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Fälschungsgeschichte : Wer’s macht, profitiert

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Eine Weile lang vergraben oder im Kamin gut durchräuchern: Die Kunstfälschungen haben Tradition, seit es einen Sammlermarkt gibt. Ein Blick auf die Geschichte eines Handwerks.

          Nach kurzem Prozess vor dem Landgericht Köln erging im vorigen Herbst das Urteil in einem der größten Kunstfälscher-Prozesse nach dem Zweiten Weltkrieg. Die öffentliche Aufmerksamkeit für den zu sechs Jahren Haft verurteilten Haupttäter Wolfgang Beltracchi war enorm. Dabei konnte der Eindruck entstehen, das Fälschen von Kunst sei erst durch den Wandel des Kunstverständnisses seit dem bürgerlichen 19. Jahrhundert im Schwange.

          Doch in betrügerischer Absicht hergestellte Fälschungen gibt es seit der Antike. Gefälschte Münzen haben sich in großer Zahl erhalten und gefälschte Testamente waren seinerzeit Gegenstand juristischer Auseinandersetzungen, die in der überlieferten Rechtsliteratur ihre Spuren hinterlassen haben.

          Auch auf gefälschte Kunst finden sich literarische Hinweise: so in Ciceros Reden im berühmten Prozess gegen Verres, der zur Verwunderung seines Anklägers nie auf Fälschungen hereingefallen war. Wie Cicero herausstellt, war das aber allein das Verdienst zweier griechischer Künstler, die den Verbrecher mit ihrem Sachverstand unterstützten. Andere waren weniger gut beraten: Aus den Satiren des Horaz und den Briefen Ciceros kennt man einen gewissen Damasippus, der sich durch den Kauf alter Statuen und historischer Kunstgegenstände ruinierte.

          Allgemein war damals der Alterswert ein zentrales Qualitätskriterium. Sowohl der ältere Plinius als auch Quintillian kritisierten ihre Zeitgenossen, die vor allem alte Bilder und Kunstobjekte kauften - die keineswegs immer echt waren. Im Prolog des fünften Buchs seiner „Fabulae“ spielt Phaedrus spöttisch auf jene Fälscher an, die den Wert ihrer neuen Hervorbringungen durch falsche Zuschreibungen und vorgetäuschtes Alter steigerten: So schrieben sie den Namen des Praxiteles auf neue Marmorstatuen, den des Myron auf künstlich gealtertes Silber oder würden Gemälde mit dem Namen des Zeuxis signieren.

          Durch einen glücklichen Zufall hat sich sogar ein antikes Werk erhalten, das möglicherweise in fälschender Absicht verfertigt wurde: Der sogenannte Apollon von Piombino mutet durch seine strenge Frontalität archaisch an. Zudem trägt er eine altertümlich anmutende Weiheinschrift, weshalb er lange Zeit in das fünfte vorchristliche Jahrhundert datiert wurde. Erst bei einer sehr gründlichen Untersuchung fand man tief im Inneren versteckt ein Bronzeplättchen mit den Namen der Künstler, das auf eine Entstehung in späthellenistischer Zeit hinweist.

          Mit der Ausbreitung des Christentums kamen zunehmend gefälschte Glaubenszeugnisse auf den Markt. Etliche dieser teils noch heute verehrten Reliquien waren bei weitem nicht so alt, wie sie sein sollten. So ist die „Heilige Lanze“ in der Wiener Schatzkammer, die auch noch einen angeblichen Kreuzesnagel enthält, ausweislich der eher nüchternen Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung in karolingischer Zeit entstanden, im späten achten Jahrhundert. Auch was das rätselhafte Turiner Grabtuch angeht, hält sich hartnäckig das Gerücht, es handle sich um eine geschickte Fälschung aus dem späten Mittelalter. Seinem Status als Ikone tut dieser Zweifel aber keinen Abbruch. Dafür steht die Begeisterung, mit der Pilger von alters her die ihnen vorgewiesenen Zeugnisse bewunderten.

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