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Fotografien von Herbert List : Anstoß Italien

Straßenfußball im Palermo der 1950er Jahre, aufgenommen von Herbert List. Silbergelatine Vintage-Print, 23 mal 29,5 Zentimeter, 8.500 Euro bei Galerie Karsten Greve. Bild: Herbert List Estate Hamburg Germany

Sprezzatura als Stilideal auf dem grünen Rasen: Eine Fotografie von Herbert List zeigt die Eleganz des Fußballs. Seine Straßenszenen aus Italien sind jetzt in einer Ausstellung der Galerie Karsten Greve in Köln zu sehen.

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          Eine geradezu balletöse Eleganz legt dieser Straßenfußballer an den Tag, der Herbert List 1950 in Palermo vor die Linse gelaufen ist, da können die Bambini aus der Nachbarschaft nur ehrfürchtig staunen. Auch Lorenzo „il magnifico“ Insigne, der in Frattamaggiore, einem armen Vorort im Norden von Neapel, aufgewachsen ist, soll, wiewohl er „nur“ 1,63 Meter misst und keine langen Beine mitbringt, die Leichtigkeit seines Spiels auf der Straße gelernt haben. Da werden The Three Lions im EM-Finale heute Abend aufpassen müssen, dass er ihnen nicht das Fell über die Ohren zieht: Wenn der einzige Spieler, der für Trainer Roberto Mancini immer gesetzt ist, den Ball aus dem Dribbling heraus – so zum (zwischenzeitlichen) 2:0 gegen Belgien – überraschend anstrengungslos in den Torwinkel schlenzt, wird die Sprezzatura zum Stilideal auf dem grünen Rasen. Der anonyme Solist des „bel gioco“ ist nur eine von mehreren Zufallsbegegnungen, die Herbert List (1903 bis 1975) in die Quere gekommen ist, auf der Suche nach die Sonne anbetenden Adonissen und in Stein gehauenen Göttern der Vergangenheit. Besonders die Streifzüge, die er zwischen 1957 und 1961 mit Vittorio De Sica in dessen Heimatstadt unternahm, führten zu eindrucksvollen Porträtaufnahmen. Die Extreme Neapels – Pracht und Elend, Licht und Schatten – liegen dicht beieinander: Teatro San Carlo und Hinterhofsänger, Galleria Umberto und Gebrauchtmöbelmarkt, kartenspielende Pensionäre im Club und Näherinnen in der Gasse, Handwerker und Priesterseminaristen. Die Tränen und stummen Schreie in den Gesichtern der Frauen, die am Hafen Abschied nehmen von ihren nach Australien auswandernden Verwandten, sind herzzerreißend.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Neben Neapel ist Rom mit Kapitol und Kolonnaden, Trevi-Brunnen und Trastevere der zweite zentrale Schauplatz der Ausstellung „Italia“, mit der die Kölner Galerie Karsten Greve in mehr als hundert Fotografien auffächert, wie Herbert List zwischen 1934 und 1961 sein Sehnsuchtsland bereist und wahrgenommen hat: vom Markusplatz in Venedig zum Tal der Tempel in Agrigent, von den Thunfischfischern auf Favignana zur Altersresidenz Casa Verdi in Mailand, vom „Schatten des David“ in Florenz zu den Ungeheuern von Bomarzo.

          Eine Sammlung in der Sammlung bildet eine Galerie mit Künstlerporträts, in der unter anderen Giorgio de Chirico und Giorgio Morandi, Anna Magnani und Silvana Magnano, Marino Marini und der dreißigjährige, frisch ondulierte Pier Paolo Pasolini auftreten.

          Die Silbergelatine Vintage-Prints kosten zwischen 4500 und 11.000, die Modern Prints 2100 Euro; Begleitheft zwölf Euro. Bis zum 28. August.

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