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Ergebnisse : Rekord für rauchenden Cowboy

  • -Aktualisiert am

Bei den Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach in Berlin erzielten Bilder von Nolde und Kirchner Zuschläge in Millionenhöhe. Das Unikat „Rauchender Mann“ wurde mit 81.000 Euro das teuerste Foto in einer deutschen Auktion jemals.

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          Als wäre die Villa Grisebach nicht ein Auktionshaus, sondern Picassos "White Faun", nannte Bernd Schultz die Umsatzzuwächse, mit denen sein Unternehmen zurzeit voraneile, "Bocksprünge". Fünfzig Prozent mehr Umsatz als im vergangenen Jahr sprechen allerdings weniger die Sprache der Natur als die der seit drei Jahren ins Unglaubliche kletternden Finanztransaktionen in der Kunstwelt. Die diesjährigen Frühjahrsauktionen bei Grisebach in Berlin brachten einen Gesamtumsatz von 23,5 Millionen Euro. Auch die Villa Grisebach hat sich auf den Boom eingestellt, aber man wahrt vornehme Distanz zum sich verändernden Geschäftsgebaren der internationalen Firmen in London oder New York. Garantiesummen, wie sie bei Sotheby's oder Christie's üblich geworden sind, verspricht das deutsche Auktionshaus nicht.

          Drei Herren im Saal, einer mit einem Telefon, kämpften am ersten Auktionstag um Dieter Blums Schwarzweißfoto "Rauchender Mann", ein die männliche Einsamkeit vor dem Suchtmittel feierndes Unikat, bis ein hessischer Privatsammler den Zuschlag bei 81.000 Euro errang - das ist der höchste jemals auf einer deutschen Fotografieauktion erreichte Preis. Der Auktionator Peter Graf zu Eltz rief dem unterlegenen Bieter, dem beim umgehenden Verlassen des Saals die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben stand, ein tröstlich gemeintes "Auf Wiederschaun!" nach. Und selbstverständlich hätte es noch andere würdige Objekte edler Auseinandersetzung gegeben: Andreas Gurskys auf 6000 Euro geschätzte Aufnahme "Siemens, Amberg" erzielte 10.500 Euro. Marlene Dietrich, aufgenommen von Edward Steichen, wurde bei 16.000 Euro zugeschlagen. Heftig umkämpft war auch Hans Namuths Bild des tief über sein am Boden liegendes Werk gebeugten Malers Jackson Pollock; es wechselte für 4000 Euro den Besitzer.

          Begehrt: Kirchner und Nolde

          Das aber waren natürlich alles bescheidene Summen, verglichen mit jenen Beträgen, die private Sammler für ihre Nolde- Leidenschaft und Kirchner-Begeisterung aufzubringen bereit waren. In der Abendveranstaltung mit den "Ausgewählten Werken" wurde Kirchners mehr den Sachverstand als das Auge ansprechendes Bild "Landschaft am Ufer (Fehmarn)" bei zwei Millionen Euro zugeschlagen; es geht nach Nordrhein-Westfalen. Emil Noldes bezauberndes Mädchenporträt bekam als zweitteuerstes Bild des Frühjahrs in Berlin ein Düsseldorfer Händler im Auftrag für 1,9 Millionen Euro (Taxe 1 Million). Ein norddeutscher Sammler erhielt den Zuschlag für Noldes "Abendhimmel und Meer" bei 1,8 Millionen Euro (1/1,5 Millionen) - hier hatten die internationalen Konkurrenten das Nachsehen. Jener griechische Herr, der die Auktionshäuser in Deutschland immer wieder erfreut, ersteigerte für seinen Sammler derselben Nationalität Schmidt-Rottluffs bunte kantige "Pommersche Bauern" für 515.000 Euro (250.000/350.000); er machte es besonders spannend, indem er sich gegen Ende 5000-Euro-Schritte vom Auktionator ausbat. Außerdem ließ er eine Dame mit Telefon hinter sich im Kampf um Eberhard Havekosts 2002 gemaltes Porträt zweier Zelte: "Beziehung 2" erhielt er für 199.000 Euro - ein Weltrekord für ein Werk des Dresdners.

          Auch Hans Arp sorgte für eine Überraschung: Sein rosafarben und schwarz bemaltes und mit Silberbronze gespritztes Holzrelief "Ohne Titel (Fisch und Pflanzengestalt)" von 1917 kletterte von geschätzten 180.000 auf 840.000 Euro und ging in den französischen Handel. In Ascona, 1917, begann Arp sich für Natur anstatt für ästhetische Symmetrien zu interessieren. Beckmanns herrliche "Schrebergärten", in denen die Wilmersdorfer Parzellen von 1905 fast aussehen wie ein südfranzösischer Klostergarten - wäre da nicht das typische, leicht verschleierte, fast graue Sommerlicht Berlins -, wurden für 240.000 Euro zugeschlagen. Max Liebermanns drei Jahre zuvor aufs Papier geworfenes Pastell "Badende Knaben mit Muschelfischer/Badewärter", unten links mit Bleistift signiert, erbrachte 40.000 Euro. Auch aus dem Konvolut mit Werken von Karl Hofer wurde zügig wegverkauft: Am Ende gingen von den hundert angebotenen "Ausgewählten Werken" nur neun Lose zurück.

          Wesselmanns „Frauenkopf“ reussiert

          Am dritten Tag waren traditionell die "Werke des 19. und 20. Jahrhunderts" an der Reihe. Rainer Fettings auf 15.000 Euro geschätzte "Mondnacht" aus der heißen Phase der "Neuen Wilden" erzielte hier starke 82.000 Euro. Auf die künftigen Preise dieses Malers dürften schon 1985, im Entstehungsjahr des Gemäldes, Wetten in erstaunlicher Höhe abgeschlossen worden sein. Heftig nach oben schoss auch Tom Wesselmanns "Frauenkopf", ebenfalls von 1985. Für das in Acryl über Bleistift auf Karton gemalte Bild aus einer westfälischen Privatsammlung wurden 78.000 Euro geboten, bei einer Taxe von 20.000 Euro. Und Lesser Urys "Sonnenuntergang am Grunewaldsee", auf dem die alten Kiefern in dem wärmsten, aprikosenfrischsten Sonnenspätlicht erstrahlen, das man sich denken kann, schnellte von geschätzten 30.000 auf 112.000 Euro.

          Wie kommentierte Bernd Schultz das Ergebnis? "Wir sind sehr zufrieden. Wenn wir jetzt nicht zufrieden wären, wären wir hybrid." In der Villa Grisebach arbeitet man schon weiter, schließlich steht man vor einem Großereignis in diesem Jahr - der 150. Auktion des Hauses in diesem Herbst. Wiebke Hüster

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