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Ein „Schrei“ wird versteigert : Die Stunde der Überbietung

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Wahre Ikonen kämen selten auf den Markt, ihr Wert sei daher schwer zu schätzen: Simon Shaw, Chef der Abteilung für Impressionismus und Klassische Moderne bei Sotheby’s, spricht indes von einem erwarteten Hammerpreis, der „achtzig Millionen Dollar übertreffen könnte“ - also von mehr als sechzig Millionen Euro -, für eine der vier Fassungen von Edvard Munchs „Schrei“, der einzigen Version in Privatbesitz.

          Das Pastell auf Holz soll am 2. Mai in New York versteigert werden. Zuvor wird es bei Sotheby’s vom 13. April an in London und vom 27. April an in New York ausgestellt. Kunstwerke, die älter als fünfzig Jahre sind, bedürfen für einen Verkauf ins Ausland einer Ausfuhrgenehmigung der norwegischen Nationalgalerie; sie wird auch bei Munch-Gemälden fast nie verweigert.

          Ein Gedicht als Alleinstellungsmerkmal

          Der norwegische Reederssohn Petter Olsen trennt sich nach gut sieben Jahrzehnten im Familienbesitz von der einzigen Fassung des „Schreis“, die bisher nicht öffentlich ausgestellt wurde. Es sei Zeit, sagte er, dass „der Rest der Welt“ die Chance habe, „dieses bemerkenswerte Werk zu besitzen und zu bewundern“, mit dem er sein ganzes Leben lang gelebt habe: In dieser Zeit sei das Bild nur noch stärker geworden. Das Munch-Museum in Oslo besitzt zwei der vier Fassungen des „Schreis“, die Nationalgalerie in der norwegischen Hauptstadt eine weitere.

          Olsens, in England und Amerika noch niemals öffentlich gezeigte Fassung sei die farbenfreudigste, so wird berichtet - und die einzige, deren Rahmen von Munch bemalt und mit einem Gedicht beschrieben sei. Munch vermerkte dort, er zittere vor Angst und spüre den großen Schrei in der Natur. Kaum ein anderes Bild außer der „Mona Lisa“ ist so oft abgebildet und von Künstlern in anderen Fassungen bis hin zu Comics nachgestaltet worden wie dieses mit der schreienden Figur auf einem Landungssteg, die sich mit beiden Händen die Ohren zuhält.

          Ein langwieriger Streit unter Brüdern

          Das 1895 entstandene Pastell dürfte die Fassung sein, die die lebhafteste Geschichte aufzuweisen hat: Das reicht von Debatten über die „entartete Kunst“ bis hin zu einem Gerichtsstreit zwischen den beiden Olsen-Brüdern, den norwegische Zeitungen über Jahre hinweg zur inländischen Seifenoper stilisierten. Die Brüder Fred. (auf diese Abkürzung seines Vornamens legt er Wert) und Petter lebten über Jahrzehnte im Zwist. Dabei ging es nicht zuletzt um das Eigentum an Werken von Munch. Im Jahr 2002 sprach ein Gericht - nach fast genau zwanzig Jahren Prozessdauer - den größten Teil der 28 Ölbilder und sechs weitere Werke Munchs Petter Olsen, dem jüngeren Sohn von Thomas Olsen, zu, der sie teils ererbt hatte, teils von seiner Mutter geschenkt erhielt.

          Fred.s und Petters Vater Thomas war Nachbar und Freund Edvard Munchs und einer seiner größten Mäzene. Über den Osloer Kunsthändler Halvorsen erwarb er 1938 Werke von Munch billig: Die Nationalsozialisten hatten sie zuvor als „entartet“ in zehn deutschen Museen beschlagnahmt. Zudem schenkte Thomas Olsen 1939 Munchs weltberühmtes Gemälde „Das kranke Mädchen“, das 1937 in der Dresdner Gemäldegalerie beschlagnahmt worden war, der Londoner Tate Gallery: Damit habe er die Bilder, sagte er, retten wollen vor der Zerstörung. Denn auch Munchs Bilder in Norwegen waren bedroht, nach der deutschen Besetzung im April 1940 vier Jahre vor seinem Tod. Viele Werke wurden „in letzter Minute“ versteckt, auch mit Hilfe der Familie Olsen und anderer Freunde.

          Für die Finanzierung zweier Bauvorhaben

          Die Olsen-Brüder waren vor knapp einem Jahrzehnt vom Direktor des Osloer Zentrums für Holocaust-Studien aufgefordert worden, die Bilder, die unmittelbar nach der Pogromnacht des 9. November 1938 nach Norwegen geschafft wurden, den früheren Eigentümern zurückzugeben. Bei diesen handelte es sich meist um Museen, wie die Berliner Nationalgalerie und das Folkwang-Museum in Essen. Deutsche staatliche Museen hätten nicht Anspruch auf eine Rückgabe, das entbehre „jeder Rechtsgrundlage“, so erklärte die Stiftung Preußischer Kulturbesitz Anfang 2006. Im selben Jahr lies Fred. Olsen acht seiner Munch-Werke in London bei Sotheby’s versteigern. Der Erlös lag, bei starkem Interesse, weit über dem Schätzwert: Insgesamt betrug er 16,9 Millionen Pfund.

          Petter Olsen will den Erlös des „Schreis“ in den Bau eines Museums und eines Hotels in der norwegischen Stadt Hvitsten investieren. Das Kunstzentrum soll auf Olsens Gut Ramme Gaard erbaut werden. Munch hatte vor gut hundert Jahren ein Anwesen in Hvitsten bei Vestby gekauft und dort einige seiner eindrücklichsten Bilder gemalt, auch Thomas Olsen lebte dort. Petter Olsen gilt als ein ausgesprochener Architekturliebhaber. Er hat sich auch um den Wiederaufbau des Platzes um die Dresdner Frauenkirche verdient gemacht.

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