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Einzelausstellung : Überlebenskünstler

  • -Aktualisiert am

Htein Lin schuf seine Gemälde als politischer Gefangener in Myanmar. Sie spiegeln die unmenschlichen Haftbedingungen und boten dem Künstler zugleich eine Ablenkung. Die Asia House Galerie widmet ihm nun eine beachtliche Einzelausstellung.

          Auf dem Weg in das Kellergeschoss des eleganten georgianischen Stadthauses am Oxford Circus übersieht man es leicht, das Foto, welches den 1966 in Myanmar - vormals Burma - geborenen Maler und Performance-Künstler Htein Lin am Tag seiner Entlassung nach sechseinhalb Jahren in politischer Gefangenschaft zeigt. Abgemagert und mit eingefallenen Wangen, doch mit einem breiten Lächeln, steht er neben dem Direktor des Gefängnisses, in der Hand nur eine Plastiktüte. Nichts weist darauf hin, was Htein Lin in den vergangenen Jahren geschaffen und mit Hilfe von ihm wohlgesinnten oder aber bestochenen Gefängniswächtern aus der streng kontrollierten Anlage herausgeschmuggelt hat.

          Anfangs waren es Plastiktüten und Verpackungsetiketten, in die er mit dem Fingernagel Bilder ritzte. Später waren es die langen, weißen Baumwollröcke der Gefangenenuniform, die longyis, oder Bettlaken, auf die er die Farbe - zunächst das Färbemittel für die Fußmatten vor den Zellen, später manchmal Öl-, Acryl-, Email- oder Wandfarbe, die Wächter und Freunde ins Gefängnis schmuggelten - auftrug. Pinsel waren zu riskant und zu schwierig zu bekommen: Seife, Teller, Tassen, Feuerzeuge, Zigarettenfilter, geflochtene Fußmatten und sein eigener Körper dienten als Material für seine Drucktechnik; mit Spritzen und Zahnbürsten konnte er die Farbe großflächig verteilen. So entstanden zwischen 1998 und 2004 mehr als 230 Arbeiten, von denen eine Auswahl derzeit in der Asia House Gallery in London, einer Wohltätigkeitsorganisation zur Förderung asiatischer Kunst von Iran bis Japan, ausgestellt ist.

          Sieben lange Haftjahre

          Es ist Lins erste Einzelausstellung außerhalb seines Heimatlandes, das seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1948 von verschiedenen Militärregimes regiert wurde. "Htein Lin: Burma Inside Out" ist eine Ausstellung über die Freiheit der Kunst und eine Aufzeichnung des Lebens und Leidens in den ärmlichen Gefängnissen unter der Militärdiktatur von Myanmar, aber auch Zeugnis einer Liebesgeschichte mit Happy End: Nach seiner Entlassung lernte Lin die britische Botschafterin von Myanmar kennen, verliebte sich in sie und heiratete sie später - beide leben heute zusammen in London. Seine Frau ist Co-Kuratorin der Ausstellung.

          Lin, ein vormaliger Dissident und Mitglied der Demokratiebewegung, die 1988 blutig niedergeschlagen wurde, hatte sein Engagement in der Politik schon einige Zeit vor seiner Verhaftung 1997 für die Kunst aufgegeben. Doch dann entdeckte die Geheimpolizei seinen Namen auf einer Liste potentieller Rekruten für die Opposition. Er wurde durch ein Militärtribunal zu sieben Jahren Haft verurteilt und erst 2004 freigelassen.

          Bilder des Grauens

          Manche seiner Bilder aus diesen Jahren wirken farbenfroh und spielerisch, andere spiegeln deutlich den verzweifelten Alltag der Gefangenen wider. Das Werk "Biology of Art" entstand, als Lin wegen Magenproblemen im Krankentrakt untergebracht war - als Leinwand diente das Hemd eines Mitinhaftierten. Ein befreundeter Dichter, der Medizin studiert hatte, beschrieb dem Maler die Grundlagen der Anatomie. Lin erklärt später: "Das Bild zeigt den Weg der Nahrung durch meinen gequälten Magen, voller Dornen und Rasierklingen. Der Weg durch die Gedärme ist durch die Umrisse von Deckeln der Zahnpastatuben und Medizinflaschen angedeutet. Die Abdrücke von Pillenpaketen rahmen meine Organe ein. Doch mein Herz ist voller Blumen." Einmal wurde Lin zur Bestrafung für sieben Monate im Zellenblock der zu Tode Verurteilten untergebracht. Danach entstand die Arbeit "Death Row": Es zeigt die verzerrten, verzweifelten Gesichter der Gefangenen in zwei Reihen zu fünf Zellen.

          Hungerfolter und Bestechung

          Genug Reis bekam im Gefängnis nur, wer dafür bezahlen konnte - die kriminellen Gefangenen traf es da besonders hart. "Waiting for Food" zeigt ihre abgemagerten Gliedmassen und hungrig aufgerissenen Augen. Mit einer Fußmatte aus Bambus als Pinsel gab Lin ihren Körpern die Textur. "Gloomy Room 2" scheint auf den ersten Blick wenig mit dem bedrückenden Bildtitel gemein zu haben: Mit kreisenden und gezackten Bewegungen hat der Künstler die rote und schwarze Farbe mit einer Spritze verteilt. Blumenhafte Formen sind angedeutet. Eines der bedrückendsten Bilder ist "Six Fingers": Ein Gefangener, dessen Familie zu arm ist, um das benötigte Bestechungsgeld für seine Freilassung zu zahlen, hat sich mit dem Spaten vier Finger abgehackt, um dem Arbeitsdienst im Steinbruch oder dem Malariasumpf zu entgehen.

          Htein Lin sagt, die täglichen Anstrengungen, Materialien zu bekommen und sein Arbeiten geheim zu halten, hätten ihm Beschäftigung und Ablenkung gegeben. In der Ausstellung steht neben dem Foto von seiner Entlassung ein kleines Tonmodell des um 1900 gebauten Gefängnisses von Myaungmya: Im Halbkreis sind die Parzellen mit den Baracken um den Wachturm angeordnet. Lins Zelle markiert ein goldener Punkt.

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