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Ausstellung in Paris : Es kann nur einen geben – oder?

  • -Aktualisiert am

Vor genau hundert Jahren kam das Readymade in die Welt. Jetzt steht Marcel Duchamps Flaschentrockner in Paris zum Verkauf. Aber nur ein Museum kann ihn erwerben: Die abenteuerliche Geschichte dieser Skulptur.

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          Kein Wort ist im globalen Kunstbetrieb so strapaziert wie iconic, auf Deutsch so viel wie: ein Werk mit Kultcharakter. Begegnet man dann einmal einer wirklichen Ikone – außerhalb eines Museums, gewissermaßen (fast) in Freiheit –, kann das so aufregend sein wie das berühmte „zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine mit einem Regenschirm auf einem Seziertisch“, das der französische Dichter Lautréamont schon 1874 in seinen „Gesängen des Maldoror“ pries und das sich später die Surrealisten auf ihre Fahne schrieben. Nun ist hier nicht die Rede von einem schönen jungen Mann (wie bei Lautréamont), sondern von einem Porte-bouteilles, einem Bottle Rack, einem Flaschentrockner also – natürlich nicht irgendeinem: Es geht um den Porte-bouteilles von Marcel Duchamp, die Mutter aller Readymades, jedenfalls nach Duchamps eigener Einschätzung.

          Das recht zierliche Ding aus verzinktem Stahl hängt nämlich derzeit in der Galerie von Thaddaeus Ropac im Pariser Marais-Quartier von der Decke, irgendwie verträumt wirft es malerische Schatten an die weißen Wände. Es ist grade mal 59,1 Zentimeter hoch, ein Gestellchen mit sechs stählernen Ringen auf einem Korpus mit vier vertikalen Streben, auf fünf der Reifen stehen dünne Zinken in die Höhe – nun ja, um geleerte Weinflaschen kopfüber darauf zu trocken. Es ist wirklich ausgesprochen apart. Und es hat eine charmante Historie, die es in den – in Wirklichkeit eben doch ganz dünn besetzten – Himmel der Kunst-Ikonen beamt.

          „Readymade à distance“

          Diese Geschichte beginnt vor genau einem Jahrhundert: Im Januar des Jahres 1916 schreibt Marcel Duchamp aus New York, wohin er im Jahr zuvor aus Europa gezogen war, einen Brief an seine Schwester Suzanne in Paris. Dort benutzt er zum ersten Mal überhaupt den Begriff readymade. Und der wird wesentlich an seinem unauslöschlichen Weltruhm schuld sein. In dem Schreiben bittet er Suzanne, für ihn einen Porte-bouteilles zu erwerben, wie er ihn selbst zuvor auf dem Grand Bazar de l’Hôtel de Ville in Paris gekauft und in seinem Atelier in Paris zurückgelassen hatte (wo ihn die Schwester wohl entsorgte). Warum das? In New York war ihm Folgendes eingefallen: „Ich habe ihn als eine fertige Skulptur gekauft. Und ich habe eine Absicht à propos dieses besagten Flaschentrockners.“ Dieser sein Plan mit der sculpture toute faite wird Kunstgeschichte schreiben: Er will den Flaschentrockner nämlich zum „,Readymade’ à distance“ machen, zum Readymade aus der Entfernung. Dafür soll Suzanne das Ding bei sich behalten, und sie soll auf der Innenseite des untersten Rings eine Inschrift anbringen, deren Text er ihr nachstehend geben werde, und außerdem soll sie es signieren mit „\[d’après\] Marcel Duchamp“.

          Duchamp wäre nicht Duchamp, wenn die angekündigte Inschrift jemals bekannt geworden wäre, falls sie überhaupt formuliert wurde. Zu schweigen vom Beleg für den Erwerb des erwünschten Flaschentrockners: Wir haben es in dem handschriftlichen Brief gleichsam mit der Geburtsurkunde des ersten Readymade zu tun. Als pure Idee. Vor einem Jahrhundert. Das hat einigen Witz, mit den bekannten Folgen. Bis heute. Im Jahr 1938 dann wird Duchamps enger Freund André Breton, der Präzeptor des Surrealismus, im „Dictionnaire abrégé du surréalisme“ die gültige Definition des Readymade liefern: Einfach die Wahl des Künstlers gibt einem normalen Objekt die Würde des Kunstwerks.

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