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Auktion einer Fahrradsammlung : Den Rahmen gesprengt

Ist das jetzt doch vielleicht schon Kunst? Das Wiener Dorotheum öffnet sich mit der Sammlung Embacher erstmals dem Fahrrad. Ungeahnte Szenen in einem ehrwürdigen Auktionshaus

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          Am Dienstag dieser Woche sah die Dorotheergasse aus, als berge sie den Eingang zu einem Freibad im Hochsommer, so komplett zugeparkt war die schmale Straße im Herzen der Inneren Stadt Wiens. Die Ursache für den Zustrom der Radler verbarg sich hinter den Gerüstplanen des bekannten Auktionstempels - das Dorotheum hatte sich auf Neuland gewagt und die mittlerweile ziemlich bekannte Fahrradsammlung des Wiener Architekten Michael Embacher zur Versteigerung angeboten. „Chain Rea(u)ction“ war das Ereignis betitelt, das laut Auskunft der Pressesprecherin Doris Krumpl überwiegend neue Kundschaft ins Haus lockte.

          Hannes Hintermeier
          Feuilleton-Korrespondent für Bayern und Österreich.

          Und tatsächlich waren alle Räder anwesend und zu begutachten, im FranzJoseph-Saal an den Wänden beziehungsweise in den Nebensälen auf abgetreppten Gestellen. Und so wurde schon vor Beginn der Veranstaltung viel gefachsimpelt, über Komponenten und Muffen, über Züge und Umwerfer. Finanziell gut gepolsterte Profis, die sehr gezielt auf die velozipedären Raritäten losgingen, saßen und standen neben tätowierten Kurierfahrern, ergrauten Rennradliebhabern, Markenfetischisten und Skurrilitätenjägern. Ein gemischtes, überwiegend männliches Publikum, das aus 202 Fahrrädern (eines wurde kurz vor der Auktion zurückgezogen) aus hundert Jahren Fahrradgeschichte wählen konnte.

          Wer eine irgendwie ausgeklügelte verkaufsfördernde Dramaturgie erwartet hatte, machte die Rechnung ohne den Sammler. Denn Michael Embacher hatte schon den Katalog im Stil einer Farbmusterkarte gestaltet; und eben als Ordnungsprinzip nicht Typen, Marken oder Epochen gewählt, sondern schlicht die Farbe des Rahmens. Das war mehr als nur ein optisch hinreißender Gag, das hat im Falle Embachers Methode.

          Tapfere Erstbieter auf neuem Terrain

          Als der Architekt vor zwölf Jahren in einen Sammelrausch geriet, konnte sein Magen gar nicht groß genug sein; innerhalb weniger Jahren versammelte er an die zweihundertfünfzig Räder auf seinem Dachboden, vom Militärklapprad zum Bahnradboliden, vom Tandem zum Kinderrad, vom Mountainbike bis zum Reiserad. Darunter diverse Prototypen, Klassiker, die von Profis bei Rennen bewegt wurden, Verirrungen des Designs, ja auch völlige Fehlschläge (F.A.Z. vom 7. Juni 2008). Aber nie schielte er dabei auf reine Exklusivität, stes interessierte er sich für die offenkundig unbegrenzte Variationsbreite eines an sich ausgereiften Gebrauchsgegenstands. Als versierter Inneneinrichter und Ausstellungsgestalter hat es Embacher von Anfang an verstanden, seine Lieblinge ins rechte, sprich in ein weiß ausgeleuchtetes Spiegellicht zu setzen. Für den im Selbstverlag erschienenen Katalog „Smart Move“ (2007) tüftelte der Fotograf Bernhard Angerer achtzehn Wochen an der richtigen Inszenierung; später kamen eine aufwendig gestaltete App und eine englische Ausgabe („Cyclepedia“, 2011) hinzu, gleichzeitig begannen Teile der Sammlung auf Wanderschaft durch Designmuseen zu gehen, die prominentesten Schauen fanden in Wien, Tel Aviv und im amerikanischen Portland statt. So wurde die Embacher Collection in der Welt der Radliebhaber ein Begriff. Kein Wunder also, dass das Dorotheum bummvoll war.

          Dem Auktionator, einem smarten Bartträger im schmalen Anzug, oblag es, auf die Tube zu drücken, um die schiere Masse in überschaubarer Zeit abzuwickeln. Dennoch nahm sich der junge Mann zunächst die Zeit, um dem Publikum, das er offenkundig als auktionsunerfahren einschätzte, den Ablauf einer solchen Veranstaltung zu erläutern. Und auf die Nebenkosten hinzuweisen, die auch auf tapfere Erstbieter zukommen. Dass er die italienischen Traditionsmarken Gios und Bianchi als „Dschios“ und „Biantschi“ vorstellte, kann man wohl als Hinweis darauf deuten, wie neuartig das Terrain für das Auktionshaus war (obwohl man mit Oldtimern schon Erfahrung gesammelt hat). Ebenfalls im Saal: zwei Sensale, so heißen in Österreich die Makler, die für ihre anonym bleiben wollende Kundschaft live bieten. Darunter soll sich dem Vernehmen nach auch eine britische Radsportlegende befunden haben. Patriotisch verlief die Auktion indes nicht: Die heimischen Puch-Räder stehen vermutlich noch in zu vielen Garagen, einen Kauflustschub lösten sie jedenfalls nicht aus.

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