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Foto-Ausstellung in London : Die Spur der dritten Dimension

  • -Aktualisiert am

Wenn berühmte Bildhauer wie Rodin, Brancusi und Moore durch die Kamera auf ihre Werke blicken, entstehen einzigartige Ansichten - eine Londoner Schau zeigt ihre Perspektiven.

          3 Min.

          Sie sind die berühmtesten Meister der modernen Plastik - Auguste Rodin, Constantin Brancusi und Henry Moore. Weniger bekannt ist, dass die Fotografie für alle drei eine wichtige Rolle spielte. Die Waddington Custot Galleries in London haben in Zusammenarbeit mit dem Händler und Sammler David Grob fast sechzig historische Fotografien zusammengebracht, die heute als eigenständige Arbeiten gelten: eine einzigartige Schau, die Einblicke in den Entstehungsprozess der Skulpturen gibt und deutlich macht, wie einflussreich das Bildmedium für die endgültige Form sein konnte.

          Wer die Ausstellung „Rodin, Brancusi, Moore: Through the Sculptor’s Lens“ in Mayfair betritt, begegnet zuerst den Fotografien, die Jacques-Ernest Bulloz, Eugène Druet und Pierre Choumoff im Auftrag von Rodin zwischen 1896 und 1915 anfertigten. Doch Rodin überließ die Wahl des Blickwinkels auf die Dreidimensionalität nicht seinen Kollaborateuren. Er stand selbst immer mit hinter der Kamera, experimentierte mit Lichtverhältnissen, Schattenwurf, Hintergrund und studierte die Variationen der Effekte. So entstanden auch Aufnahmen unfertiger Werke, deren endgültige Ausführung er überdenken wollte.

          Rodin benutzte die Fotografie auch gezielt zum Zweck der Selbstvermarktung: Abzüge und Postkarten seiner Plastiken wurden an Sammler, Museen und Zeitungen versandt, später auch einem breiten Publikum zum Kauf angeboten. Alle acht Fotografien von Bulloz, darunter auch die des im Kuss vereinten Paars „L’Eternel Printemps“, befanden sich ursprünglich im Besitz der Tänzerin Loïe Fuller. Sie wurden erstmals 2011 von der Jill Newhouse Gallery in New York zum Verkauf angeboten. Fuller war mit Rodin befreundet und begeisterte ihn für den experimentellen Tanz, während ihn klassisches Ballett wenig interessierte.

          Den Blick kontrollieren

          Brancusi war 1904 von Rumänien zu Fuß bis nach Paris gewandert, wo er kurze Zeit für Rodin arbeitete. Die Schau jetzt dokumentiert sein Schaffen, vor dem Übergang in die Abstraktion - so die Aufnahme des frühen „Kopfes von Laokoon“ aus dem Jahr 1898. Der Verbleib dieser Skulptur ist unbekannt, von ihrer Existenz zeugt nur noch die fotografische Spur. Brancusi lernte in Paris viele Fotografen kennen, doch weil ihre Arbeit ihn oft verärgerte - einer von ihnen puderte seine Bronzen, bevor er sie ablichtete -, ließ er sich die Technik selbst von Man Ray beibringen. Bis zu Brancusis Tod 1957 wurden von nun an nur noch die von ihm selbst aufgenommenen Bilder seines Werks abgedruckt, so kontrollierte er dessen Wahrnehmung. Der Kurator David Grob erzählt, dass der Bildhauer regelmäßig Aufnahmen von Gipsentwürfen nach Rumänien schickte, bis sich einer seiner dortigen Sammler bereit erklärte, die Kosten für den Bronzeguss zu übernehmen. Als Brancusi-Spezialist weiß er auch, an wen der Fotos verschenkte: „Brancusi hatte viele Geliebte. Sie beschwerten sich, dass sein Badezimmer voller Fotografien war, und so gab er ihnen oft ein paar. Viele Abzüge befanden sich daher lange im Besitz seiner ehemaligen Freundinnen.“ Eine kleine Aufnahme seiner berühmten „Unendlichen Säule“ in Târgu Jiu in Rumänien schenkte er zum Beispiel der australischen Pianistin Vera Moore. Ihr Sohn John Moore, Brancusis einziges Kind, steuerte sie zur Londoner Ausstellung bei.

          Eingriff in den Entstehungsprozess

          Das Bild mit dem höchsten Preis in der Ausstellung ist eine Unteransicht der ersten, neunteiligen Version von Brancusis „Unendlicher Säule“ von 1926, wie sie sich in den Himmel schraubt: Das Foto befand sich ursprünglich in einer rumänischen Privatsammlung und war im vergangenen Winter in Miami als Teil der Margulies Collection zu sehen. Nun wird es für 300 000 Dollar angeboten - ein Preis, der seine besondere Komposition und Geschichte reflektiert: Es ist ein Fotogramm von einem 35-mm-Film, den Brancusi zusammen mit Man Ray im Garten von Edward Steichen in Voulangis aufnahm. David Grob erklärt, dass die meisten Brancusi-Fotografien von Fans seines Schaffens gesammelt werden. Fotografiesammler interessierten sich, so Grob, meist eher für die Bedeutung einer Aufnahme innerhalb der Fotografiegeschichte und für ihren Erhaltungszustand. Dann zeigt er auf das Foto eines weiblichen Torsos, das neben einem Gipsabguss hängt: „Hier hat Brancusi, nachdem er die Fotografie sah, die Skulptur verändert.“

          Wie hat das Abbild auf Papier die endgültige Komposition der Plastiken, die wir sehen, beeinflusst? Henry Moore nutzte die Kamera bei einer Auftragsarbeit für die Unesco, um kleine Gipsentwürfe, die Maquetten, seiner Figuren von „Mutter und Kind“ in verschiedenen Anordnungen zu vergleichen; dann erst wählte er die endgültige Version aus. Die Ausstellung zeigt Kompositionen, die verworfen wurden. Und der Blick durch die Linse des Bildhauers destabilisiert die Wahrnehmung des vollendeten Werks.

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