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Ältere Jahresgaben : Es gibt auch sagenhafte Preise

Die Jahresgaben der deutschen Kunstvereine haben im internationalen Markt ihre Schicksale: Manche machen erstaunliche Karrieren. Wir haben recherchiert, hier stehen einige Beispiele aus dem Westfälischen Kunstverein in Münster.

          Unvermeidlich spielt der Kunstmarkt auch bei den Jahresgaben der Kunstvereine mit. Der Westfälische Kunstverein in Münster, den es seit 1831 gibt, hat im Sommer seine Archive durchforstet und alle noch verfügbaren Jahresgaben aus sechs Jahrzehnten zutage gefördert. Die Idee seiner Direktorin Kristina Scepanski hat uns veranlasst, den Karrieren mancher Werke nachzuspüren. Das hat sich gelohnt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Die deutschen Kunstvereine haben eine wirklich demokratische Geschichte. Walter Grasskamp formuliert das bündig in seinem Beitrag „Westfälische Spezialitäten“ im Buch zum 175. Jubiläum des Münsteraner Vereins: „Im 19. Jahrhundert waren die Kunstvereine jedenfalls von größter Bedeutung für die Institutionalisierung einer bürgerlichen Liberalität gewesen, lange bevor diese auch in den politischen Institutionen und Parteien wirksam wurde.“ Es geht um die frisch geweckte Lust auf solche Kunst, die noch nicht kanonisiert ist. Selbstredend setzt auch bürgerlicher Geschmack auf Repräsentation, allein schon als ökonomisch erstarkter, selbstbewusster Widerpart zum Adel. Es war eine durchaus unternehmerische Haltung zur damals zeitgenössischen Kunst. Solche Unternehmungslust ließe sich bis heute eine Wette nennen, gar nicht in erster Linie kommerziell. Vielmehr eine Wette auf die eigene Entscheidung für ein Werk, auf das eigene Urteil.

          Was wäre der Preis für das Blatt heute?

          Das Verzeichnis der Jahresgaben in Münster von 1957/58, als diese Tradition begann, bis 2006 ist ein „Who’s Who“ der Moderne. Gleich in den Sechzigern und Siebzigern sind große Namen vertreten: Rupprecht Geiger 1964 mit einem Siebdruck, Günter Fruhtrunk 1966 mit einem Siebdruck und 1983 noch einmal mit einer Mappe; Otto Piene 1969 mit einem Siebdruck. Nur zum Beispiel diese drei Künstler sind grade wieder in den Fokus der Öffentlichkeit zurückgekehrt, nicht nur mit ihrer Graphik, auch mit Gemälden. Gezielt nachgeforscht haben wir ein paar Jahresgaben anderer Künstler, eben ihren Schicksalen im Kunstmarkt. In chronologischer Reihenfolge sind das Blinky Palermo 1971, Gerhard Richter 1972, Sigmar Polke 1973, Günther Förg 1986, Martin Kippenberger 1986, Rosemarie Trockel 1988, Andreas Gursky 1990 und Karin Kneffel 1991.

          Da haben wir „Palermo, o.T., Siebdruck, 1971“. Das ist ein zweifarbiges, 49,5 mal 51 Zentimeter großes Blatt, Auflage 150, signiert und numeriert. Sein Preis lautete damals 45 Mark. Blinky Palermo, der frühvollendete Künstler Jahrgang 1943, der 1977 auf den Malediven starb, war ein Schüler von Joseph Beuys. Von Anfang an haben sich Kunstfreunde für seine Arbeiten interessiert, Tendenz steigend. Also haben wir uns bei Fred Jahn erkundigt, seinem Münchner Galeristen, der auch das Werkverzeichnis verantwortet: Was wäre der Preis für das Blatt heute? Dass die Arbeit „praktisch nicht am Markt“ zu finden ist, sagt Jahn. Wenn denn ein Exemplar auftauchen würde? 3500 bis 4000 Euro, schätzt er; selbst hat er aber auch keines mehr. Sehr empfindlich war die schwarze Fläche auf dem Karton, ein kleiner Ritzer schon konnte sie beschädigen, erinnerst sich Fred Jahn. Und heute weiß niemand, wie viele dieser Blätter Palermos in ihrer Sprödigkeit vielleicht für nichts Besonderes erachtet wurden und deshalb im Lauf von 45 Jahren untergingen.

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