französische Auktionshaus – mit 169 Millionen Euro. Im Vergleich zu 2020 bedeutet dies einen Zugewinn von 13 Prozent, allerdings einen Rückgang hinsichtlich 2019. Der Hammer für das teuerste Los bei Artcurial fiel gleich zu Beginn des Jahres, als die Aquarell- und Gouachezeichnung für ein letztlich nicht verwendetes Cover für das „Tim und Struppi“-Album „Der blaue Lotus“ bei 2,6 Millionen Euro seine Erwartung bestätigte (2/3 Millionen Euro). Zu den Highlights gehörte auch ein unerwartetes Bietergefecht um ein Gemälde aus dem Jahr 1910 des russischen Avantgarde-Malers Michail Larionow. Das „Por­trät von Dawid D. Burljuk“ wurde bei einer Taxe von 250.000 bis 350.000 Euro schließlich auf 2,4 Millionen Euro gehievt.

          François-Xavier Lalanne, „Minotaurus“, 2004, patiniertes Bronzeblech, 202 mal 190 mal 67 Zentimeter, bei Sotheby’s für 6,8 Millionen zugeschlagen.
          François-Xavier Lalanne, „Minotaurus“, 2004, patiniertes Bronzeblech, 202 mal 190 mal 67 Zentimeter, bei Sotheby’s für 6,8 Millionen zugeschlagen. : Bild: Sotheby’s / ArtDigital Studio

          Oft sind es die großen internationalen Häuser, die mit den Spitzenlosen der Gegenwart aufwarten. Im vergangenen Jahr wurde der höchste Zuschlag jedoch bei Millon gegeben, mit einem Umsatz von 81,7 Millionen Euro – ein Rekord – der viertgrößte Auktionator in Frankreich. „Unbuttoned Button“ des italienischen Malers Domenico Gnoli ging mit einer Taxe von 1 bis 1,5 Millionen Euro ins Bietergefecht und wurde erst bei 6,4 Millionen Euro abgegeben. Eine Handschrift Albert Einsteins, in der der Nobelpreisträger die Grundlagen der allgemeinen Relativitätstheorie erarbeitete, wurde vom Auktionator Aguttes aus Neuilly-sur-Seine in Kooperation mit Christie’s mit sagenhaften 10,2 Millionen Euro honoriert (2/3 Millionen Euro). Bei Aguttes kam im Dezember eines der außergewöhnlichsten Lose des vergangenen Jahres unter den Hammer. Die erste SMS der Welt aus dem Jahr 1992 erzielte als NFT den Preis von 107.000 Euro und damit seine untere Erwartung. Sie bestand aus fünfzehn Zeichen: „Merry Christmas“.

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