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Christie’s One : Bieten um drei Ecken

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Roy Lichtenstein, „Nude with Joyous Painting“, 1994, Öl und Magna auf Leinwand, 117,8 mal 134,6 Zentimeter, Zuschlag 40,5 Millionen Dollar in New York. Bild: Christie’s/VG Bild-Kunst, Bonn 2020

Das neue Hybrid-Format von Christie’s heißt „One: A Global Sale of the 20th Century“. Es spricht ein Online-Publikum weltweit an – die wichtigsten Ergebnisse.

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          Kann eine Live-Auktion mit vier Auktionatoren, an vier Orten, in vier Zeitzonen und in vier Währungen funktionieren? Auktionatoren sind Solo-Darsteller, denn Auktionen sind ein Mix aus Improvisation und im Voraus einstudiertem Theater. Das neue Live-Auktionsformat von Christie’s, „One: A Global Sale of the 20th Century“, verlangte von ihnen das Vermögen zur Zurückhaltung und spontane Jonglierkünste, denn alle vier Auktionatoren blieben für die Dauer der gesamten Veranstaltung auf ihrem Rostrum. Der Hammer wurde zwar – virtuell – von Hongkong nach Paris nach London und schließlich New York weitergegeben. Alle nahmen jedoch simultan Gebote von ihren Telefonbänken und aus den Sälen vor Ort entgegen und riefen sie dann dem jeweils leitenden Auktionator zu. Telefonbieter mussten also oft um drei Ecken bieten.

          Hinzu kamen Gebote von Online-Bietern. Trotz verspäteten Beginns, zeitweiligen Schwächen bei der Übertragung und ein paar Missverständnissen kam bei Christie’s mit diesem Format, das bisweilen an eine Video-Konferenz erinnerte, mehr Spannung auf als bei der vorausgegangenen Live-Auktion von Sotheby’s, bei der ein einzelner Auktionator über mehrere Bildschirme Gebote von Telefonbänken an verschiedenen Standorten entgegennahm.

          Cecily Brown, „Carnival and Lent“, 2006-2008, Öl auf Leinen, 246,4 mal 261,6 Zentimeter, Ergbnis (inkl. Aufgeld): 4.859.750 Pfund in London. Bilderstrecke

          Es musste gelingen, Sammler von Blue-Chip-Werken in Bietgefechte zu verwickeln, denn – so schätzt die Londoner Art-Analytics-Firma „Pi-eX“ – der Umsatz von Christie’s war im zweiten Quartal um sechzig Prozent gefallen. Die harte Arbeit wurde mit Erfolg belohnt. Nach fast vier Stunden waren 74 Lose von 79 im Angebot im Wert von insgesamt 420,94 Millionen Dollar verkauft; die untere Gesamtschätzung lag bei 337 Millionen Dollar. Fast der Hälfte der Lose war der Verkauf durch im Voraus verhandelte Garantien sicher. Die gleich im Anschluss folgende New Yorker Tagesauktion mit „Post-War and Contemporary Art“ spielte weitere 30,86 Millionen Dollar ein. Hier zum Vergleich: Im vorigen Jahr setzte Christie’s mit den üblichen beiden Abendauktionen mit Impressionisten und Moderne und mit Nachkriegskunst und Zeitgenossen zusammen 937,8 Millionen Dollar um. „One“ wurde aber jedenfalls zum bisher größten Medien-Spektakel für das Unternehmen.

          Die Mehrheit der wichtigsten Lose kam in New York unter den Hammer. Das Spitzenstück war Roy Lichtensteins Pop-Ikone aus dem Jahr 1994 „Nude with Joyous Painting“, taxiert auf mindestens dreißig Millionen Dollar. Das Gemälde kam zum ersten Mal zur Auktion und inspirierte Sammler zu einem neunminütigen Bietgefecht. Ein Bieter am Telefon eines Christie’s-Mitarbeiters in Hongkong setzte sich mit dem Gebot von umgerechnet 40,5 Millionen Dollar – vermittelt von der Auktionatorin Elaine Kwok in Hongkong an Adrien Meyer auf dem Rostrum in New York – durch. Es war einer von sieben allein in New York aufgestellten Rekorden. Weitere Höchstmarken wurden für den gefragten amerikanischen Minimalisten Brice Marden und für Wayne Thiebaud gesetzt.

          Für Mardens „Complements“, ein monumentales zweiteiliges Bild mit verschlungenen Linien, fiel schon bei 27 Millionen Dollar (Taxe 28/35 Millionen) der Hammer. Das ist trotzdem das mehr als Dreifache seines bisherigen Rekordpreises. Thiebauds „Four Pinball Machines“, vor der Auktion intensiv vermarktet, erzielten den Spitzenpreis von 17,5 Millionen Dollar (18/25 Millionen). Rekorde gab es auch für Ruth Asawa und Richard Avedon. Mit Spannung erwartet wurden Picassos museale „Les femmes d’Alger (Version ,F‘)“, gemalt 1955. Christie’s erhoffte sich um 25 Millionen Dollar; der Hammer fiel bei 25,5 Millionen. Picassos Gouache „Baigneuses, sirènes, femme nue et minotaure“ wurde bei 6,9 Millionen Dollar (6/9 Millionen) einem Online-Bieter zugeschlagen. Große Hoffnungen hatte man auch in Barnett Newmans rare abstrakte Komposition in Blau mit hellem vertikalen Streifen, „OnementV“ aus dem Jahr 1948, gesetzt. Es ist das letzte Werk der Serie, das sich noch in privater Hand befindet, zog jedoch nur ein Gebot von 30,9Millionen Dollar (30/40 Millionen) an.

          In Hongkong, der ersten Station von „One“, avancierte Gerhard Richters Abstraktion „Frost (1)“ von 1989 mit dem Hammerpreis zur oberen Erwartung von umgerechnet 8,81Millionen Dollar zum teuersten Werk. Das Starlos, die in Rot getauchte Leinwand aus der begehrten „Hurricane“-Serie von Zao Wou-Ki „21.10.63“ aus dem Jahr 1963, wurde überraschend zum Rückgang. Wou-Ki ist der gefragteste internationale Künstler der Nachkriegszeit in Asien, doch die Taxe von „um zehn Millionen Dollar“ war zu hoch gegriffen und das Werk nicht mit einer Garantie abgesichert. Das Spitzenlos der Londoner Station, René Magrittes „L’Arc de Triomphe“, fand mehr Anklang und wurde nach längerem Bietgefecht in London bei 19,48Millionen Dollar einem New Yorker Telefonbieter zugeschlagen; mit Aufgeld fallen 22,4 Millionen Dollar dafür an. „Gebeugter Trinker“, ein Gemälde aus der „Trinker“-Serie von Georg Baselitz, kam marktfrisch zum Aufruf, ging jedoch bei nur einem Gebot von umgerechnet 5Millionen Dollar wohl an den Garantiegeber.

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