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Ausstellung in Paris : Es kann nur einen geben – oder?

  • -Aktualisiert am

Vor genau hundert Jahren kam das Readymade in die Welt. Jetzt steht Marcel Duchamps Flaschentrockner in Paris zum Verkauf. Aber nur ein Museum kann ihn erwerben: Die abenteuerliche Geschichte dieser Skulptur.

          6 Min.

          Kein Wort ist im globalen Kunstbetrieb so strapaziert wie iconic, auf Deutsch so viel wie: ein Werk mit Kultcharakter. Begegnet man dann einmal einer wirklichen Ikone – außerhalb eines Museums, gewissermaßen (fast) in Freiheit –, kann das so aufregend sein wie das berühmte „zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“, das der französische Dichter Lautréamont schon 1874 in seinen „Gesängen des Maldoror“ pries und das sich später die Surrealisten auf ihre Fahne schrieben. Nun ist hier nicht die Rede von einem schönen jungen Mann (wie bei Lautréamont), sondern von einem Porte-bouteilles, einem Bottle Rack, einem Flaschentrockner also – natürlich nicht irgendeinem: Es geht um den Porte-bouteilles von Marcel Duchamp, die Mutter aller Readymades, jedenfalls nach Duchamps eigener Einschätzung.

          Das recht zierliche Ding aus verzinktem Stahl hängt nämlich derzeit in der Galerie von Thaddaeus Ropac im Pariser Marais-Quartier von der Decke, irgendwie verträumt wirft es malerische Schatten an die weißen Wände. Es ist grade mal 59,1 Zentimeter hoch, ein Gestellchen mit sechs stählernen Ringen auf einem Korpus mit vier vertikalen Streben, auf fünf der Reifen stehen dünne Zinken in die Höhe – nun ja, um geleerte Weinflaschen kopfüber darauf zu trocken. Es ist wirklich ausgesprochen apart. Und es hat eine charmante Historie, die es in den – in Wirklichkeit eben doch ganz dünn besetzten – Himmel der Kunst-Ikonen beamt.

          „Readymade à distance“

          Diese Geschichte beginnt vor genau einem Jahrhundert: Im Januar des Jahres 1916 schreibt Marcel Duchamp aus New York, wohin er im Jahr zuvor aus Europa gezogen war, einen Brief an seine Schwester Suzanne in Paris. Dort benutzt er zum ersten Mal überhaupt den Begriff readymade. Und der wird wesentlich an seinem unauslöschlichen Weltruhm schuld sein. In dem Schreiben bittet er Suzanne, für ihn einen Porte-bouteilles zu erwerben, wie er ihn selbst zuvor auf dem Grand Bazar de l’Hôtel de Ville in Paris gekauft und in seinem Atelier in Paris zurückgelassen hatte (wo ihn die Schwester wohl entsorgte). Warum das? In New York war ihm Folgendes eingefallen: „Ich habe ihn als eine fertige Skulptur gekauft. Und ich habe eine Absicht à propos dieses besagten Flaschentrockners.“ Dieser sein Plan mit der sculpture toute faite wird Kunstgeschichte schreiben: Er will den Flaschentrockner nämlich zum „,Readymade’ à distance“ machen, zum Readymade aus der Entfernung. Dafür soll Suzanne das Ding bei sich behalten, und sie soll auf der Innenseite des untersten Rings eine Inschrift anbringen, deren Text er ihr nachstehend geben werde, und außerdem soll sie es signieren mit „\[d’après\] Marcel Duchamp“.

          Duchamp wäre nicht Duchamp, wenn die angekündigte Inschrift jemals bekannt geworden wäre, falls sie überhaupt formuliert wurde. Zu schweigen vom Beleg für den Erwerb des erwünschten Flaschentrockners: Wir haben es in dem handschriftlichen Brief gleichsam mit der Geburtsurkunde des ersten Readymade zu tun. Als pure Idee. Vor einem Jahrhundert. Das hat einigen Witz, mit den bekannten Folgen. Bis heute. Im Jahr 1938 dann wird Duchamps enger Freund André Breton, der Präzeptor des Surrealismus, im „Dictionnaire abrégé du surréalisme“ die gültige Definition des Readymade liefern: Einfach die Wahl des Künstlers gibt einem normalen Objekt die Würde des Kunstwerks.

          Was also schaukelt sanft in der Pariser Galerie vor sich hin? Das hat nun wieder alles zu tun mit dem Zusammentreffen von Marcel Duchamp und Robert Rauschenberg, im Jahr 1953 in New York. Was die beiden, den alteuropäischen Konzept-Strategen und den jungen Pop-Artisten, unbedingt einte, war der starke Affekt gegen die Malerei. Duchamp hatte sie schon in Paris als „retinale Kunst“ gebrandmarkt; Rauschenberg und mit ihm Jasper Johns waren im juvenilen Aufbruch gegen den in Amerika dominierenden Abstrakten Expressionismus. Man freundete sich an. Nun hatte ja Duchamp, längst zum Großkünstler avanciert, mindestens noch einen weiteren Flaschentrockner im Ärmel, im alten Europa: Den musste sein Freund Man Ray gehabt haben, etwa als er ihn 1935/36 für die „Boîte-en-valise“ fotografierte, Duchamps notorische Schachtel mit seinen diversen Schöpfungen. Für eine Gruppenausstellung 1959 mit dem Titel „Art and the Found Object“ in New York, an der Duchamp und Rauschenberg teilnahmen, bat Duchamp nun Man Ray, ihm dieses Ding zu leihen. Aber Man Ray hatte seinen Porte-bouteilles verschmissen. Deshalb erwarb er, wie (vielleicht) schon Suzanne 1916, auf Bitten seines Freundes noch einmal so ein Objekt auf dem Grand Bazar in Paris und schickte es für die Schau nach New York.

          Rarissimum auf dem Auktionsmarkt

          Ist das kompliziert? Nur ein wenig, und es geht weiter. Robert Rauschenberg kaufte die Skulptur direkt aus der Schau. Auf rosafarbenen Kärtchen (in der Galerie im Original, selbstverständlich unverkäuflich) hat er seine „Note on RR’S aquiring Duchamp bottle rack“ 1995 festgehalten, dort steht auch der damalige Preis: „I was told everything in the exhibition was for sale. I asked how much was the bottle rack. He (der Organisator) said it was $3.00. I bought it.“ Rauschenberg hatte da etwas verstanden, er kannte die Story vom Anfang an, und er freute sich, dass Duchamp ihm das bottle rack signierte, die Inschrift steht innen im unteren Ring: „Impossible de me rappeler la phrase originale M.D./ Marcel Duchamp/ 1960“.

          Unübersehbar treibt Duchamp mit der Widmung das Verwirrspiel weiter, das er mit seiner Schwester 24 Jahre zuvor begonnen hatte. Das ist Konzeptkunst – buchstäblich aus erster Hand. Jedenfalls blieb dieser Porte-bouteilles in Rauschenbergs Atelier, bis zu seinem Tod im Jahr 2008 – als der wohl einzig existierende seiner Art. Denn es gibt zwar diverse, etwas höhere Lookalikes, als Objekte in einer Auflage von acht (plus einigen Exemplaren außerhalb der Edition), in Museen auf der ganzen Welt; das Exemplar Nr. 1/8 zum Beispiel befindet sich im Marcel Duchamp Kabinett der Stuttgarter Staatsgalerie. Aber die gehören zu einer Edition, die der Mailänder Galerist Arturo Schwarz 1964 herausbrachte.

          Der Galerist Thaddaeus Ropac hat von der Robert Rauschenberg Foundation in New York den Auftrag zum Verkauf des (falls es das gibt) Ur-Flaschentrockners bekommen, mit einer entscheidenden Auflage: Er kann nur an ein Museum vermittelt werden, das überdies sicherstellt, dass die Skulptur der Öffentlichkeit ständig zugänglich ist und der Forschung zur Verfügung steht. Für diese Auflagen darf man der Stiftung dankbar sein. Wäre das Rarissimum in den Auktionsmarkt gelangt, hätte es womöglich kein Halten gegeben, wenn private Trophäenjäger oder entsprechende Händler darauf losgegangen wären. So aber wird es zum edlen Wettstreit der Mäzene, der Trustees und Boards der wichtigsten Museen in Amerika und Frankreich kommen. Dabei ist Paris, erstaunlich genug, erst vor kurzer Zeit aufgewacht in Sachen Porte-bouteilles, sagt Thaddaeus Ropac, aber eben noch rechtzeitig. Die Entscheidung liegt bei ihm, es wird schon eine Shortlist erstellt. Der Preis bleibt ungenannt. Wie auch anders, zumal in diesem Fall? Allerdings, sagt Ropac, sei die Vorstellung eher am unteren Rand des Möglichen angesiedelt.

          Duchamps „Schöner Atem“

          Die Preisfrage ist wirklich knifflig. Es gab und gibt kein vergleichbares Readymade von Duchamp auf dem Markt. Ein einziges Beispiel ist nur denkbar: Wer im Februar 2009 im Grand Palais bei den dreitägigen Versteigerungen der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé dabei war, staunte nicht schlecht beim Aufruf von Duchamps Parfumflacon mit dem Etikett „Belle Haleine. Eau de Voilette“ samt Etui: Die nur 16,5 mal 11,2 Zentimeter kleine Skulptur aus dem Jahr 1921 war auf eine bis 1,5 Millionen Euro geschätzt. Der Zuschlag erging zum Rekordpreis von 7,9 Millionen Euro an den in New York lebenden französischen Kunstvermittler Franck Giraud, der mit Aufgeld 8,9 Millionen dafür bezahlte. Wer den „Schönen Atem“ übrigens heute besitzt, weiß auch Ropac nicht.

          Dabei ist dieses Fläschchen – anders als der Flaschentrockner – bereits bearbeitet, also kein Readymade im strengen Sinn. Duchamp und Man Ray ersetzten das originale Label durch das Fotoporträt von „Rrose Sélavy“, Duchamps fiktivem weiblichen Alter Ego, außerdem veränderten sie die Schriftzüge. In einem so speziellen Fall muss man genau hinsehen! Kommt noch hinzu, dass Robert Rauschenberg den Porte-bouteilles fast ein halbes Jahrhundert bei sich hatte. Und endlich ist es ein sehr anziehender Gedanke, dass eigentlich kein Preis dafür existiert. Wer möchte, kann Marcel Duchamp für einen Gangster der Kunstgeschichte halten. Seinen Esprit freilich wird ihm niemand ernsthaft absprechen wollen.

          Parallel zum Porte-bouteilles sind bei Ropac neunzehn Arbeiten aus Rauschenbergs „Salvage“-Serie ausgestellt. Auch sie kommen aus der Foundation, und auch ihr Verkauf soll der Erstellung eines Catalogue raisonné für Rauschenberg zugutekommen. Dafür müssen die umfangreichen Bestände zunächst gesichtet und geordnet werden, ein aufwendiges und zeitintensives Unterfangen. „Salvage“, etwa: die Bergung von Alt- oder Abfallmaterialien, nannte Rauschenberg eine Gruppe von rund siebzig Arbeiten, die von 1983 bis 1985 entstand. Sie begann damit, dass er die Kostüme für „Set and Reset“, ein Ballett der Trisha Brown Dance Company zu Musik von Laurie Anderson, mit Siebdrucken eigener Fotografien versehen hatte. Das brachte ihn zum Recycling weiterer Materialien, die er auf großformatige Leinwände aufdruckte, in Collagen aus Malerei und Silkscreen. So entstanden Werke mit autobiographischem Hintergrund, die in ihrer Melange zu Suchbildern von fragiler Schönheit gerieten. (Preise 500 000 bis 4,4 Millionen Dollar.)

          In der Galerie Thaddaeus Ropac, bis zum 14. Januar 2017.

          Das großartige Katalogbuch „Marcel Duchamp. Porte-bouteilles“ kostet 40 Euro, der Katalog „Robert Rauschenberg. Salvage“ kostet 35 Euro.

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