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Foto-Auktionen : Hier zwei Schwestern, dort zwei Dackel

Mehr als 1500 Lose werden die vier großen Häuser Bassenge, die Villa Grisebach, Lempertz und Van Ham in diesem Herbst bei ihren Auktionen von Fotografien aufrufen. Das ist beachtlich, doch leider sind die Qualitätsunterschiede enorm.

          Mehr als 1500 Lose werden die vier großen Häuser in diesem Herbst bei ihren Auktionen von Fotografien aufrufen. Das klingt zunächst beachtlich und scheint ein Indiz dafür, daß sich die Fotografie auf dem deutschen Kunstmarkt nicht nur etabliert hat, sondern auch gut behauptet. Die Ernüchterung freilich folgt, kaum blättert man in den dicken Katalogen: Nicht nur stößt man allenthalben auf den Hinweis „Späterer Abzug“, den, mit einem gewissen Makel des Unseriösen zu versehen, Fotogalerien sich lange Zeit und nicht ohne Erfolg bemühten.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Etliche Arbeiten entstammen hohen Auflagen, auch etwa den Marketing-Editionen großer Verlagshäuser; einige werden prompt doppelt angeboten. Ein wenig zu oft sieht man Bilder von Fotografen, deren Namen so nichtssagend sind wie die Motive. Und von prominenten Künstlern wird oft Drittklassiges angeboten. Folgerichtig hält sich das Preisniveau in einem überschaubaren Rahmen. Schon lange nicht mehr waren so viele Arbeiten unter tausend Euro taxiert - geradeso als wolle, oder eben: als könne man an der Hausse des amerikanischen Fotomarkts nicht teilhaben.

          Öde Umgebung in Plakatgröße

          Die Konzentration auf qualitativ hochwertige und damit auch hochpreisige Werke ergibt vielleicht vier, fünf Dutzend Lose. In dieser Liga ist Bassenge in Berlin (am 6. Dezember) - traditionell eher ein Haus für Einsteiger und Freunde des Kuriosen - mit zwei Arbeiten vertreten: dem Farbfoto eines kleines Ladens in öder Umgebung, aufgenommen erst vor wenigen Jahren von William Eggleston und abgezogen fast in Plakatgröße (Taxe 15.000 Euro), und einem Portfolio mit zwölf Akten von Germaine Krull, aufgenommen 1924 (8000).

          Vielleicht etwas niedrig geschätzt ist bei Bassenge ein Album mit 45 Porträts aus dem 19. Jahrhundert, die der (Collage-)Künstler Bohumil Stepán mit einem Korkenzieher oder einer Rasierklinge in von ihm gewohnter Manier teils heiter, teils düster verfremdet hat (3000).

          Meditative Bbilder

          Weniger überraschend sind hohe Taxen bei der Villa Grisebach (30. November), wo sich prompt das teuerste Foto überhaupt findet: Trotz des für Andreas Gursky vergleichsweise geringen Formats von rund 90 auf 65 Zentimetern ist sein Bild von den Arbeiten am Rasen eines Fußballstadions auf 80.000 bis 100.000 Euro geschätzt. Der Abzug war die Vorlage für eine Kunstedition der Fifa zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006; es handelt sich um ein Unikat.

          Für das Doppelporträt zweier Schwestern, aufgenommen 1926 von Tina Modotti in Mexiko, erwartet man 30.000 bis 40.000 Euro. Eines der meditativen Schwarzweißbilder von Hiroshi Sugimoto, eine spiegelglatte Meeresoberfläche, soll 18.000 bis 22.000 Euro kosten. Die Taxe für ein bezauberndes Fotogramm des Bauhaus-Lehrers László Moholy-Nagy aus den zwanziger Jahren liegt bei 10.000 bis 15.000 Euro. Ein handkolorierter Schwarzweißabzug aus der Puppenserie von Hans Bellmer im kleinen Format (7000/9000) und eine späte Schadographie aus dem Jahr 1975 (8000/10.000) vervollständgen das Grisebach-Angebot surreal-experimenteller Ansätze.

          Von August Sander zu Horst P. Horst

          In Köln glaubt man, Zeuge einer Art Bäumchen-wechsle-dich-Spiel zu sein: Stilleben von Peter Keetman und wunderbare Großformate von Beat Streuli findet man nun in großer Zahl bei Van Ham (am 1. Dezember), dafür bietet Lempertz (am 2. Dezember) eine große Zahl August-Sander-Fotos an sowie Mode- und Aktaufnahmen von Horst P. Horst, die man früher eher in Berlin gesehen hätte.

          Nach mehreren vielversprechenden Anläufen spielt die Fotografie des 19. Jahrhunderts bei Lempertz mit nur siebzehn Losen diesmal eine untergeordnete Rolle. Für das 20. Jahrhundert hingegen liegt hier die vielleicht abwechslungsreichste und beste Auswahl dieses Herbsts vor. Sie beginnt mit einem Paukenschlag: Für den jungen amerikanischen Patrioten von Diane Arbus als Abzug der FünfundsiebzigerAuflage von Neil Selkirk werden 18.000 Euro erwartet. Akte von Gemaine Krull gibt es auch hier, nämlich eine Mappe mit sechs Abzügen (25.000/30.000). Unter den zeitgenössischen Fotoarbeiten fallen Dieter Appelt und Jürgen Klauke auf.

          Bei Van Ham sind drei großformatige Straßenszenen von Philip-Lorca diCorcia, davon zwei prominente Motive, auf je 12.000 Euro taxiert. Walter Niedermayr ist mit dem museumswandfüllenden Triptychon einer Bergwand bei Hintertux vertreten (9000). Tierfreunden seien die „Kitty Cats“ von Roni Horn (8500) und David Hockneys Dackel „Stanley + Heinz“ ans Herz gelegt - letztere allerdings von fragwürdiger Herkunft (400).

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