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Londoner Ergebnisse : Es gibt noch diese höllischen Preise

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Die marktfrischen Alten Meister liefern in London eine starke Vorstellung ab: Rubens triumphiert bei Christie’s, Liotard dominiert bei Sotheby’s, und William Dobson reüssiert bei Bonhams.

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          Mehr als vierzehn zähe Minuten lang rangen drei Bieter am Telefon und einer im Saal bei Christie’s um die größte Trophäe der Londoner Altmeisterauktionen: Rubens’ fulminante Darstellung der Verführung Lots durch seine Töchter, ein Geschenk des Habsburger Kaisers an den Herzog von Marlborough, der 1704 mit dem Sieg über die französisch-bayerische Allianz bei Blindheim die Annektierung des Kurfürstentums Bayern durch Österreich ermöglichte. Die um 1614 entstandene Leinwand galt im unsicheren Klima des jetzigen Markts als eine Art Prüfstein. Vor vierzehn Jahren setzte Rubens’ qualitativ vergleichbares, wenn auch spektakuläreres Gemälde mit dem „Bethlehemitischen Kindermord“ den Rekord als das teuerste versteigerte Altmeistergemälde. Damals sicherte sich der kanadische Medienunternehmer Lord Thompson bei Sotheby’s das wenige Jahre früher datierte Bild für einen Hammerpreis von 45 Millionen Pfund. Die große Frage war, wie nah das jetzige Werk - das der deutsche Eisenbahnunternehmers Baron Maurice de Hirsch 1886 ersteigert hatte, als die Nachfahren des Herzogs von Marlborough in finanzielle Nöte geraten waren, und das jetzt aus seinem Nachlass zur Auktion gelangte - an den Rekord herankommen würde. Christie’s hatte sich nicht auf eine konkrete Schätzung festlegen lassen und sprach lediglich von der Erwartung, dass der Erlös zwanzig Millionen Pfund übersteigen werde.

          „Wie lang wird das noch weitergehen?“, rief der mitten im Saal sitzende Händler Bob Haboldt, als der in abwechselnden Sprüngen von einer Viertel- und einer halben Million steigende Betrag 32 Millionen Pfund erreichte. Da war das Gefecht aber längst noch nicht ausgestanden. Auf den in makellosem Maßanzug gekleideten Holländer richteten sich alle Augen. Die beiden anderen Interessenten, die nach dreißig Millionen Pfund mithielten, ließen sich am Telefon vertreten durch die in Hongkong ansässige Präsidentin des Asien-Geschäfts von Christie’s - der Rubens war auch in der ehemaligen Kronkolonie zur Vorbesichtigung ausgestellt worden - und durch Frances Outred, den Vorsitzenden der europäischen Abteilung für Nachkriegskunst und Zeitgenossen. Zuletzt standen sich nur noch Haboldt und Outreds Kunde gegenüber. Bei vierzig Millionen Pfund warf Haboldt das Handtuch und überließ dem anonymen Rivalen das Werk, das mit diesem Preis zum zweitteuersten je versteigerten Altmeister avancierte. Haboldt, der für sein scharfes Auge bekannte, in Paris lebende Händler holländischer Altmeisterwerke, gestand später, improvisiert zu haben. Er hatte zunächst im Auftrag eines Kunden gehandelt. Dessen Obergrenze lag jedoch bei 25 Millionen Pfund. Erst danach bot der sich am Telefon mit seinem Partner beratende Haboldt für sein eigenes Geschäft mit, in der Zuversicht, das gereinigte Bild an eine internationale Institution weiterverkaufen zu können. Den Endpreis nannte er realistisch, obgleich er meinte, dass auch Christie’s überrascht worden sei.

          Ein unersättlicher Käufer

          Das Ergebnis bestätigt einmal mehr die alte Regel, dass die Nachfrage für herausragende Werke unvermindert stark bleibt. Oder, wie der Auktionator Jussi Pylkkänen es formulierte, wenn das richtige Bild zum Aufruf komme, könne es einen „höllischen Preis“ erzielen, wie das im vergangenen Jahr in New York ebenfalls geschehen sei beim „Liegenden Akt“ von Modigliani, der einem chinesischen Käufer für umgerechnet 152 Millionen Pfund zugeschlagen wurde und damit nach bloß sechs Monaten Picassos „Frauen von Algier“ zum nur zweitteuersten Werk der Auktionsgeschichte degradierte.

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