https://www.faz.net/-gqz-8b8mw

Ergebnisse der Villa Grisebach : Marcel Duchamp hat noch eine Schachtel in Berlin

  • -Aktualisiert am

Die Herbstauktionen bei Grisebach in Berlin waren ein Erfolg: Eine Million Euro wurden für Beckmanns zartes Mädchenbildnis geboten. Auf großes Interesse stießen Werke der zwanziger Jahre.

          3 Min.

          2015 ist ein Jahr, das die Villa Grisebach nicht so schnell vergessen wird. Die Ergebnisse der Herbstauktionen, die an die Erfolge im Frühjahr und im Juli bei der Versteigerung der Sammlung Rohde-Hinze anschließen, machen es zum bisher erfolgreichsten Jahr in der Geschichte des 1986 gegründeten Auktionshauses. Den Auftakt bildete das 19. Jahrhundert, wo Wolken und Wellen Akzente setzten. Heinrich Reinholds Ölstudie „Brandung an der Küste bei Sorrent“ hing bei der Vorbesichtigung neben ihrem Pendant, einer abebbenden Welle Reinholds vor exakt demselben Hintergrund. Die Ebbe ging zurück, für die Brandung lautete das Höchstgebot 38.000 Euro (Taxe 50.000/70.000). Schadows kleine Marmorgruppe „Freundschaft und Liebe“ erzielte nicht einmal einen Freundschaftspreis, sondern ging bei 95.000 Euro (100.000/150.000) zurück. Auch Heinrich Kühns Vintage-Fotografie von 1899 (80.000/100.000) war wohl zu hoch geschätzt - wie Menzels Porträt der „Urwähler“ (100.000/150.000).

          Aufgrund zahlreicher Rückgänge verlief diese Auktion also etwas schleppend. Dennoch gelang es Florian Illies, der für die Sektion zuständig ist, Funken aus dem düsteren 19. Jahrhundert zu schlagen: Zum Spitzenlos avancierte ein schemenhaftes „Kücheninterieur“ Wilhelm Leibls, das in einem Kampf der Telefone auf 235.000 Euro (Taxe 40.000/60.000) hinaufgetrieben wurde. Auch die farbsatten Gemälde des nahezu unbekannten Dresdner Symbolisten Osmar Schindler waren durchweg erfolgreich: Das Ölbild „Gertrud mit Nelke und Katze“ vervielfachte seine Schätzung mit einem Zuschlag bei 51.000 Euro (8000/12.000). In der Sparte „Orangerie“ die zum siebten Mal mit ihren Objekten antrat, erzielte ein Paar chinesischer Kabinettschränke aus der Ming-Zeit ein Spitzenresultat; ihre Untertaxe von 80.000 Euro (bis 100.000) wurde mehr als verdoppelt, als der Hammer erst bei 185.000 Euro fiel. Auch ein Weinkühler der Renaissance, der einst einem venezianischen Dogen gehörte, fand für 35 000 Euro (10.000/12.000) einen Liebhaber. Insgesamt spielte die Orangerie 1,24 Millionen Euro ein.

          Ein rotes Koffermuseum

          Die 250. Jubiläumsauktion der „Ausgewählten Werke“ bot dann mitunter Anlass zum Staunen. Die vor zahlreich erschienenem Publikum schnell vorüberziehenden 65 Lose setzten in etwa einer Stunde 11,4 Millionen Euro um. Spitzenlos war Max Beckmanns „Bildnis eines jungen Mädchens“, das mit dem Hammerpreis von einer Million Euro seine untere Taxe (bis 1,5 Millionen Euro) einlöste. Das wurde mit Applaus quittiert. Beckmanns „Holländischer Radfahrweg“ (500.000/700.000) fand dagegen keinen Abnehmer. Das „Helle Sonnenblumenbild“ von Emil Nolde (1/1,5 Millionen) verfehlte zwar seine untere Taxe, wurde aber für 850.000 Euro vergeben; zwei weitere Nolde fanden keinen Abnehmer.

          Liebermanns „Große Seestraße in Wannsee mit Spaziergängern“ (350.000/450.000) erregte so viel Interesse, dass es eines Gebots von 720.000 Euro für sie bedurfte. Gleichfalls erfolgreich war Marcel Duchamps rotes Koffermuseum „From or by Marcel Duchamp or Rrose Sélavy“: Nötig für dieses Exemplar seiner Schachteln war der Einsatz von 360.000 Euro (200.000/300.000). Wenig begehrt war Henri Matisse mit dem getuschten Porträt seiner Muse Lydia (100.000/150.000), es ging zurück.

          Pure Freude, in Rosatönen

          Dass Grisebach einen Fuß in die Tür des Markts für Kunst der zwanziger Jahre gesetzt hat, zeigen die Ergebnisse für Gemälde von Walter Dexel oder Karl Hofer. Die Gebote für Dexels ins Abstrakte verformten „Elektrischen Zähler“ stiegen bis zum Hammerpreis von 410.000 Euro (120.000/150.000). Für Hofers „Sitzenden Akt mit blauem Kissen“, der in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt wurde, erging der Zuschlag erst bei 560.000 Euro (250.000/350.000). Der Vorhang der Jubiläumsauktion fiel passend mit Bruno Gollers Bild „Die Gardine“, das eine zur Seite gezogene, mit Ornamenten verzierte Stoffbahn zeigt; 75.000 Euro (40.000/60.000) waren dafür nötig.

          Bei den Zeitgenossen klingelten zahlreiche Telefone für die psychedelische zerschmelzende Kreiskontur „B 1“ von Wojciech Fangor; erst bei 150.000 Euro (80.000/100.000) endete das Bieten. Dagegen blieb Baselitz’ wespenhaft gelbschwarze Komposition „Magda“ (140.000/180.000) liegen. Auch „Flowers“ von Warhol in zwei Varianten (je 150.000/200.000) weckten nicht genug Begeisterung. Aber für 52.000 Euro (35.000/45.000) erwarb ein unbekannter Bieter „Pure Freude 41“ in Rosatönen von Imi Knoebel. Marwans hochdotierter „Kopf“ ging, knapp unterhalb der unteren Erwartung, für 180.000 Euro (200.000/250.000) an seinen Verehrer. Und Günther Förgs unbetiteltes graues Großformat aus dem Jahr 1996 kam auf 150.000 Euro (100.000/150.000).

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thunberg setzt Segel-Trend : Per Anhalter über die Weltmeere

          Wie Greta Thunberg die Meere zu besegeln, ist für junge Abenteurer das neue Rucksackreisen. Viele Bootsbesitzer sind von den teils penetranten Anfragen aber schon genervt. Und der Trip über den Ozean kann schnell zur Tortur werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.