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Etel Adnan in Paris : Die glückliche Seite des Malens

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Kalifornien im Gemüt: Die Galerie Lelong zeigt kleinformatige Landschaften von Etel Adnan. Die neunzigjährigen Künstlerin hat erst vor wenigen Jahren die Bühne der internationalen Kunstwelt betreten.

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          Etel Adnan hat schon immer handliche Formate bevorzugt. Das mag auch daher kommen, dass an allem Anfang bei ihr das Wort stand: in Prosa und Dichtung, in den fünf Sprachen, die sie beherrscht. Wenn Etel Adnan an ihren Gemälden arbeitet, liegt die Leinwand wie ein Heft auf dem Tisch. Reine Farbe direkt aus der Tube streicht sie mit dem Malmesser auf, sie vermischt nicht, übermalt auch nicht. Jede Arbeit entsteht in einem Zug und ist Ausdruck der Verhältnisse innerer Elemente zueinander. Es sind abstrakte Kompositionen oder auf minimale Figuration reduzierte Landschaften, in denen die kontrastreichen Bausteine - Feld, Meer, Berg, Himmel und Gestirn - die Perspektive herstellen.

          Etel Adnan fand erst mit Anfang dreißig zur Malerei. 1925 in Beirut geboren, wuchs sie in einem kosmopolitischen Umfeld auf. Der syrische Vater und die griechische Mutter stammten aus der Türkei zu Zeiten des Osmanischen Reichs. Adnan ging in Beirut auf eine französische Klosterschule und studierte nach dem Zweiten Weltkrieg an der Pariser Sorbonne Philosophie. Im kalifornischen Berkeley und Harvard setzte sie ihr Studium auf Englisch fort, bis sie selbst als Dozentin Philosophie und Ästhetik unterrichtete. Die Entdeckung der Malerei erlebte sie wie die Eroberung einer unmittelbaren Sprache, die sie vom Wort befreit. Politisches Engagement und die großen Lebensthemen wie Natur, Liebe und Tod gehören für Etel Adnan in den Bereich der Schrift. In der Malerei, so bekennt sie, drückt sich ihre glückliche Seite aus.

          Zwischen Poesie und Malerei

          In der Pariser Galerie Lelong sind nun ihre jüngsten Ölgemälde zu sehen (25.000 bis 32.000 Euro), Zeichnungen und Aquarelle aus den neunziger Jahren (2000 bis 3000 Euro) und einige Leporello-Hefte (10.000 bis 15.000 Euro). Von Anfang an gehörten diese kuriosen Papierstreifen, die zwischen zwei Buchdeckeln ziehharmonikaartig zusammengefaltet sind, zu ihren Lieblingen. Sie „beschriftet“ diese Papierschlangen mit Tusche und Aquarellfarbe und schlägt so eine kalligraphische Brücke zwischen Poesie und Malerei, zwischen Schrift und Bild. Seit einigen Jahren lebt Etel Adnan wieder in Paris, aber der kalifornische Mount Tamalpais, auf dessen Silhouette sie jahrzehntelang von ihrem Haus in Sausalito aus blickte, ist ein emblematisches Leitmotiv ihres Schaffens geblieben. Wie Cézanne die Montagne Sainte-Victoire, so hat Adnan ihr Leben lang diesen Berg suchend und malend umkreist. Ihre Farbkonstellationen und das spannungsreiche Miteinander von Motivfeldern erinnern jedoch an einen anderen mediterranen Maler: an Matisse in seiner sinnlichen Energie, der Perspektive durch Farbmuster herstellte und sich in seinen späten „papiers découpés“ auf den direkten Ausdruck der reinen Form und Farbe beschränkte.

          Das Phänomen Etel Adnan ist die glückliche Kehrseite derzeitiger Exzesse im Kunstmarkt: Eine vollendete Künstlerin in ihrem einundneunzigsten Lebensjahr betritt den Kreis der Gegenwartskunst. Als Malerin entdeckt wurde sie erst 2010 in Beirut, wo sie eine Ausstellung in der Galerie von Andrée Sfeir-Semler hatte. Zwei Jahre später folgte die Einladung zur Dokumenta 13. Seither ist der Erfolg unaufhaltsam, aber Etel Adnan nimmt den Rummel gelassen. Zum Glück sei das nicht schon früher passiert, kommentiert sie. Am 24. Februar ist sie neunzig Jahre alt geworden.

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