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Ergebnisse aus London : Von Unsicherheit wenig zu spüren

  • -Aktualisiert am

Gerhard Richter, „Düsenjäger“, 1963, Öl auf Leinwand, 128,9 mal 197,8 Zentimeter, 13,5 Mio Dollar bei Phillips (10/15 Mio. Pfund). Bild: Phillips

Manche Garantiegeber aber machten schöne Schnäppchen: Die Zeitgenossen-Auktionen bei Sotheby’s, Christie’s und Phillips in London.

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          Die Londoner Auktionssaison im Schatten des Brexits wurde zum Erfolg, und das, obwohl europäische Einlieferer und Käufer sich zurückhielten. Es war etwas mehr Kunst aus amerikanischen und asiatischen Sammlungen als üblich im Angebot, und Sammler aus ebendiesen Regionen waren aktiver und vom (wahrscheinlich) anstehenden Brexit offensichtlich unbeeindruckt. Zur Vorsicht hatten die Auktionshäuser jedoch viele Lose mit externen Garantien gesichert. Das Star-Los der Woche mit zeitgenössischer Kunst kam aus der hochkarätigen Sammlung des im vergangenen Jahr verstorbenen Amerikaners Barney A. Ebsworth, mit der Christie’s schon im vergangenen November in New York große Erfolge gefeiert hatte: Für David Hockneys „Henry Geldzahler and Christopher Scott“ aus dem Jahr 1969 erhoffte sich Christie’s um dreißig Millionen Pfund. Das Gemälde, von dem aus der legendäre Kurator Geldzahler gelassen das Geschehen im Saal zu betrachten schien, stieg unter Geboten von drei Interessenten auf 33 Millionen Pfund.

          Sotheby’s hatte am Vorabend den Auftakt gemacht. Die Auktion schien ohne besondere Höhen und Tiefen dahinzuplätschern, am Ende hatte Sotheby’s jedoch sechzig von 66 Losen und damit überzeugende 91 Prozent, verkauft. Der Umsatz lag mit 93,2 Millionen Pfund innerhalb der Erwartung und über den 85,7 Millionen Pfund, die Christie’s am nächsten Abend mit 38 Losen zeitgenössischer Kunst (von 41 im Angebot) und zusätzlichen 25 (von dreißig) Losen an Design und Fotografie in einer eigens angeschlossenen Sektion einspielte.

          Das teuerste Los der Abendauktion bei Sotheby’s war „Apex“ (Taxe 5/7 Millionen Pfund) von Basquiat, das unter Geboten von fünf Bietern auf 7,05 Millionen Pfund stieg und an einen Telefonbieter der in der Schweiz stationierten Caroline Lang ging. Sotheby’s hatte diesmal dreizehn Werke von Künstlerinnen im Angebot: Von Jenny Saville, der derzeit teuersten lebenden Künstlerin, kam „Juncture“ (5/7 Millionen), die Rückenansicht einer nackten, in den Bildrahmen eingezwängten Frau, zum Aufruf. Es ging für ein Gebot von nur 4,8 Millionen an den externen Garantiegeber. Für eine etwas zerquetschte weibliche Figur in Bronze, „Fascia III“ (250.000/350.000), wie sie für Rebecca Warren typisch ist, wurde mit 450.000 Pfund ein neuer Rekordpreis für die Künstlerin erzielt. Die nigerianische in New York lebende Malerin Toyin Ojih Odutola kam zum ersten Mal bei einer Auktion zum Aufruf, daher war der Hammerpreis von 200.000 Pfund für ihre „Selective Histories“ (100.000/150.000) automatisch ein Rekord.

          Das Highlight bei Sotheby’s war Lucian Freuds blonder „Head of a Boy“ (4,5/6,5 Millionen): das Porträt des irischen Kunstsammlers Garech Browne als junger Mann, aus dessen Nachlass es eingeliefert wurde. Für die nur achtzehn mal achtzehn Zentimeter messende Leinwand bot ein Sammler im Saal 4,9 Millionen Pfund. Kippenbergers an ein Kreuz genagelter blauer Frosch aus Holz, „Zuerst die Füße“, blieb mit 650.000 Pfund knapp unter seiner Taxe hängen. Roy Lichtensteins „Vicki! I – I thought I heard your voice“ (5/7 Millionen), ehemals aus der Sammlung von Gunter Sachs, ging für ein Gebot von 4,95 Millionen Pfund an seinen externen Garantiegeber. Der Einlieferer dieses Bildes hatte erst 2015 in New York mit Gebühren 7,19 Millionen Dollar dafür gezahlt und machte nun einen Verlust.

          Bei Christie’s war das erste Los, wie üblich, strategisch niedrig taxiert: Die Leinwand „Patrick and Omari“ (40.000/ 60.000) von der 1989 geborenen afroamerikanischen Malerin Jordan Casteel war von Bietern im Saal, an den Telefonen und online heiß umworben und stieg auf 240000 Pfund. Das Porträt „Chris“ (30.000/50.000) von Henry Taylor erzielte gleich darauf 130.000 Pfund, und wenig später überrundete „Night Passage“ (1,9/2,5 Millionen) von Cecily Brown mit 2,6 Millionen knapp seine Taxe. Auch drei attraktive Gemälde von Nicolas de Staël waren erfolgreich: Seine „Bouteilles“ (1,8/2,5 Millionen) stiegen sogar auf 3,8 Millionen Pfund. Weniger Glück hatte man mit Anselm Kiefer, von dem ein Los unverkauft blieb und dessen Leinwand „Das Rheingold“ (750.000/950.000) weit unter der Taxe bei 400 000 Pfund vermittelt wurde; der Einlieferer war offensichtlich beim Mindestpreis sehr flexibel. In der folgenden Sektion mit Fotografie kam ein programmatisches Bild der Moderne zum Aufruf: El Lissitzkys „Selbstporträt mit Zirkel“ aus dem Jahr 1924, auch oft „Der Konstrukteur“ betitelt, stellte mit 780.000 Pfund einen Rekord auf – man hatte allerdings bis zu 1,2 Millionen angepeilt.

          Phillips schließlich konnte bei seiner Abendauktion insgesamt 25 von 28 Losen im Angebot vermitteln. Beachtliche 36,38 Millionen Pfund wurden eingespielt. Mit Spannung erwartet wurde der Verkauf von Gerhard Richters Spitzenlos „Düsenjäger“ (10/15 Millionen) aus dem Jahr 1963, das 2016 für 24 Millionen Dollar in den Besitz von Phillips übergegangen war, als ein externer Garantiegeber nicht zahlen konnte. Drei Telefonbieter trieben den Preis auf 13,5 Millionen Pfund, und damit konnte Phillips umgerechnet immerhin etwa zwanzig Millionen Dollar wieder hereinholen. Gefochten wurde um Basquiat, Cecily Brown, Cy Twombly und Tomoo Gokita, während Damien Hirst einmal mehr glücklos blieb. Lichtensteins „Girl in Mirror“ aus dem Jahr 1964 ging zur unteren Taxe von 4,5 Millionen an den externen Garantiegeber. Das Stoffbild „Lilith“ des Jungstars Tschabalala Self verdoppelte dagegen gleich zu Beginn mit 100.000 Pfund seine mittlere Taxe, und die Auktion endete erfolgreich mit einer typischen „Photoshop“-Arbeit, mit Farbverlauf von Blau über Rot nach Gelb, von Cory Arcangel, die mit gebotenen 240.000 Pfund durch eine Frau im Saal seine obere Schätzung von 150.000 weit hinter sich ließ.

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