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Fotokunst : Weder ein Speicherfund, noch die „Helene Anderson Collection“

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          11 Min.

          Es war wie im Märchen. Fünfundzwanzig Jahre nach dem Tod der Mutter steigt der Sohn von Helene Anderson in Frankfurt auf den Dachboden und findet dort eine Kiste mit einem Fotoschatz: 234 vorzüglich erhaltene Aufnahmen der bedeutendsten Fotoavantgardisten der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Fast niemand fehlt: Edward Weston und Imogen Cunningham aus den Vereinigten Staaten, El Lissitzky, Alexander Rodtschenko und Dziga Vertov aus der Sowjetunion, Man Ray, Florence Henri und Germaine Krull aus Paris sind in der Sammlung mit herausragenden Bildern vertreten. Den Schwerpunkt der Sammlung bilden getreu dem international führenden Rang, den die deutschen Fotoavantgardisten in jenem Jahrzehnt einnahmen, Albert Renger-Patzsch, Laszlo Moholy-Nagy, Umbo, Karl Bloßfeldt, Hugo Erfurth, Werner Burchartz, Raoul Hausmann und viele andere mehr. Die Abzüge sind fast ausnahmslos von musealer Qualität. Ikonen der modernen Fotografie, die man bis dahin nur als kleine Abzüge im Format achtzehn mal vierundzwanzig gekannt hatte, lagen hier zum ersten Mal als großformatige Ausstellungsprints vor.

          Am 2. Mai 1997 wurde diese fulminante Sammlung als „Helene Anderson Collection“ im Auktionshaus Sotheby's in London verkauft. Händler und Sammler sprachen vom „sale of the century“. Entsprechend hoch fielen die Preise aus. Statt der geschätzten 1,8 Millionen Mark brachte die Auktion mehr als das Dreifache ein: Für viele der Fotografien wurden zuvor undenkbare Rekordpreise gezahlt. Dem Musiker und Komponisten Sir Elton John war das Fotoporträt einer Katze von Umbo 195 000 Mark wert; der Produzent der James-Bond-Filme und Fotosammler Michael Wilson erwarb ein Muschelfoto Edward Westons aus dem Jahr 1927 für 245 000 Mark; für das auf 28 000 Mark geschätzte Bild „Lotte (Auge)“ von Max Burchartz, ein Highlight der modernen Werbefotografie, mußte der Sammler Manfred Heiting 189 000 Mark bieten, um es sich zu sichern.

          Die größten Museen der Welt wetteiferten mit den finanzstärksten Händlern und Sammlern um einige der berühmtesten Fotos der Moderne. So wurde dieser einzigartige Fotoschatz zwischen dem Museum of Modern Art in New York, dem Victoria and Albert Museum in London, dem Musée National d'art moderne, Centre Georges Pompidou in Paris, der Gilman Paper Company Collection in New York und den Sammlungen Elton John, Robert Wilson, Manfred Heiting und Thomas Walther, um nur die bekanntesten zu nennen, aufgeteilt. Viele der Fotos aus diesen Privatsammlungen befinden sich heute in Museumsbesitz: Die Thomas-Walther-Sammlung ging an das New Yorker Museum of Modern Art; die Gilman Paper Company Collection an das dortige Metropolitan-Museum; die Sammlung Heiting in das Museum of Fine Arts in Houston.

          Faszinierende Hinweise

          Wer aber war diese ominöse Sammlerin? Niemand hatte je zuvor von einer Fotosammlerin namens Helene Anderson gehört. Bereits zwei Tage vor der Auktion hatte der Verfasser in einem Artikel in der F.A.Z. (Feuilleton vom 30. April 1997) auf mehrere in Künstler- und Museumsarchiven aufbewahrte Briefe hingewiesen, die nahelegten, daß die Provenienz gefälscht war. Aus diesen Dokumenten ging hervor, daß einige der angebotenen Fotos von dem damaligen Direktor des König-Albert-Museums in Zwickau erworben worden waren. Dieser hatte jedoch nicht für das Museum, sondern für einen befreundeten Industriellen gekauft, dessen Name zum Zeitpunkt der Auktion noch nicht bekannt war. Von einer Helene Anderson war nirgends die Rede.

          Hatte der Verfasser geglaubt, mit dieser Veröffentlichung Sotheby's dazu bewegen zu können, die Versteigerung auszusetzen, um Zeit für eine gründliche Recherche der Provenienz zu gewinnen - immerhin hatte das Auktionshaus, nachdem es bei der Beteiligung an der illegalen Ausfuhr eines Altmeistergemäldes aus Italien ertappt worden war, wenige Monate zuvor mit großer Presse einen neuen Ethikleitfaden herausgegeben, in dem die Klärung der Provenienz an oberster Stelle stand -, so sah er sich rasch enttäuscht. Bei einem Gespräch mit Philippe Garner, damals der Spezialist für Fotografie bei Sotheby's, am Vortag der Auktion, stellte sich heraus, daß Garner die Hinweise zwar „very fascinating“ fand, ansonsten aber nicht einmal daran interessiert war, die Dokumente selbst zu sehen.

          Obwohl Philippe Garner nicht den geringsten Beweis für die Helene-Anderson-Provenienz in Händen hatte, lautete seine Antwort auf die Frage, warum er unter diesen Umständen an der Auktion festhalte, schlicht und ergreifend, er vertraue auf die schriftliche Erklärung des Einlieferers, der rechtmäßige Besitzer der Fotos zu sein, sowie auf dessen Wort, die Geschichte der Sammlung korrekt erzählt zu haben. Mehr noch: Da die Darstellung der Sammlungsgeschichte im Vorwort des Auktionskatalogs den meisten Käufern als zu unglaubwürdig erschien, waren Gerüchte entstanden, die Sammlung sei in Wirklichkeit ein von cleveren Händlern künstlich zusammengestelltes Konvolut; bei den so außerordentlich gut erhaltenen Fotos handele es sich möglicherweise gar um Fälschungen oder spätere Abzüge.

          Kirchbach statt Anderson

          Nun hatte der Artikel in dieser Zeitung aber auf Dokumente verwiesen, die bezeugten, daß einige der Fotos tatsächlich 1929 und 1930 von einem unbekannten Sammlerindustriellen gekauft worden waren. Anstatt also als Anstoß für eine vorübergehende Absetzung der Auktion zu wirken, machte der Artikel wegen dieser Zeugnisse unter den Bietinteressenten in den Sälen von Sotheby's als Beweis der historischen Authentizität der Abzüge und der Sammlung die Runde.
          Acht Monate später jedoch war aus der Jahrhundertauktion der „Schwindel des Jahrhunderts“ (so die Zeitschrift „Art & Auction“) geworden. Unsere Recherchen hatten ergeben, daß die Geschichte der sogenannten „Helene Anderson Collection“ von A bis Z eine Fälschung war. Bei dem in London versteigerten Konvolut handelte es sich in Wirklichkeit um Bestandteile der Fotosammlung des Dresdner Industriellen Kurt Kirchbach, die dieser - beraten durch seinen Freund, den Zwickauer Museumsdirektor Hildebrand Gurlitt - in den Jahren 1929 bis 1932 aufgebaut hatte.

          Der damals achtunddreißigjährige Kurt Kirchbach besaß in Dresden-Coswig einen Industriebetrieb, der Brems- und Kupplungsbeläge sowie technische Gummiwaren herstellte. Er war ein Bewunderer und Sammler der Werke Corinths, Noldes, Rohlfs' und Marcs. Im Frühsommer 1929 ließ er sich von Hildebrand Gurlitt bei einem gemeinsamen Besuch der internationalen Ausstellung des Deutschen Werkbunds „Film und Foto“ in Stuttgart für den Plan begeistern, als erster eine Sammlung internationaler moderner Fotografie aufzubauen. Dieser Gedanke lag damals sozusagen in der Luft; die Idee, Fotografien nicht mehr nur als Dokumente von Bau- und Kunstdenkmälern, sondern als autonome Kunstwerke zu sammeln, war in der Fachpresse seit langem diskutiert worden. Doch niemand hatte bislang die Initiative dazu ergriffen.

          Für einen wohlhabenden Industriellen konnte der Aufbau einer solchen Sammlung keine Geld-, sondern lediglich eine ästhetisch-programmatische Frage sein. Denn für ein einziges Gemälde von Christian Rohlfs bekam man seinerzeit ungefähr achthundert bis tausend fotografische Werke von Moholy-Nagy, Man Ray, Umbo, Renger-Patzsch und anderen Fotokünstlern, deren Originalabzüge zwischen fünf und zwanzig Reichsmark kosteten.

          Ende der Sammeltätigkeit 1933

          Im April 1930 wurde Gurlitt auf Druck der NSDAP-Fraktion im Zwickauer Stadtrat als Museumsdirektor entlassen. Er hatte durch sein Engagement für die Kunst des Expressionismus und des Dessauer Bauhauses den Haß von Rosenbergs „Kampfbund für Deutsche Kultur“ auf sich gezogen. Als er im Jahr darauf zum Direktor des Hamburger Kunstvereins berufen wurde, bot sich ihm an der neuen Wirkungsstätte die Gelegenheit, die „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“, die inzwischen den stattlichen Umfang von vierhundert Bildern angenommen hatte, zum ersten Mal öffentlich vorzustellen. Sie wurde vom 10. Januar bis zum 14. Februar 1932 unter dem Titel „Internationale Foto-Ausstellung“ im Kunstverein Hamburg gezeigt.

          Rezensionen der Ausstellung ist zu entnehmen, daß der Bestand dieser Sammlung ursprünglich noch weit glänzender war, als dies das in London veräußerte Konvolut erahnen läßt. Namentlich erwähnte Ikonen der modernen Fotografie wie Florence Henris Spiegel-Kompositionen, Peterhans' stillebenhafte Materialstudien, Imogen Cunninghams erotische Pflanzenfotografien oder Finslers Bild der Ruderer unter der Saale-Brücke gehörten einmal zu den Glanzstücken der Sammlung. Sie sind heute, neben mehr als dreihundert weiteren Bildern, verschollen. Aufgrund der mit einem Inventar korrespondierenden Numerierung auf den Rückseiten der erhaltenen Fotos umfaßte die „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“ Ende 1932/Anfang 1933 rund sechshundert Bilder. Da in London lediglich 234 Fotografien versteigert worden sind, wird mehr als die Hälfte dieser Sammlung noch vermißt.

          Soweit wir heute wissen, endete Kirchbachs Sammeltätigkeit zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933. Kirchbach trat im Mai 1933 in die NSDAP ein und entwickelte sich zu einem Mitläufer des Regimes. Da er nicht die Absicht hatte, sich durch eine Fotosammlung, die mit Hauptwerken des „Kulturbolschewismus“ aus der Sowjetunion und dem Bauhaus-Kreis bestückt war, bei den neuen Machthabern zu kompromittieren, ließ er die Sammlung während des Dritten Reichs im Sammlungszimmer seiner Villa auf dem Weißen Hirsch in Dresden von der Bildfläche verschwinden. 1945 floh Kurt Kirchbach vor der heranrückenden Roten Armee nach Düsseldorf. Die Fotosammlung verblieb in Dresden, von wo sie 1956 seine Ehefrau Hildegard Kirchbach in den Westen holte.

          Es gibt Hinweise, daß das in London versteigerte Konvolut alles war, was sie damals sichern konnte. Die übrigen Fotos waren entweder zerstört oder in Dresden verblieben. Im Jahr 1957 ließen sich die Kirchbachs in Freiburg im Breisgau nieder, wo Kurt Kirchbach 1967 verstarb. Wenige Jahre später übersiedelte seine Witwe mitsamt der bedeutenden Kunstsammlung - neben der Fotosammlung umfaßte sie Skulpturen von Barlach, etwa hundert Corinth-Zeichnungen und Graphiken, Aquarelle von Nolde, Gemälde von Hans Thoma, Ferdinand Hodler und als Glanzstück das 150 mal 160 Zentimeter große Gemälde „Springende Pferde“ von Franz Marc aus dem Jahr 1910 - nach Basel.

          Die Spur führt ins Seniorenheim

          Auf welchem wundersamen Weg aber wurde 1997 aus der „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“ die „Helene Anderson Collection“? Nach einem Unfall in ihrer Wohnung war Hildegard Kirchbach im Dezember 1993 in die Basler Seniorenresidenz „Sanapark“ eingezogen. Dort starb sie im Juli 1995 im Alter von achtundachtzig Jahren. Die Leiterin dieses Altenheims war die Deutsche Angelika Burdack; Burdack aber hieß jener Mann, den Helene Anderson in den zwanziger Jahren - das hatten Recherchen in der Heimatortskartei Niederschlesien, der Region ihrer Geburt, ergeben - geheiratet hatte. Angelika Burdack war also mit dem Sohn einer Helene Anderson verheiratet; sein Name war Hans-Joachim Burdack. Dieser hatte zusammen mit seiner Ehefrau die Fotos zehn Monate nach dem Tod von Frau Kirchbach im Mai 1996 bei Sotheby's eingeliefert und als Provenienz der Sammlung den Mädchennamen seiner Mutter angegeben. Hätte die Sammlung tatsächlich der Mutter des Einlieferers gehört, so hätte sie „Helene Burdack Collection“ heißen müssen. Der Abteilungsleiter für Fotografie bei Sotheby's, Philippe Garner eben, hat diese erste Fälschung - laut späterem Bekunden - akzeptiert, um zu verhindern, daß der Kunsthandel zu dem Einlieferer vordringt und durch ein hohes Kaufangebot die Auktion unterläuft: Dies sei im Auktionshandel durchaus üblich.

          Wie aber war die Sammlung in die Hände der Leiterin des Altenheims geraten? Unter dem Druck der Veröffentlichung der wahren Provenienz der Sammlung (F.A.Z. vom 29. Januar 1998; „Le Monde“ vom 3. Februar 1998) ließen die Verkäufer, das Ehepaar Burdack, über einen Frankfurter Rechtsanwalt erklären, die 234 Bilder seien Angelika Burdack von Frau Kirchbach zu deren Lebzeiten „als Ausdruck der Freundschaft und Dankbarkeit“ geschenkt worden. Außerdem habe Frau Kirchbach ausdrücklich darum gebeten, „das Geheimnis der Herkunft zu wahren“ und ihren Namen im Zusammenhang mit der Sammlung nicht zu erwähnen.

          Frau Kirchbach hatte lediglich die letzten anderthalb Jahre ihres Lebens in dem Basler Altenheim verbracht. Im Mittelpunkt all ihrer testamentarischen Vermächtnisse von 1969 bis 1991 stand die Schenkung der Kunstsammlung, als deren Bestandteil 1975 auch ausdrücklich die Fotosammlung erwähnt war, an das Kunstmuseum Basel. Dieser jahrzehntelange Stiftungsplan spricht nicht für ein Bestreben, die Herkunft der von ihrem Mann aufgebauten Sammlungen zu verschweigen. Im Gegenteil: In einigen der Testamente ist in diesem Zusammenhang direkt von der Einrichtung einer „Kurt-Kirchbach-Stiftung“ die Rede. Zudem war es der Leiterin des Altenheims auf Grund ihres Anstellungsvertrags untersagt, Geschenke mit wesentlichem Geldwert anzunehmen.

          Eine Kette juristischer Komplikationen

          Einmal publiziert, hatten die Verkäufer die vorgebliche Schenkung gegenüber den Erben von Frau Kirchbach plausibel zu machen. Hier aber begann eine Kette von juristischen Komplikationen, die dazu geführt haben, daß auch heute, acht Jahre nach der Auktion, das Schicksal der „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“, der weltweit ersten privaten Sammlung internationaler moderner Fotografie, noch immer nicht geklärt ist.

          Zwei Parteien stritten um dieses Erbe vor dem Basler Zivilgericht. Beide machten ihre Ansprüche an der „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“ durch Klageeinreichungen sowohl gegen die Burdacks als auch gegen Sotheby's in London geltend. Sotheby's informierte daraufhin die Käufer der „Anderson-Auktion“, daß die Eigentumsfrage an den von ihnen erworbenen Fotos noch nicht geklärt sei - und sie ist es heute noch nicht.

          Unmittelbar nach dem Tod von Frau Kirchbach hatte der Züricher Wirtschaftsanwalt Dr.Werner Stauffacher, der Frau Kirchbach in den letzten drei Jahren ihres Lebens beraten hatte, ihr Erbe angetreten und die Kunstsammlung - allerdings ohne die Fotosammlung - in Besitz genommen. Als Legitimation verwies er auf eine handschriftliche „letztwillige Verfügung“ Hildegard Kirchbachs vom Dezember 1993, dem Monat, in dem sie in das Altenheim „Sanapark“ aufgenommen worden war.

          Die Gültigkeit dieses Testaments wird seit nunmehr zehn Jahren von dem Münchner Industriellen Eckbert von Bohlen und Halbach bestritten. Kurt und Hildegard Kirchbach waren seit den fünfziger Jahren mit der Familie Bertholds von Bohlen und Halbach befreundet. 1953 hatte Kurt Kirchbach seine Werke in Düsseldorf an die Bohlen IndustrieGmbH verkauft. Eckbert von Bohlen war 1987 an Stelle seines verstorbenen Vaters Berthold testamentarisch als Erbe von Hildegard Kirchbach eingesetzt worden, mit der Verpflichtung, die in einem separaten Legatentestament festgelegten Vermächtnisse, insbesondere an das Kunstmuseum Basel, auszuführen und den übrigen Nachlaß an gemeinnützige Einrichtungen zu verteilen.

          Die „Anderson-Story“

          Da mit dem Vermächtnis an das Basler Museum plötzlich öffentliche Belange sichtbar wurden, begannen sich die Schweizer Medien für die „Anderson-Story“ zu interessieren. Die beiden Kontrahenten um das Erbe der Sammlung Kirchbach waren zudem in ihren jeweiligen Ländern prominente Persönlichkeiten. So förderte die Recherche des Politmagazins „Rundschau“ im Schweizer Fernsehen DRS 1998 zutage, daß Werner Stauffacher bereits vor dem Antritt des Kirchbach-Erbes eine Klientin aus einem Altenheim beerbt hatte. Die Angehörigen auch dieser Erblasserin hatten gegen seinen Erbanspruch geklagt, waren aber vor Gericht unterlegen. Im Frühjahr 2002 kam Dr. Stauffacher im Zusammenhang mit dem Schmiergeldskandal um die Kölner Müllverbrennungsanlage erneut in die VIP-Berichterstattung. Zeitungsberichten zufolge soll ihm der Abfallunternehmer Trienekens zehn Millionen Mark für die Beratung bei der Behinderung von Rechtshilfeersuchen deutscher Ermittler in der Schweiz gezahlt haben.

          Es dauerte sechs Jahre, bis die Klage von Bohlen gegen Stauffacher im Oktober 2001 am Zivilgericht Basel-Stadt verhandelt wurde. Das Gericht erklärte die letztwillige Verfügung Hildegard Kirchbachs zugunsten von Stauffacher „unter dem Gesichtspunkt der Sittenwidrigkeit“ für ungültig. Da Frau Kirchbach ihrem Anwalt zwei Jahre zuvor eine Generalvollmacht für den Fall erteilt hatte, daß sie selbst nicht mehr voll urteilsfähig sei, sah es das Gericht als gegeben an, daß Stauffacher gegen sein Mandat verstoßen habe, als er, anstatt Frau Kirchbach zwecks Wahrung ihrer Interessen zur Beratung an einen unabhängigen Notar zu verweisen, die ungewöhnliche Erbofferte annahm.

          Gegen dieses Urteil ging Werner Stauffacher in Revision an das Appellationsgericht Basel-Stadt. Dieses bestätigte im Dezember vergangenen Jahres die Ungültigkeitserklärung des Testaments auf Grund von „Sittenwidrigkeit“, ging in der Wortwahl seiner Entscheidung jedoch noch über das Zivilgericht hinaus, indem es Stauffacher für „erbunwürdig“ erklärte, da die Art und Weise der Annahme der letztwilligen Verfügung der Frau Kirchbach in seiner Position als Rechtsbeistand der Erblasserin dem Tatbestand der arglistigen Täuschung gleichkäme.
          Werner Stauffacher hat inzwischen Berufung gegen dieses Urteil am Bundesgericht in Lausanne angemeldet. Das Verfahren befindet sich zur Zeit noch im Stadium des Schriftenwechsels. Mit einem Urteil des Bundesgerichts wird frühestens im Frühjahr 2006 gerechnet.

          Das Ende bleibt offen

          Die Verkäufer der „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“, Angelika und Hans-Joachim Burdack, haben zwischenzeitlich das Land verlassen. Allem Anschein nach sind sie nach Frankreich übergesiedelt. Die von Professor Dr. Pascal Simonius, dem Basler Rechtsanwalt Eckberts von Bohlen und Halbach, gegen sie angestrengte Strafanzeige wegen unrechtmäßigen Besitzes und Zivilklage auf Herausgabe des Auktionserlöses und möglicher weiterer Kirchbach-Fotos in ihrem Besitz ist sistiert. Sie wird erst wiederaufgenommen, wenn durch die Entscheidung des Bundesgerichts die Frage geklärt ist, wer der rechtmäßige Erbe ist. Da bislang von den Burdacks weder eine Schenkungsurkunde vorgelegt noch Zeugen für den Schenkungsvorgang benannt worden sind, gehen beide Erbparteien davon aus, daß eine wirksame Schenkung nicht vorliegt, somit die Burdacks nicht zum Verkauf der Fotografien berechtigt waren.

          Sollte das Bundesgericht das Urteil des Basler Appellationsgerichts bestätigen, wäre das Vermächtnistestament Hildegard Kirchbachs von 1987 auszuführen, das beinhaltete, die Kunstsammlung dem Kunstmuseum Basel zu schenken. Von Bohlen und Halbach hat gegen Sotheby's den Anspruch auf die Fotosammlung aus dem Testament von 1987 am Gericht in London angemeldet. Diese Klage ist bis zur endgültigen Klärung des Erbanspruchs ebenso sistiert. Eckbert von Bohlen und Halbach will dem Vernehmen nach möglichst viele der 1997 veräußerten Fotos zurückverlangen, um sie dem Kunstmuseum Basel zu übergeben. Mehrere Museumskuratoren haben für den Fall, daß die Bilder am Ende in das Basler Kunstmuseum gelangen werden, bereits ihr Einverständnis signalisiert, die Fotos zurückzugeben, falls Sotheby's sich genötigt sehe, dem Anspruch von Bohlens zu entsprechen und die Fotos zurückzurufen. Wie die privaten Sammler reagieren würden, ist ungewiß. Einige haben bereits angedroht, Sotheby's zu verklagen, falls sie genötigt würden, sich von ihren glücklichen Erwerbungen trennen zu müssen.

          Inzwischen ist auch in die Suche nach dem verschollenen Teil der „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“ wieder Bewegung geraten. Am 24. November werden in der Villa Griesebach sieben Fotos aus der ehemaligen Kirchbach-Sammlung zum Kauf aufgerufen, die nicht aus einem Schweizer Altenheim stammen, sondern offenkundig bereits in den siebziger Jahren in der ehemaligen DDR erworben worden sind.

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