https://www.faz.net/-gqz-u8hg

Fotografie : Die Puppe, die Idealfrau

  • -Aktualisiert am

Berliner Galerienschau: Hans Bellmer findet in der Puppe seine Idealfigur, Holger Trülzsch verewigt die Schönheit in Gips und John Coplans liest in der Hand das Detail.

          3 Min.

          Als Heinz Berggruen im Januar, nur ein paar Wochen vor seinem Tod, gefragt wurde, wer für ihn der „meistunterschätzte“ Künstler sei, antwortete er: „Der Fotograf, Maler und Bildhauer Hans Bellmer“. Das klingt verblüffend; denn Bellmer ist ja keineswegs in Vergessenheit geraten. Aber wie ungenau unsere Wahrnehmung trotzdem ist, macht jetzt die Bellmer-Ausstellung der Galerie Berinson schon durch ihren Titel klar: „Die Puppe: Berlin 1934 - 1938“. Bellmers berühmte Puppen-Fotos sind zwar Meisterwerke eines französisch anmutenden Surrealismus, aber mitnichten in Paris, sondern im Berliner Stadtteil Karlshorst entstanden. Bellmer hatte 1933 seine Tätigkeit als Gebrauchsgraphiker aufgegeben, um sich dem endlich gefundenen Lebensthema der Puppe zu widmen.

          Sein Bruder, ein Ingenieur, baute ihm zwei Puppenfrauen aus Gips. Die erste ist anatomisch einigermaßen korrekt, und ihr Torso besteht aus einem Stück. Zur zweiten gehören vier Beine, ihr Torso ist aus drei vertauschbaren Teilen zusammengesetzt. Die spielerische Lust am Auseinandernehmen und Zusammensetzen erzeugt besonders bei der zweiten Puppe wahrhaft surreale Figurinen, mit Gliedmaßen, die, der Kleidung zufolge, manchmal sogar einem Mann zu gehören scheinen. Bellmer platziert seine Puppe in der Wohnung, im Treppenhaus oder im nah gelegenen Wald in zwielichtigen Situationen, die eine Stimmung von Furcht, Bedrohung oder Vergewaltigung andeuten. Die erste Puppe hat sich nicht erhalten, die zweite gehört heute dem Centre Pompidou.

          Surrealistisches Missverständnis

          Bellmer hat die erste Puppe auf Kontaktabzügen von sechs mal neun Zentimetern dokumentiert, damals das Normalformat der Fotoamateure. Die Aufnahmen der komplizierteren zweiten Puppe wurden vielleicht schon mit der von professionellen Fotografen gern benutzten Rolleiflex gemacht, darauf deutet das quadratische Format von sechs mal sechs Zentimetern. Eine Fotografenkarriere scheint Bellmer aber nicht im Sinn gehabt zu haben, obwohl ihm die Technik der Fotomontage aus seiner Graphikerzeit vertraut war. Umso kostbarer sind seine Puppenfotos, die, von ein paar späteren Vergrößerungen für die Museumswand abgesehen, nur durch drei Bücher mit eingeklebten Originalaufnahmen publiziert wurden. Die erste Puppe ergab den Privatdruck „Die Puppe“ von 1934, der wohl nur an ein paar Freunde verschenkt wurde; dann, mit leicht vergrößerten Aufnahmen, „La Poupée“, 1936 in Paris erschienen. Auf den ebenfalls vergrößerten und nun handkolorierten Aufnahmen der zweiten Puppe beruht schließlich „Les Jeux de la Poupée“, Paris 1949, mit Texten von Paul Eluard.

          Bellmer lebte mittlerweile in Paris, und das Missverständnis, seine Aufnahmen seien typische Hervorbringungen des Pariser Surrealismus, war nun nicht mehr aufzuhalten, obwohl doch E. Th. Hoffmann, Kokoschka, Schad und Schlichter ebenso zu den Ahnen dieser Fetischphantasien gehören wie der Marquis de Sade und der Künstlerkreis um André Breton. Berinson hat ein prachtvolles Ensemble von 57 Aufnahmen zusammengebracht, alles alte Originalabzüge - und keiner davon nachträglich aus einem der Bücher herausgelöst. Manche Varianten sind dabei, die in keiner Buchausgabe verwendet wurden, das in Karlshorst entstandene fotografische OEuvre ist so gut wie komplett versammelt: ein Ausstellung auf musealem Niveau. Die Preise bewegen sich zwischen 35.000 und 75.000 Euro. (Bis 14. April.)

          Großmeister der „piktorialistischen“ Fotografie

          Museales Niveau bietet auch Rudolf Kicken, der seine Heinrich-Kühn-Ausstellung mit dem provozierenden Untertitel „Big Pictures“ versieht. Kühn war um 1900 in Europa der Großmeister einer an Malerei orientierten „piktorialistischen“ Fotografie. Und deren „Edeldrucke“ erforderten so viele graphische, fotochemische und handwerkliche Arbeitsgänge, dass solche Abzüge prinzipiell rar und in großem Format, wie die Franzosen so schön sagen, geradezu „rarissime“ sind.

          Eine Ausstellung nur mit Großformaten ist also etwas Besonderes, und wenn man die geschmackvoll gehängte Ausstellung bei Kicken sieht, kann man auf Anhieb nachempfinden, wie die Kunstfotografen des Fin de siècle mit solch gemäldehaften Formaten die Museumswände eroberten, wobei der heutige Betrachter eher die Bilder bevorzugt, die am wenigsten an Worpswede erinnern und stattdessen etwas genuin Fotografisches haben: Es kann sich in der schnappschusshaften Intimität eines Interieurs ebenso äußern wie in der vereinfachten Geometrie einer Landschaft. Das größte Format bei Kicken misst 77 mal 59 Zentimeter; die Preise beginnen bei 30.000 und enden, von einem Ausreißer abgesehen, bei 100.000 Euro. (Bis 21. April.)

          Verfremdete Idealfrau

          Kicken und Berinson liegen im mittlerweile „alten“ Galeriezentrum von Berlin-Mitte, aber auch der jüngere Galerienbezirk am Checkpoint Charlie kann mit zwei monographischen Fotoausstellungen aufwarten. Isabella Czarnowska (vormals Kacprzak) dokumentiert unter dem Titel „Ninfa moderna 1968 - 1989: Vera Lehndorff, Holger Trülzsch“ die lange Zusammenarbeit des Fotografen mit seinem Modell. Trülzsch hat seine Idealfrau in Fotografien, als Gipsabguss und in graphisch verfremdeten „Oxydographien“ verewigt - allesamt Zeugnisse einer nicht nachlassenden Huldigung, die den Charme von Modefotografie und Werbung virtuos in die Ästhetik fotografischer Performance überführt. Die Abzüge sind Unikate oder haben Auflagen von fünf; die Preise bewegen sich zwischen 4000 und 20.000 Euro. (Bis 14. April.)

          Die Galerie Nordenhake schließlich bietet eine repräsentative Übersicht über die beeindruckende Körperfotografie von John Coplans. Coplans, Kunstkritiker von Rang, begann 1984, schon jenseits der sechzig, sich selbst zu fotografieren. Er inszeniert die Körperteile vor der Kamera in ausgefallenen Posen, und dieser Schuss augenzwinkernden Humors macht seine Fotokunst spielerischer als die brutale Choreographie etwa der Bruce-Nauman-Videos. Souverän fügt Coplans seine Aufnahmen schließlich zu fast skulpturalen Diptychen und Triptychen zusammen. In Auflagen von sechs oder zwölf liegen die Preise bei 10.000 bis 40.000 Euro. (Bis 14. April.)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock signiert am Donnerstag nach der Vorstellung ihres Buches ein Exemplar

          F.A.Z. Exklusiv : Baerbocks Pakt mit der Wirtschaft

          Die grüne Kanzlerkandidatin konkretisiert ihr Wirtschaftsprogramm. Ein zentraler Punkt sind Klimaschutzverträge, über die sie Ökologie und Ökonomie in Einklang bringen will. Ganz neu ist die Idee allerdings nicht.
          Problem gelöst durch Rainer Koch? Die Rücktritte aus der Ethikkommission sagen etwas anderes.

          DFB-Ethikrat aufgelöst : „Kapelle auf der Titanic“

          Der DFB sprengt seine gegen Interimspräsident Koch ermittelnde Ethikkommission – und löst Entsetzen aus unter den Betroffenen und Empörung in der Politik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.