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Fälschungen in New York : Mr. X, Mrs. Freedman und die Maler

Alles fing mit einem falschen Pollock an, dann kam ein Rothko dazu, jetzt ein Bild de Koonings: Die Hinweise auf einen Fälscherskandal großen Ausmaßes in Amerika verdichten sich.

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          In der Galerie Freedman Art auf der Upper Eastside von Manhattan sind bis September neue Skulpturen von Frank Stella zu sehen. Gegründet wurde Freedman Art von Ann Freedman, die viele Jahre lang die Knoedler Gallery leitete, die älteste, 1846 gegründete Galerie von New York. Im Oktober 2009 wurde Ann Freedman von einem Tag auf den anderen als Direktorin von Knoedler entlassen. Sie durfte noch nicht einmal ihren Schreibtisch aufräumen. Zwei Jahre später, am 30. November 2011, stellte die Galerie Knoedler ebenso plötzlich ihre Geschäftstätigkeit ein, obwohl die zu diesem Zeitpunkt in den Galerieräumen gezeigte Ausstellung noch bis in den Januar 2012 hätte dauern sollen.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Einen Tag vor der Schließung war Knoedler ein Gutachten über ein im Jahr 2007 von der Galerie verkauftes Gemälde von Jackson Pollock zugegangen. Den Analysen der Firma Orion zufolge sind auf der 1950 angeblich von Pollock bemalten Leinwand Farben nachzuweisen, die erst nach Pollocks Tod 1956 erfunden wurden. Der Käufer des Bildes, der belgische Hedgefonds-Manager Pierre Lagrange, verklagte Knoedler und Ann Freedman wegen Betrugs.

          Zwei weitere Verfahren

          Ann Freedman hatte in der Zwischenzeit ihre eigene Galerie aufgemacht. Drei Künstler vertritt sie. Frank Stella hat ihr die Treue gehalten. Im Prozess vor Richter Paul D. Gardephe vom Bundesgericht für den südlichen Bezirk des Staates New York wurde Stella als möglicher Zeuge erwähnt - in der überraschenden Rolle des Fachgutachters. Mrs. Freedman legte in ihrer Zeugenaussage am 15. Dezember 2011 dar, sie habe sich vor dem Verkauf der Echtheit des Pollock-Gemäldes vergewissert, indem sie es allen möglichen Pollock-Kennern gezeigt habe, darunter auch Frank Stella. Im Kreuzverhör durch Lagranges Anwalt charakterisierte sie Stella als Gelehrten. So habe er im Metropolitan Museum einmal einen Vortrag über Caravaggio gehalten.

          Mittlerweile sind zwei weitere Klagen von Knoedler-Kunden bei Richter Gardephe anhängig. Der Modemanager Domenico De Sole und seine Frau Eleanore hatten 2004 für ein Gemälde mit der Signatur Mark Rothkos 8,3 Millionen Dollar ausgegeben, das aus derselben Quelle wie Lagranges Pollock stammt. Und zuletzt am 12. Juli ging bei Gericht die Klage des Investmentbankers John D. Howard ein, der 2007 auf der New Yorker Armory Show am Stand von Knoedler ein Landschaftsgemälde von Willem de Kooning sah, das ihm schließlich vier Millionen Dollar wert war - mehr als das Fünffache der Summe, für die Knoedler der Klage zufolge das Bild einer New Yorker Kunsthändlerkollegin abgekauft hatte, nur zwei Tage vor dem Verkauf an Howard.

          Eine Legende für Interessenten

          Howards Anwälte konnten in ihrer Klageschrift schon auf Dokumente zurückgreifen, die Knoedler und Ann Freedman in dem von Lagrange angestrengten Verfahren offenlegen mussten. In diesen Akten zeichnet sich ein Muster ab, nach dem die Verkäufe aus jenem Schatz unbekannter Werke der großen Abstrakten Expressionisten typischerweise abgewickelt worden sind, auf den Knoedler in den späten neunziger Jahren plötzlich Zugriff erhalten hatte: Den Käufern wurde gesagt, der Eigentümer wolle inkognito bleiben.

          Es handle sich um den Sohn eines eigenbrötlerischen Sammlers, der die Bilder über einen Mittelsmann direkt von den Künstlern erworben habe. Mit unverhohlenem Sarkasmus notieren Howards Anwälte, dass die beiden Unbekannten im internen Schriftverkehr der Galerie als Mr. X und Mr. X, jr. erscheinen. Die Werke seien nie ausgeliehen oder gezeigt worden, wurde den Kaufinteressenten erzählt, deshalb kämen sie in der Literatur nicht vor. Ann Freedman soll aber jeweils versichert haben, mit der Berücksichtigung des unbekannten Meisterwerks in der durch eine Kette glücklicher Zufälle angeblich immer gerade anstehenden Überarbeitung des einschlägigen Werkverzeichnisses sei zu rechnen.

          Auktionshäuser winken ab

          Man weiß ja aus dem Fall Beltracchi, welche magische Wirkung auf den Marktwert die Formel der bloßen Ankündigung der Aufnahme in einen Catalogue raisonné haben kann. Die Anwälte von Knoedler wehren den Betrugsvorwurf mit dem Argument ab, dass sich niemand für zukünftige Handlungen Dritter verbürgen könne. Es seien die Käufer, die es an Sorgfalt hätten fehlen lassen: Ein Anruf bei der jeweiligen Nachlassstiftung hätte ergeben, dass dort gar kein Nachtragsband in Planung ist.

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