https://www.faz.net/-gqz-u68q

Fotografie : Wie hingetupft

Vor dreißig Jahren musste Rudolf Kicken seinen Sportwagen verkaufen, damit er in Aachen seine Galerie eröffnen konnte. Inzwischen ist sein Name eng mit der Geschichte des deutschen Fotomarkts verknüpft. Das wird nun mit einer Jubiläumsausstellung gefeiert.

          2 Min.

          In der Geschichte der Galerie Kicken bündelt sich die Geschichte des Fotomarkts in Deutschland - und auch wenn es sich bei Kicken nicht um die erste deutsche Fotogalerie handelt, ist es kaum übertrieben zu sagen, dass sie hierzulande den wesentlichen Anstoß zu dem neuen Sammelfeld gegeben hat. Das war 1974; untergebracht zunächst in kleinen Räumen in Aachen, für deren Unterhalt Rudolf Kicken seinen Sportwagen verkaufte und sein damaliger Geschäftspartner Wilhelm Schürmann sämtliche Sparbücher plünderte. Der Kreis von Kunden blieb zunächst überschaubar, die Preise schienen horrend: Arbeiten von André Gelpke und Heinrich Riebesehl kosteten um 150 Mark, Abzüge von André KertÈsz immerhin schon tausend, was lange Zeit als die Schallmauer bei den Preisen für Fotoabzüge galt.

          Freddy Langer
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Als Kicken 1976 auf der noch jungen Art Basel Stephen Shore und William Eggleston, Aaron Siskind und Harry Callahan präsentierte, kosteten deren Bilder auch nicht mehr. Umso ungeheuerlicher muss es ihm erschienen sein, dass das George Eastman House in Rochester für ein Album mit Architekturaufnahmen aus dem 19. Jahrhundert - einst ein Geschenk des Ateliers Abdullah Frères an den Sultan von Konstantinopel - klaglos 16.500 Dollar bezahlte. In diesem Moment, sagt Rudolf Kicken heute, beschloss er, nicht ins väterliche Baustoffunternehmen einzusteigen, sondern sich ganz der Fotografie zu widmen. Das ist nun dreißig Jahre her.

          Mit Buch und Ausstellung ins Jubiläum

          Kicken, der bald darauf neue Räume in Köln bezog und sich vor einigen Jahren in Berlin niedergelassen hat, nimmt den Termin zum Anlass für ein Buch und eine Jubiläumsausstellung. Während der Bildband „Points of View“ (Steidl Verlag) einer Art imaginärem Museum gleicht, das mit mehr als 140 großartigen Aufnahmen die Bandbreite des Galerieangebots auffächert, nimmt die Ausstellung eine andere Richtung: Janos Frecot, der bis 2002 die Fotografische Sammlung der Berlinischen Galerie geleitet hat, traf als Gastkurator nach eigenem Gusto eine überraschende Auswahl aus dem Bestand der Galerie Kicken.

          Obwohl er sich für ein paar wenige Ikonen der Moderne entschied - etwa Umbos „Mysterium der Straße“ mit den gespenstisch langen Schatten einiger Arbeiter, aufgenommen 1928 (unverkäuflich), oder Aleksandr Rodchenkos perspektivisch gekippten „Sucharew Prospekt“ von 1932 (60.000 Euro) -, wurde es eine insgesamt stille, zurückhaltende Ausstellung, fern jeglichem triumphalen Auftreten, wie man es bei einem solchen Anlass erwarten könnte. Die Bilder sind allesamt klein, allesamt schwarzweiß, und kaum eines mag man als spektakulär bezeichnen.

          Hingetupfte Motive

          In einer Aufnahme aus dem Zyklus „Situationen und Objekte“ von Heinrich Riebesehl glaubt man, das ästhetische Konzept der Bildauswahl hindurchschimmern zu sehen: In surrealistischer Manier zeigt das Foto aus dem Jahr 1974 eine ausgestreckte Hand, die mit einem Pinsel Wolken in den Himmel setzt (3700 Euro). Wie hingetupft wirken denn auch die Motive der meisten anderen Bilder. Ob auf einem Reportagefoto von Henri Cartier-Bresson die Besucher des Festivals von Glyndebourne ein abstraktes Muster auf der Wiese ergeben (10.000 Euro), bei Diane Arbus drei Kinder einer psychiatrischen Anstalt auf dem Rasen turnen (17.000 Euro) oder ob ein Mannequin im Pelzmantel im Jahr 1958 überspannt für F. C. Gundlach posiert (Abzug aus den Siebzigern; 3500 Euro): immer bestimmt ein kalligraphisches Moment die Komposition. Und durch die Hängung entsteht die Ahnung einer Melodie.

          Die vielen Stillleben der Bilderschau fügen sich wunderbar ein. Jedoch bezaubern sie weniger durch kunstvolle Arrangements als durch die geheimnisvoll verwirrenden Texturen unterschiedlichster Oberflächen. Da kann es sich um Holz handeln, wie bei Edward Weston (moderner Abzug, 8000 Euro), oder um Steine, wie in der Serie von Michael Schmidt (7 Fotos in einer Auflage von 40 Exemplaren; 7000 Euro), um groben Stoff, auf den Wols ein Stück Käse gelegt hat (12 000 Euro), oder um glänzenden, dem Albert Hennig in den dreißiger Jahren ein Muster abgerungen hat (4000 Euro). Und langes, fließendes Haar bei Erwin Blumenfeld (22.000 Euro) ergänzt die Partitur um einen aparten Akkord.

          Weitere Themen

          Der Intendant als Galerist

          Staatsballett Berlin : Der Intendant als Galerist

          Mit Christian Spucks Berufung droht dem Staatsballett Berlin ein Desaster. Was ist, wenn das Repertoire vergangener Jahrhunderte gar nicht mehr vorkommt?

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock am Donnerstag bei der Vorstellung ihres Buches.

          Grüne Industriepolitik : Willkommen in der Wirklichkeit

          Annalena Baerbocks Industriepolitik zeigt: Ziele hochzuschrauben, darin sind die Grünen gut. Wie es geht, da laufen sie hinterher.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.