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Ergebnisse bei Grisebach : Feld in Bewegung

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Gute Zeiten für Neue Sachlichkeit: Ergebnisse der Sommerauktionen bei Grisebach in Berlin.

          2 Min.

          Ein Junge mit roter Kappe, gemalt in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, wurde zum Star des Abends in der Sommerauktion mit ausgewählten Werken unter dem Titel „Von Dürer bis Balkenhol“ bei Grisebach in Berlin. Das Gemälde „Schüler mit roter Mütze“ des Dresdners Hans Grundig (1901 bis 1958) kritisiert den preußischen Untertanengeist, der an den Schulen in der Weimarer Republik herrschte. Der Künstler, dessen Motive von Otto Dix beeinflusst waren, gehörte zu den wichtigsten Repräsentanten der Neuen Sachlichkeit in Dresden. Das marktfrische Bild aus Berliner Privatbesitz ging nach einem Bietgefecht zwischen Saal, Telefon und Internet für 370.000 Euro an einen Sammler aus Süddeutschland im Saal. Es ist ein Rekord für den Künstler. Der Käufer bezahlt mit Aufgeld 462.500 Euro; die Schätzung hatte bei 150.000 bis 200.000 Euro gelegen. Eine emanzipierte Frau zeigt das „Porträt Gerta Overbeck“ von Grethe Jürgens aus dem Jahr 1929. Jürgens arbeitete vorrangig in Hannover und gehört zu den bisher weniger bekannten Künstlerinnen der Neuen Sachlichkeit: Das Frauenbildnis, das in verschiedenen Brauntönen gehalten ist, sorgte ebenfalls für einen Wettstreit: Für 130.000 Euro (Taxe 60.000/80.000 Euro) ging es an einen Bieter aus Deutschland – ein Rekordpreis auch für Grethe Jürgens.

          Gewinner und Verlierer

          Während die Neue Sachlichkeit diesmal triumphierte, gab es bei den Expressionisten Gewinner und Verlierer. Emil Noldes „Südsee LandschaftII“, eines der beiden höchsttaxierten Lose, fand für 770.000 Euro (800.000/1,2 Millionen) einen neuen Besitzer in Norddeutschland. Karl Schmidt-Rottluffs „Mädchen mit blauem Schal“ von 1909 (250.000/300.000) war vor der Auktion zurückgezogen worden. Die Stadtansicht des Berliner Boulevards „Unter den Linden mit Blick aufs Brandenburger Tor“ von Lesser Ury, aus dem Besitz der Familie des Quizmasters Hans Rosenthal, konnte erst im Nachverkauf für 70.000 Euro (100.000/150.000) vermittelt werden. Das zweite Spitzenlos, der „Große Blumenstrauß mit Kaiserkrone im Holzbottich“ von Jan Bruegheld.J., konnte die in es gesetzten Erwartungen von 800.000 bis 1,2 Millionen Euro nicht erfüllen. Das prächtige Blumenbild blieb, nach einem letzten Gebot von 680.000 Euro, liegen. Auch Gerhard Richters Ölbild auf Karton „18.4.89“ (90.000/120.000) fand keinen Abnehmer. Richters Aquarell „7. Okt. 92“ kostete 115.000 Euro (100.000/150.000).

          Teuer wurden Werke von Albrecht Dürer: Die Kupferstiche „MelencoliaI“ von 1514 und „Adam und Eva“ von 1504 überraschten mit Geboten von 255.000 Euro und 430.000 Euro (Taxe je 80.000/120.000). Neo Rauch war mit einem frühen Gemälde „Leitung“ aus dem Jahr 1997 vertreten, das mit dem Zuschlag bei 145.000 Euro (80.000/120.000) einen guten Preis erzielte. Auf Günther Ueckers sechzig mal sechzig Zentimeter messendem „Bewegten Feld“ von 1971 entsteht ein Spiel mit Licht und Schatten durch die auf der Leinwand über Holz eingeschlagenen Nägel: Mit 420.000 Euro (200.000/300.000) führt Ueckers typische Arbeit die zeitgenössische Kunst unter den „Ausgewählten Werken“ an. Das surrealistische Gemälde „AdvertisementI“ von Wolfgang Paalen, das aus einer Privatsammlung in Baden-Württemberg stammt, wurde zu einem unerwarteten Renner des Abends; für 310.000 Euro (200.000/300.000) ging das teils abstrakte, teils figurative Bild an einen Telefonbieter.

          In der Fotografie-Sektion, die von erotischen Aufnahmen geprägt war, entfachte eine nächtliche Architekturfotografie von Werner Mantz, „Haus der Kölnischen Zeitung auf der Internationalen Presse-Ausstellung ,Pressa‘ bei Nacht“ aus dem Jahr 1928, ein Bietgefecht. Für 38.000 Euro, weit über der Schätzung von 4000 bis 6000 Euro, wurde das Bild zugeschlagen. Die Auktion mit den Zeitgenossen wurde vom Erfolg des Großformats „Pluton“ aus André Butzers schwarzer Periode überstrahlt. Für das Ölgemälde, das eine abstrakte skelettartige Figur zeigt, fiel der Hammer bei 125.000 Euro (50.000/70.000). Bei der Gegenwartskunst gingen 39 Lose zurück. Aus der Villa Grisebach wird ein Gesamtumsatz aller Auktionen inklusive des Online-„Third Floor“ von sechzehn Millionen Euro gemeldet.

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