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Fine Art Fair Frankfurt : Geschafft: Sie ist die schönste Messe im ganzen Land, jetzt muß sie nur noch bis hinter die sieben Berge verkaufen

Zur Premiere der „Fine Art Fair Frankfurt“ ist alles anders: Mineralwasser zur Vernissage und keine Kojen mehr, nur fünfzig Teilnehmer und kein Teppichboden mehr. Dafür ohne traurige Winkel und ohne Kompromisse - keine reine Verkaufsschau, sondern eine edle Gemeinschaftsausstellung.

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          Alles hätte furchtbar in die Binsen gehen können. Die Erwartungen waren auf hochmast geflaggt. Vor der Halle 9.0 der Frankfurter Messe wehen seit vier Tagen, links und rechts vom lackroten Japanischen Tor, schwarze Fahnen mit weißen Schnörkeln. Schwarz ist die Farbe, das Material hier ist Kunst. Zur Vernissage reichte man dem hochverehrten Publikum berühmtes stilles Quellwasser aus Frankreich in handlichen Flaschen. Schon diese Entscheidung war kühl; von lauwarmem Bier bis halbherzigem Schaumwein ist sonst bei Vernissagen alles drin.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Klare Köpfe also unter dem fast schattenlosen Licht der kostspieligen Deckenstrahler, die keine kleinste Ecke auf 15 000 Quadratmetern unausgeleuchtet lassen. Statt Kojen stehen da Module der Architekten Kühn/Malvezzi, die eine Struktur eingezogen haben wie ein Rückgrat. Hier herrscht kein „laissez-faire“, es ist kein Ort, an dem alles geht.

          Gelitins Getüm und eine rosa Burg

          Dennoch könnte man es liebevoll nennen, wie diese Messe gestaltet ist. Mit Leidenschaft zur Genauigkeit sind die Einheiten - oder wie sind „one-artist-shows“ auf gut deutsch zu nennen? - ins Verhältnis zueinander gesetzt. So hätte die unmittelbare Nachbarschaft zu „Baloni“, einem zwei Meter hohen, dreißig Quadratmeter Fläche okkupierenden Getüm der Künstlergruppe Gelitin (vormals Gelatin) einem zarteren Nachbarn einige Luft nehmen können. Deshalb wurde noch kurz vor der Eröffnung umgeräumt, und die kapriziöse Materialcollage-Wand von Julie Verhoeven bei Vera Gliem aus Köln kann jetzt frei atmen.

          Das Bekenntnis zu dieser Premiere haben sich manche Teilnehmer einiges kosten lassen. Eins dieser massiven Statements geben Contemporary Fine Arts ab: Die einflußreiche Galerie aus Berlin hat eine rosa Burg samt Innenleben von Jonathan Meese und Tal R. über ihr Geviert von Modulen aufgebaut. Das Opus der spielwütigen Künstler macht den Verkauf im Ganzen schwierig (495 000 Euro); Einzelverkäufe daraus brachte aber schon der Eröffnungsabend.

          Auch die Galerie Gebrüder Lehmann aus Dresden geht auf Risiko: Hier füllt Tatjana Dolls „Doll from bigger to smaller“-Installation eine Breitwand, die den bemalten hölzernen Babuschka-Figuren aus Rußland ein Denkmal setzt, samt der Spuren von Abnutzung, die das alte Spiel vom Ineinander- und Auseinandersetzen der Püppchen hinterläßt (78 000 Euro). Sies + Höke sind mit einem riesigen Spiegelobjekt des begnadeten Verwirrers Kris Martin angereist; „The End“ liest der Betrachter darauf, als bissigen Kommentar seiner selbst. Einem umwerfenden Witz begegnet er vor Eva Marisaldis Guckkastenbühne, wo ein kleiner animalischer Roboter sich schlängelt wie eine Stripperin (bei Zink), und Sinnbilder für die Zerbrechlichkeit aller Ordnung schlechthin sind die Draht-Möbelskulpturen von Fritz Panzer (bei Krobath-Wimmer; um 35 000 Euro).

          Fernab des Gegenwartswahns

          Die Vernissage sah 6000 Besucher - unter ihnen durchaus Kauffreudige, wie manche Galerien bereits bestätigten. Das Damoklesschwert der angeblichen Kaufabstinenz scheint also doch nicht auf ewig über Frankfurt schweben zu müssen. Entsprechend dem Qualitätsplateau der Messe ist bei der Klientel mit Kenntnisreichtum zu rechnen. Die modulare Architektur steigert das Vergnügen nur.

          Wo die kühne Malerei von Bernard Frize bei der Wiener Galerie nächst St. Stephan mit den neuen Farb-Raum-Träumen von Imi Knoebel (32 000 und 82 000 Euro) bei Sabine Knust aus München flirtet: Da wird die Wand wieder zum Ort, ist nicht länger geschonte Fläche. Große Klasse hat, nur ein weiteres Beispiel, am anderen Ende der Arena die Nähe der Galerien Kicken und Fichter: Der junge Fotograf Götz Diergarten trifft auf die zarten Linien, die Ludwig Deurer vor mehr als hundertfünfzig Jahren zeichnete; selbst die freundlichen Preise stören nicht diese Begegnung.

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