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Londoner Messen II : Flieder der Vanitas

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Crossover großgeschrieben: Die Frieze Masters ist keine Messe für Schnäppchenjäger, sondern noch bis zum 9. Oktober ein Ort für Trophäensammler der Gegenwart.

          Am Dienstag sprach Theresa May von einer stillen Revolution und stellte die Konservativen als die neue Arbeiterpartei hin. Just in dem Moment, in dem die Premierministerin den Gemeinsinn predigte, die Macht des Staates pries, Gutes zu bewirken, und den ungezügelten Kapitalismus anprangerte, versammelten sich in London Superreiche aus aller Welt für die alljährliche Frieze-Messe. Der Andrang für die VIP-Vorschau gleicht am ersten Tag dem Ausverkauf beim Kaufhaus Harrods, vor dem Menschen Schlange stehen in der Hoffnung, ein Schnäppchen zu ergattern. Bloß dass in den beiden Messezelten, in denen man sich vorkommt wie unter einer Glasglocke, zumal in Hinblick auf Theresa Mays betonte Kritik an eigennütziger Dynamik, die als das Vermächtnis von Margaret Thatcher gilt, keine Schnäppchen zu haben sind. Statt dessen buhlen bei der Frieze Masters 134 Kunsthändler mit erlesenen Stücken in teilweise spektakulären Inszenierungen um Aufmerksamkeit.

          Die zum fünften Mal stattfindende Frieze Masters umfasst zwar das breite Spektrum der Kunstgeschichte von der Antike bis zur Moderne, hat sich aber noch nie als Altemeister-Veranstaltung verstanden. Die jüngere Schwester der 2003 lancierten Frieze Messe für Gegenwartskunst zeugt vielmehr von dem seit einigen Jahren verstärkt verfolgten Bestreben, den Markt zu verjüngen und jene Sammler vom Wert der älteren Kunst zu überzeugen, die auf teure zeitgenössische Trophäen fixiert sind. Das Modewort Crossover steht hier größer geschrieben als irgendwo sonst.

          Sinnvolle Dialoge zwischen Westafrika und Amerika

          Unter diesem Aspekt wird das zur Auswahl stehende Angebot ausgesucht und präsentiert. Das wird dem Besucher gleich am Anfang vor Augen geführt an dem Stand, den Hauser & Wirth in Partnerschaft mit der auf italienische Altmeistergemälde spezialisierten Galerie Moretti Fine Art wie eine Sammlerwohnung gestaltet haben, in der moderne und zeitgenössische Künstler wie Philip Guston, Louise Bourgeois, Egon Schiele und Alexander Calder mit Heiligenbildern, Madonnen, Renaissance-Porträts und einem Vesuv-Ausbruch vom österreichischen Landschaftsmaler Michael Wutky wetteifern. Die Vermählung von Alt und Neu, die auch die Münchner Kunstkammer Georg Laue und der New Yorker Händler Peter Freeman mit dem Nebeneinander etwa einer Vitrine barocker Elfenbeinschätze und eines schwarzen Qaudrats von Richard Serra darbieten, wirkt bei Hauser & Wirth und Moretti forciert.

          Gelungener ist das Zusammenwirken von Bernarde de Grunne, dem Brüssler Händler für Stammeskunst, und dem New Yorker Salon94 auf einem, von dem Architekten David Adjaye entworfenen, Stand: Dort stehen womöglich von Frauen gefertigte Terracotta-Miniaturen aus Djenné-Jeno, einer der ältesten Siedlungen Westafrikas, in sinnvollem Dialog mit den kleinen Tonfiguren der feministischen Künstlerin Judy Chicago aus deren „Göttinnen“-Serie. Wie die ethnische Kunst, die auf der Frieze Masters unter anderem durch die Londoner Handlung Entwistle qualitätvoll vertreten wird, belegt auch die verstärkte Präsenz antiker Kunstwerke den Reiz, den das zeitlos Schöne auf den modernen Geschmack ausübt. Herausragend ist eine goldene thrakische Maske aus dem 4. Jahrhundet vor Christus, welche die Ariadne Galleries aus New York in einer versteckten verdunkelten Koje spektakulär in Szene setzen. Mit der Öffnung für Nase und Augen wirkt das wohl für zeremonielle Zwecke genutzte Prachtstück, das rund 1,4 Millionen Pfund kostet, fast wie eine surrealistische Skulptur.

          Der Begriff leitet über zu Simon Dickinson. Zwei tränende Augen mit Blumenwimpern locken auf einer über einem Lippensofa hängenden, fast vier Meter breiten Leinwand von Salvador Dalì (950 000 Pfund) an den Stand mit einer eindrucksvoll kuratierten Auswahl von Werken Magrittes, Max Ernsts, Frieda Kahlos und anderen Vertretern des Surrealismus. Helly Nahmad begnügt sich diesmal mit drei späten Gemälden von Picasso, die mit geradezu herausfordernder Selbstverständlichkeit schmucklos an der Wand hängen.

          Darstellung der Wurzel Jesse

          Überhaupt fällt die Zahl der Galerien auf, die es im Rahmen von „Spotlights“ vorziehen, sich auf einen Künstler zu konzentrieren, so wie es beispielsweise Blain Southern mit einer Auswahl von Werken des britischen Bildhauers Lynn Chadwick tut. Darunter sind auch einige Händler, wie die den Video Künstler Zhan Peili ausstellende Galerie Boers-Li aus Peking, die man eher in dem Frieze-Zelt erwarten würde. Boers-Li gefällt das ruhigere Ambiente von Frieze Masters jedoch offenbar besser als das Getümmel bei den Zeitgenossen.

          Von der Ruhe profitieren freilich auch jene Aussteller, die mit musealen Stücken auftrumpfen. Zum Beispiel die auf byzantinische Kunst spezialisierte Galerie Axia, bei der eine wunderbar schlichte Porphyr-Schale für 60 000 Pfund sogleich einen Käufer fand, oder die Münchner Kunsthandlung Rudigier, die für 9,5 Millionen Euro eine hinreißende, Veit Stoß zugeschriebene Darstellung der Wurzel Jesse aus der Sammlung des Fürsten Oettingen-Wallerstein anbietet.

          Bestechend auch das mit einem konzentrierten Blick für das Ungewöhnliche ausgesuchte Angebot bei Emanuel Von Baeyer, sowie das qualitätvolle Sortiment von Thomas le Claire und Daxer und Marschall, bei dem ein riesiger, das Vanitasmotiv aufgreifender Fliederstrauß von Lovis Corinth mit kraftvollen Pinselstrichen ins Auge fällt (1,2 Millionen Euro). Die große Leinwand, die der Hamburger Kunsthalle 1937 als „entartet“ entwendet wurde, möchte man in ihrer Mischung aus Dynamik und Dekadenz beinahe als sinnbildlich für diese Messe bezeichnen.

          Frieze Masters, noch bis zum Sonntag, dem 9. Oktober

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