https://www.faz.net/-gqz-x38e

Fotokunst : Weder ein Speicherfund, noch die „Helene Anderson Collection“

  • -Aktualisiert am

Für einen wohlhabenden Industriellen konnte der Aufbau einer solchen Sammlung keine Geld-, sondern lediglich eine ästhetisch-programmatische Frage sein. Denn für ein einziges Gemälde von Christian Rohlfs bekam man seinerzeit ungefähr achthundert bis tausend fotografische Werke von Moholy-Nagy, Man Ray, Umbo, Renger-Patzsch und anderen Fotokünstlern, deren Originalabzüge zwischen fünf und zwanzig Reichsmark kosteten.

Ende der Sammeltätigkeit 1933

Im April 1930 wurde Gurlitt auf Druck der NSDAP-Fraktion im Zwickauer Stadtrat als Museumsdirektor entlassen. Er hatte durch sein Engagement für die Kunst des Expressionismus und des Dessauer Bauhauses den Haß von Rosenbergs „Kampfbund für Deutsche Kultur“ auf sich gezogen. Als er im Jahr darauf zum Direktor des Hamburger Kunstvereins berufen wurde, bot sich ihm an der neuen Wirkungsstätte die Gelegenheit, die „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“, die inzwischen den stattlichen Umfang von vierhundert Bildern angenommen hatte, zum ersten Mal öffentlich vorzustellen. Sie wurde vom 10. Januar bis zum 14. Februar 1932 unter dem Titel „Internationale Foto-Ausstellung“ im Kunstverein Hamburg gezeigt.

Rezensionen der Ausstellung ist zu entnehmen, daß der Bestand dieser Sammlung ursprünglich noch weit glänzender war, als dies das in London veräußerte Konvolut erahnen läßt. Namentlich erwähnte Ikonen der modernen Fotografie wie Florence Henris Spiegel-Kompositionen, Peterhans' stillebenhafte Materialstudien, Imogen Cunninghams erotische Pflanzenfotografien oder Finslers Bild der Ruderer unter der Saale-Brücke gehörten einmal zu den Glanzstücken der Sammlung. Sie sind heute, neben mehr als dreihundert weiteren Bildern, verschollen. Aufgrund der mit einem Inventar korrespondierenden Numerierung auf den Rückseiten der erhaltenen Fotos umfaßte die „Foto-Sammlung Kurt Kirchbach“ Ende 1932/Anfang 1933 rund sechshundert Bilder. Da in London lediglich 234 Fotografien versteigert worden sind, wird mehr als die Hälfte dieser Sammlung noch vermißt.

Soweit wir heute wissen, endete Kirchbachs Sammeltätigkeit zum Zeitpunkt der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Januar 1933. Kirchbach trat im Mai 1933 in die NSDAP ein und entwickelte sich zu einem Mitläufer des Regimes. Da er nicht die Absicht hatte, sich durch eine Fotosammlung, die mit Hauptwerken des „Kulturbolschewismus“ aus der Sowjetunion und dem Bauhaus-Kreis bestückt war, bei den neuen Machthabern zu kompromittieren, ließ er die Sammlung während des Dritten Reichs im Sammlungszimmer seiner Villa auf dem Weißen Hirsch in Dresden von der Bildfläche verschwinden. 1945 floh Kurt Kirchbach vor der heranrückenden Roten Armee nach Düsseldorf. Die Fotosammlung verblieb in Dresden, von wo sie 1956 seine Ehefrau Hildegard Kirchbach in den Westen holte.

Es gibt Hinweise, daß das in London versteigerte Konvolut alles war, was sie damals sichern konnte. Die übrigen Fotos waren entweder zerstört oder in Dresden verblieben. Im Jahr 1957 ließen sich die Kirchbachs in Freiburg im Breisgau nieder, wo Kurt Kirchbach 1967 verstarb. Wenige Jahre später übersiedelte seine Witwe mitsamt der bedeutenden Kunstsammlung - neben der Fotosammlung umfaßte sie Skulpturen von Barlach, etwa hundert Corinth-Zeichnungen und Graphiken, Aquarelle von Nolde, Gemälde von Hans Thoma, Ferdinand Hodler und als Glanzstück das 150 mal 160 Zentimeter große Gemälde „Springende Pferde“ von Franz Marc aus dem Jahr 1910 - nach Basel.

Weitere Themen

Wie die Kunst zur Arbeit wurde

Geschichte des Musikerberufs : Wie die Kunst zur Arbeit wurde

Sind Musiker Gewerbetreibende? Haben sie Anspruch auf Sozialversicherung? Wie viel Nationalsozialismus steckt in der deutschen Orchesterlandschaft? Ein brillantes Buch von Martin Rempe geht der Geschichte des Musikerberufs nach.

Topmeldungen

Fernsehduell vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz: Ministerpräsidentin Malu Dreyer (links), SWR-Chef Fritz Frey und CDU-Spitzenkandidat Christian Baldauf

Dreyer und Baldauf im TV-Duell : Ziemlich bissige Kandidaten

In rund einer Woche wählt Rheinland-Pfalz. Im Fernsehduell bringt Ministerpräsidentin Dreyer den CDU-Spitzenkandidaten Baldauf kurz in Erklärungsnot. Die Bilanz ihrer Regierung ist allerdings auch nicht perfekt.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.