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Ergebnisse bei Ketterer : Auf wogende Nägel ist Verlass

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Im Münchner Auktionshaus Ketterer führt Günther Uecker, doch auch einige andere Künstler haben hohe Umsätze gebracht. Ein Blick auf die Ergebnisse der Auktionen mit Moderne, Kunst nach 1945 und Kunst des 19. Jahrhunderts.

          Unter den zehn teuersten Losen in Ketterers Frühjahrsauktionen belegt die Klassische Moderne zwischen lauter Werken der „Kunst nach 1945“ gerade mal zwei Plätze: Rang vier mit Alfons Waldes verschneitem Dorf „Aurach bei Kitzbühel“, das Gebote aus Österreich bis zum Hammerschlag bei 420.000 Euro (Taxe 200.000/300.000) hoben, und auf Rang sechs kam Lovis Corinths „Luzerner See am Vormittag“. Corinth malte den See an einem Tag im Jahr 1924 gleich zweimal, und Kollege Cuno Amiet, den er bei dieser Gelegenheit besuchte, erinnerte sich an diese „Bilder vom See in Luzern, die so frisch und stark und klar und froh waren, wie nur je ein Bild von Corinth“. Eines gehört der Hamburger Kunsthalle, das andere befand sich zeitweise in der Privatsammlung Rudolf Leopolds und ging nun zur Untertaxe von 300.000 Euro an eine norddeutsche Sammlerin.

          Als eines der beliebten Murnauer Motive Gabriele Münters hart umkämpft, stieg das 1940 entstandene „Haus am Hang“ von 100.000 auf 210.000 Euro. Bei Jawlensky hingegen waren die Erwartungen zu optimistisch: Von fünf Werken wurden nur die kraftvollen „Gelben Häuser“ verkauft, die er 1909 während des zweiten, mit Kandinsky, Münter und Werefkin in Murnau verbrachten Sommers malte; mit 230.000 Euro blieben sie unter der Schätzung (250.000/ 350.000).

          Gefragter war Pechstein mit drei Gemälden im unteren sechsstelligen Bereich, darunter das farbfunkelnde „Am Genfer See“ von 1925, das mit 150.000 Euro (140.000) die Taxe gut bestätigte. Koloman Mosers Bergbild „Blick auf die Rax von der Villa Mautner v. Markhof im Abendlicht“ reüssierte mit 175.000 Euro (80.000), und Willi Baumeisters 1932 in Öl und Sand gemalte „Speerwerfer und Sportler“ schafften 115.000 Euro (40.000). Ein unvorhersehbarer Rekord fiel am Vortag in der Nachmittagsauktion, als Josef Scharls Doppelbildnis „Der Abend“ durch internationalen Einsatz von 14.000 auf 120.000 Euro schoss.

          Überraschungen bei François Morellet und Lynn Chadwick

          Von 109 Losen der Hauptauktion zur „Kunst nach 1945“ gingen dreißig in den Nachverkauf; jedoch keines im sechsstelligen Bereich, dort hatten die Schätzungen weitgehend richtig gelegen. Zu den Ausreißern nach oben gehörte ein „fugales Bild“ Ernst Wilhelm Nays, „Purpurmelodie“ von 1951, das ein deutscher Sammler erst für 400.000 Euro (200.000/ 300.000) ergattern konnte, und Rauschenbergs mehr als drei Meter breites „County Sweep“: Das Siebdruckbild aus Rauschenbergs auf verzinkten Stahlplatten geschaffener „Galvanic Suite“ belohnte ein hartnäckiger amerikanischer Privatbieter mit 430.000 Euro (250.000/ 350.000). Eines von drei Exemplaren von Tony Craggs großer Bronze „Point of View“ schließlich, die beim Umschreiten immer neue menschliche Profile andeutet, schaffte es auf 530000 Euro (300.000/400.000).

          Die Spitze der Preisliste besetzt Günther Ueckers wirbelnde Nagelung „Woge, Japan“ von 1995, die ein privates Gebot aus Bayern mit 660.000 Euro knapp über die Untertaxe brachte, was inklusive Aufgeld 825.000 Euro auf die Rechnung bringt. Dass auch bei Arbeiten von Gerhard Richter durchaus einmal Maß gehalten wird, belegen ein „Fuji“-Exemplar aus der vom Münchner Lenbachhaus 1996 herausgegebenen Serie, das bei 240.000 Euro schon knapp unter der Taxe zugeschlagen wurde, und ein „Grün-Blau-Rot“ aus der Ölbild-Edition für die Zeitschrift „Parkett“ von 1993, das sein Käufer bei 210.000 Euro (200.000/300.000) sicher hatte. Ebenfalls im Schätzungsrahmen landeten Vasarelys gegitterter Augentäuscher „Dauve“ mit 280.000 Euro, Enrico Castellanis über Nägel gezogene „Superficie bianca“ mit 250.000 Euro. Konrad Klaphecks „Chefideologe“, der Hybrid aus Küchengeräten, brachte 230.000 Euro.

          Zu Überraschungen kam es anderswo, etwa als François Morellets 1971 mittels Eisendrahtgitter ausgeführte Quadratdeklination „36°54°72°“ nicht nur 25.000, sondern 165.000 Euro einspielte. Oder bei Skulpturen, wo Lynn Chadwicks „Maquette for R34“ von 1959 mit 140.000 Euro ihre untere Schätzung mehr als verdreifachte und wo die Schwerelosigkeit suggerierende „Raumplastik (Kleine Reux)“ von Norbert Kricke ihre Taxe mit 100.000 Euro verdoppelte. Als Zwischengang servierte Ketterer eine knappe „Contemporary“-Offerte. Dort ging wie erwartet Katharina Grosse in Führung; ihre Komposition auf drei Meter Breite sich teilweise überschneidender Rechtecke von 1997 brachte 170.000 Euro (90.000/120.000) und ein stattliches, 2010 mit gekreuzten Streifen gefülltes Hochformat sogar 220.000 Euro (80.000/120.000). Mit Tigerfell auf Ornamentteppich rückt Karin Kneffel dem Sehnerv zu Leibe, das opulente Gemälde von 2008 verbuchte 100.000 Euro (75.000/95.000).

          Damenporträts läuteten das 19. Jahrhundert ein

          Ketterer meldet für das erste Halbjahr einen Umsatz von 23,6 Millionen Euro inklusive Aufgeld (davon 1,7 Millionen Euro für die Hamburger Buchauktionen); das sind 2,5 Millionen mehr als im Vorjahr. 800.000 Euro entfallen auf das zum Saisonstart versteigerte Angebot zum 19. Jahrhundert. Damenporträts läuteten es ein: Joseph Stielers Konterfei der Bayern-Prinzessin Auguste, Ehefrau von Napoleons Schwiegersohn Eugène de Beauharnais, übernahm für 24.000 Euro (15.000/20.000) derselbe Bieter, der auch das Bildnis „Caroline Krafft, geb. Platner“ von Stielers Neffen Friedrich Dürck zur Schätzung von 15.000 Euro bekam. „Napoleon vor dem brennenden Smolensk“, gemalt von Albrecht Adam, fand keinen Liebhaber.

          Anders war das für Feuerbachs bei 19.000 Euro (10.000/15.000) einem Telefongebot zugeschlagenen Studienkopf eines schönen Römers. Italiener ließen die Telefondrähte glühen, als Stefano Bruzzis idyllische „Schafschur“ an der Reihe war, und so kehrte das Gemälde von 1885 für 31.000 Euro (18.000/24.000) auch ins Land seiner Entstehung zurück. Kaum zu erwartende Leidenschaft entfachte dann noch Hermann Pleulers „Stuttgarter Westbahnhof in der Abenddämmerung“ von 1899; denn ihn gab es erst für 45.000 Euro, zum Neunfachen der Schätzung.

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