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Fotokunst : Weder ein Speicherfund, noch die „Helene Anderson Collection“

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Hatte der Verfasser geglaubt, mit dieser Veröffentlichung Sotheby's dazu bewegen zu können, die Versteigerung auszusetzen, um Zeit für eine gründliche Recherche der Provenienz zu gewinnen - immerhin hatte das Auktionshaus, nachdem es bei der Beteiligung an der illegalen Ausfuhr eines Altmeistergemäldes aus Italien ertappt worden war, wenige Monate zuvor mit großer Presse einen neuen Ethikleitfaden herausgegeben, in dem die Klärung der Provenienz an oberster Stelle stand -, so sah er sich rasch enttäuscht. Bei einem Gespräch mit Philippe Garner, damals der Spezialist für Fotografie bei Sotheby's, am Vortag der Auktion, stellte sich heraus, daß Garner die Hinweise zwar „very fascinating“ fand, ansonsten aber nicht einmal daran interessiert war, die Dokumente selbst zu sehen.

Obwohl Philippe Garner nicht den geringsten Beweis für die Helene-Anderson-Provenienz in Händen hatte, lautete seine Antwort auf die Frage, warum er unter diesen Umständen an der Auktion festhalte, schlicht und ergreifend, er vertraue auf die schriftliche Erklärung des Einlieferers, der rechtmäßige Besitzer der Fotos zu sein, sowie auf dessen Wort, die Geschichte der Sammlung korrekt erzählt zu haben. Mehr noch: Da die Darstellung der Sammlungsgeschichte im Vorwort des Auktionskatalogs den meisten Käufern als zu unglaubwürdig erschien, waren Gerüchte entstanden, die Sammlung sei in Wirklichkeit ein von cleveren Händlern künstlich zusammengestelltes Konvolut; bei den so außerordentlich gut erhaltenen Fotos handele es sich möglicherweise gar um Fälschungen oder spätere Abzüge.

Kirchbach statt Anderson

Nun hatte der Artikel in dieser Zeitung aber auf Dokumente verwiesen, die bezeugten, daß einige der Fotos tatsächlich 1929 und 1930 von einem unbekannten Sammlerindustriellen gekauft worden waren. Anstatt also als Anstoß für eine vorübergehende Absetzung der Auktion zu wirken, machte der Artikel wegen dieser Zeugnisse unter den Bietinteressenten in den Sälen von Sotheby's als Beweis der historischen Authentizität der Abzüge und der Sammlung die Runde.
Acht Monate später jedoch war aus der Jahrhundertauktion der „Schwindel des Jahrhunderts“ (so die Zeitschrift „Art & Auction“) geworden. Unsere Recherchen hatten ergeben, daß die Geschichte der sogenannten „Helene Anderson Collection“ von A bis Z eine Fälschung war. Bei dem in London versteigerten Konvolut handelte es sich in Wirklichkeit um Bestandteile der Fotosammlung des Dresdner Industriellen Kurt Kirchbach, die dieser - beraten durch seinen Freund, den Zwickauer Museumsdirektor Hildebrand Gurlitt - in den Jahren 1929 bis 1932 aufgebaut hatte.

Der damals achtunddreißigjährige Kurt Kirchbach besaß in Dresden-Coswig einen Industriebetrieb, der Brems- und Kupplungsbeläge sowie technische Gummiwaren herstellte. Er war ein Bewunderer und Sammler der Werke Corinths, Noldes, Rohlfs' und Marcs. Im Frühsommer 1929 ließ er sich von Hildebrand Gurlitt bei einem gemeinsamen Besuch der internationalen Ausstellung des Deutschen Werkbunds „Film und Foto“ in Stuttgart für den Plan begeistern, als erster eine Sammlung internationaler moderner Fotografie aufzubauen. Dieser Gedanke lag damals sozusagen in der Luft; die Idee, Fotografien nicht mehr nur als Dokumente von Bau- und Kunstdenkmälern, sondern als autonome Kunstwerke zu sammeln, war in der Fachpresse seit langem diskutiert worden. Doch niemand hatte bislang die Initiative dazu ergriffen.

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