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Internationale Toplose 2016 : Es ist ruhiger geworden

Gerade hatte man sich an die neunstelligen Dollar-Summen in den Prestigeauktionen gewöhnt, jetzt sind sie wieder weg. Warum nur? Aber Sorgen um diesen Markt muss man sich trotzdem nicht machen.

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          Was bedeuten diese Top Ten? Sie bedeuten zunächst, dass im Jahr 2016 für den höchsten Zuschlag in einer Auktion weltweit ein Gebot von 72,5 Millionen Dollar ausgereicht hat. Das hätte im Vorjahr 2015 noch nicht einmal für den fünften Rang in dieser Liste genügt: einen guten, aber keineswegs überragenden Rothko von 1958, der damals bei Christie’s einen Zuschlag von 73 Millionen Dollar einbrachte.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Es gibt einige Faktoren, die die deutliche Abkühlung des globalen Auktionsmarkts im Höchstpreissegment mitbestimmen. Von außen sind das Einflüsse, wie sie durch die ökonomischen Unwägbarkeiten des Brexits entstanden sind, zuletzt auch durch die Wahlen in Amerika am 8.November, aus denen Donald Trump als Sieger hervorging. Unmittelbar danach fanden in New York die wichtigen Auktionen mit Moderne und Gegenwartskunst statt; zu einem wirklichen Einbruch kam es allerdings nicht. Vor allem aber sind es Veränderungen, die mit Usancen im Inneren des Hochpreismarktes zu tun haben, die nun spürbare Auswirkungen zeitigen.

          Steigendes Missvergnügen am riskanten Spiel

          Noch 2015 war dieses Segment von den Garantien oder unwiderruflichen Geboten bestimmt, die für viele der wichtigsten Lose von den führenden Firmen Christie’s und Sotheby’s gewährt wurden: Die Häuser selbst oder eine dritte Partei, eventuell gemeinsam mit ihnen, „garantierten“ eben, dass ein Los keinesfalls zurückgehen werde. Das bedeutete entsprechend für die Einlieferer die Sicherheit, dass ihr Werk eben vermittelt werden würde – genau genommen bereits vor seiner Versteigerung verkauft war, und zwar zu einem Preis, den sie sich dafür vorstellten. Ein besserer Deal für die Einlieferer lässt sich kaum vorstellen.

          Für die Auktionsfirmen allerdings wurde das zunehmend kostspielig, denn sie mussten ihren Gewinn aus der Vermittlung mit den Garantiegebern teilen; viel blieb da oft nicht übrig. Dass dieses riskante Spiel in so hohem Umfang endlich sein musste, war schon gegen Ende 2015 absehbar. Hinzu kam das steigende Missvergnügen an diesen Praktiken beim restlichen kaufinteressierten Auktionspublikum, das zunehmend die klassischen Regeln der Versteigerung ausgehebelt sah.

          Die aktuellen Top Ten zeigen also auch, dass vergleichbare Super-Lose wie im Vorjahr – Picassos „Les femmes d’Alger“ für 160 Millionen Dollar, Modiglianis prächtiger Akt für 152 Millionen Dollar oder Giacomettis Bronze „L’homme au doigt“ für 126 Millionen Dollar – nicht mehr verfügbar waren. Sie werden ohne vorherige Absicherung schlicht nicht mehr in den Markt eingespeist. Dahingestellt übrigens noch, ob ein solcher Hype, selbst bei unveränderten Konditionen, überhaupt wiederholbar, gar zu steigern gewesen wäre, jedenfalls auf der Bühne einer Auktion.

          So betrachtet, ist der Hochpreismarkt in New York und – dieses Mal mit immerhin drei Spitzenzuschlägen – in London in einem recht gesunden Zustand. Die schöne „Meule“ von Claude Monet hat mit dem Zuschlag bei 72,5 Millionen ihre Schätzung von ungefähr 45 Millionen Dollar deutlich hinter sich gelassen. Nach längerer Zeit einmal wieder führt also ein Impressionist die Hitliste an (2015 rangierten „Nymphéas“ von Monet mit 48 Millionen Dollar auf Rang 10). Nun hat Monet ziemlich viele solcher „Heuhaufen“ gemalt, und die sind in wichtigen Museen der Welt gut vertreten. Auch Willem de Koonings großformatiges Musterbeispiel des amerikanischen Abstrakten Expressionismus von 1977 hat mit 59 Millionen seine Erwartung von etwa vierzig Millionen Dollar übertrumpft. Es folgen Picassos „Femme assise“ von 1909, ein charakteristisches Gemälde aus dem Herzen seines Kubismus, das in London auf umgerechnet 56,6 Millionen Dollar kam, und, nach wie vor eine Seltenheit in diesen Sphären, der Alte Meister Rubens mit „Lot und seinen Töchtern“ für umgerechnet 51,8 Millionen Dollar, wieder in London. Keines dieser Werke war mit einer Garantie versehen; für die beiden letzteren freut man sich gar über vermutlich wahre Kennerschaft.

          Personalkarussell der führenden Firmen dreht sich rasant

          Die Ränge 5 bis 7 dann trugen allerdings wieder solche Absicherungen: ein Basquiat, ein Modigliani und ein Munch. Vor allem der Modigliani steht weit hinter dem unbestreitbaren Reiz des erwähnten „Nu“ von 2015 zurück, und Munchs „Mädchen auf der Brücke“ können in ihrer Attraktivität nicht konkurrieren mit jenem Pastell „Der Schrei“ des Malers, das 2012 mit dem Zuschlag bei 107 Millionen Dollar (an den amerikanische Finanzmanager Leon Black) den bis dahin höchsten Auktionspreis erzielt hatte. Dass schließlich die Bilanz nicht umstandslos weiter nur im Westen aufgemacht werden kann, ohne mit dem asiatischen Markt zu rechnen, zeigen die „Grand Snowing Mountains“ von Cui Ruzhuo auf Rang 8; der 1944 geborene Cui gilt als der teuerste lebende chinesische Künstler.

          Derweil hat sich 2016 das Personalkarussell zwischen den führenden Firmen rasant gedreht, auf das auch Phillips ambitioniert aufgestiegen ist, das Auktionshaus im Besitz des russischen Handelskonzerns „Mercury“. Für 2016 ist Phillips (noch) nicht unter den Top Ten vertreten, das könnte sich aber schnell ändern. Interne Umstrukturierungen sind im Gang, bei Sotheby’s massiv, bei Christie’s im Führungsbereich. Wieder hoch im Kurs steht die alte Wahrheit, dass die Geschäfte im extrem harten Konkurrenzkampf nicht zuletzt von den Personen abhängen, die in ihren Portfolios die Namen der entscheidenden Sammler und Investoren tragen, deren Vertrauen sie besitzen.

          Während dort freilich höchste Diskretion herrscht, reden inzwischen ungefähr so viele Leute über „den Kunstmarkt“ mit wie über die Taktik des Bundestrainers bei der Aufstellung der Nationalmannschaft. Einfache Gemüter denken gern, dass Geld für Kunst auszugeben mit öffentlichem Geltungsbedürfnis zu tun hätte – kurz: dass ein Publikum zuschauen solle. Das stimmt längst nicht mehr, im Gegenteil. Es geht um die Maximierung von Wertschöpfung. Da sind Zuschauer unerwünscht.

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