https://www.faz.net/-gqz-727ul

Ein Besuch im Fälschermuseum : Alles falsch hier - oder was?

Ein Fälschermuseum ist schon kurios genug. So etwas gibt es tatsächlich in Wien. Darüber aber, dass dort auch gefälschte Fälschungen zu sehen sind, darf man ruhig staunen.

          Ich würde gerne einen Chagall bestellen“: Mit solchen Anliegen per Telefon wird Diane Grobe regelmäßig konfrontiert. Die Anrufer bekommen die Antwort: „Wir fälschen nicht.“ Diane Grobe führt mit ihrem Mann Christian Rastner das Fälschermuseum in Wien und klärt auf: „Nicht alles, was nachgeahmt wird, ist eine Fälschung. Von der Kopie zur Fälschung ist es ein langer Weg - dazwischen liegt die Betrugsabsicht.“

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Als Exot unter den Wiener Museen nimmt die Sammlung von fakes, die gegenüber dem Hundertwasserhaus im dritten Bezirk beheimatet ist, eine Sonderstellung ein. Vor fast sieben Jahren gegründet, verzeichnen die Betreiber inzwischen mehr als 10.000 Besucher jährlich und erzielen Gewinn. Auf 250 Quadratmetern in zwei Ebenen werden das Museum und ein Museumsshop betrieben. Derzeit gibt es sechs Dutzend Falsifikate zu sehen: Davon sind 45 Stil- und Identfälschungen, fünfzehn sind Kopien und Meisterkopien, dazu kommen fünfzehn sonstige Exponate. Es werden spektakuläre Kriminalgeschichten rund um die Werke bekannt gewordener Kunstfälscher erzählt, und der Besucher wird dabei unterhaltsam über die Unterschiede zwischen Original, Kopie und Fälschung aufgeklärt.

          Fälscher haben Konjunktur

          So erfährt man zum Beispiel, warum Tom Keating, der wohl berühmteste englische Fälscher, „Zeitbomben“ in seinen Werken versteckte: Er trug zum Beispiel eine Schicht Glyzerin auf die letzte Farbschicht auf und stellte damit sicher, dass - im Fall einer Reinigung - das sich auflösende Glyzerin das Bild ruinieren und somit als Fälschung erkennbar machen würde. Sein britischer Kollege Eric Hebborn wurde 1996 in Rom erschlagen, nachdem sein „Kunstfälschers Handbuch“ erschienen war. Und Han van Meegeren gelang es, Hermann Göring zu betrügen, dem er 1942 über einen Kunsthändler seine Vermeer-Fälschung „Christus und die Ehebrecherin“ andrehen konnte.

          Offenbar gibt es großes Interesse an den Werken, Lebensgeschichten und Skandalen der Fälscher: „Das Thema kommt immer mehr in Mode“, erklärt Grobe, „auch weil es immer mehr Skandale gibt.“ Gerade im vergangenen Herbst erlebte Deutschland den Kölner Prozess gegen Wolfgang Beltracchi und seine Bande, der weit über die Kunstwelt hinaus viel Interesse weckte. Gefälscht wird überhaupt, was am Markt begehrt ist und möglichst hohe Preise erzielt, Alte Meister ebenso wie die Klassiker der Moderne.

          Ein täuschend falscher Matisse

          Angesichts des globalisierten Kunsthungers der neuen Reichen ist das keine Überraschung. Dabei gilt Kunstfälschung, absolut zu Unrecht, weithin als eine Art „Kavaliersdelikt“. Jedoch: „Es wird geschätzt, dass mehr als ein Zehntel aller Bilder in Museen weltweit Fälschungen sind - oder falsch zugeschrieben wurden“, sagt Diane Grobe. Die Dummen bei diesem Kunstpoker sind allemal auch die Sammler. Aus dem Fall Beltracchi aber hat auch das Wiener Fälschermuseum offenbar einen Nutzen gezogen: „Das Interesse an uns ist größer geworden“, erzählt die Expertin für Fakes. Der jährliche Besucherandrang habe sich beinahe verdoppelt. Grobe wird zu Vorträgen eingeladen, etwa auf einer Kunstsachverständigentagung in Berlin oder jüngst auf der Kunst- und Antiquitätenwoche in Bamberg.

          Wie leicht es ist, die Menschen zu täuschen, erzählt Diane Grobe am Beispiel eines falschen Matisse von Elmyr de Hory, der vorher schon als ein Original verkauft worden war: „Wir haben die Zeichnung spaßeshalber durch Auktionen laufen lassen. Keiner hat es gemerkt, in Deutschland hieß es: ,Es könnte ein Original sein. Wir würden es gerne kaufen.’“ Und genau solche Geschichten finden beim Publikum Anklang: „Man braucht keine Kunstkenntnis, um sich darüber zu amüsieren, worauf die Leute reinfallen“, findet Grobe, und das bezieht sich auch auf - nachgemachte Fälschungen: Das Fälschermuseum hat seit seiner Eröffnung ein Machwerk von Konrad Kujau, dem Fälscher der „Hitler-Tagebücher“, ausgestellt; dargestellt ist Klimts „Danae“. Es hat sich als das entpuppt, was die Besitzer des Museums schon länger vermutet hatten: als gefälschte Fälschung!

          Bekannt für seine Fälschungen

          “Wegen der Beschaffenheit der Leinwand und des Rahmens und wegen des schlechten Farbauftrags vermuteten wir schon kurz nach der Erwerbung, dass dieses Bild nicht von der Hand eines Meisterfälschers stammen konnte“, sagt die Leiterin des Museums. Tatsächlich hat eine angebliche Nichte Kujaus Hunderte Billigbilder aus Asien nachträglich mit der Kujau-Signatur versehen und zu „Originalfälschungen von Konrad Kujau“ deklariert, um sie im Internet und in Galerien für bis zu 3500 Euro zu verkaufen. Der dadurch entstandene Gesamtschaden betrug mehr als eine halbe Million Euro.

          Konrad Kujau war Maler und Aktionskünstler und wurde 1983 als Fälscher der „Hitler-Tagebücher“, die er für 9,3 Millionen Mark an die Zeitschrift „Stern“ verkaufte, weltberühmt. Im Prozess um die gefälschten Tagebücher vor dem Hamburger Landgericht wurde er 1985 wegen Betrugs zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt, jedoch bereits nach drei Jahren wegen einer Krebserkrankung entlassen. Nach seiner Haftstrafe nutzte Kujau seine neue Popularität und eröffnete ein eigenes Atelier, in dem er „Original Kujau-Fälschungen“ offiziell verkaufte. Gesteigert wurde seine Bekanntheit noch durch die Komödie „Schtonk!“, Helmut Dietls Verfilmung seiner Geschichte.

          Ein echter Keating

          Nicht nur Fälschungen, sondern eben auch schon gefälschte Fälschungen werden inzwischen auf der ganzen Welt zum Verkauf angeboten: „Fälscher werden auch schon gehandelt wie Maler“, sagt Grobe und fügt hinzu: „Bei Malern handelt es sich aber um Qualität und Anerkennung. Bei Fälschern geht es um Geschichte.“ Immer wieder finden sich nicht nur „schlechte“ Kujaus, sondern auch angebliche Van Meegerens, de Horys oder Keatings, vor allem bei Ebay oder in ähnlichen Auktionen.

          Der Brite Tom Keating, von dem eine „echte“ Fälschung im Museum hängt, erreichte nach seinem Tod Kultstatus. Seine Werke wurden zu Sammlerstücken, und man muss für sie inzwischen bis zu 10.000 Pfund bezahlen. Bei solchen Preisen lohnt es sich, schon bekannte Fälscher - eben zu fälschen. Diane Grobe und ihr Mann ersteigern ihre Exponate auf Auktionen; der Keating wurde im Internet erstanden. Meist bezahlen sie dafür zwischen hundert und tausend Euro. Dass Alte Meister immer weniger gefälscht werden, sagt die Museumschefin. Warum? Ganz einfach, „die Arbeit tut sich kaum noch einer an“.

          Ein Spezialist für Kopien

          Zum Beispiel kann die perfekte Stilfälschung eines 200 Jahre alten Bildes allein in der Herstellung mehrere tausend Euro kosten und Jahre dauern. Man braucht viel Zeit und Mühe, um das Fälscherhandwerk zu erlernen, insbesondere den Pinselduktus des zu fälschenden Künstlers. Altmeisterfälscher ist deshalb ein aussterbender Beruf: Für Fälscher von heute ist es „billiger“, auf ein unsigniertes altes Bild einen relativ bekannten Namen draufzuschmieren“, weiß Grobe aus Erfahrung, und das Ganze dann als „Original“ an Leichtgläubige zu verkaufen, am besten im Internet.

          Die Idee zu ihrem Museum kam Diane Grobe, als sie Urlaub an der Ostsee machte. Dort gab es auch ein Museum für Fälschungen; allerdings habe das Dargebotene dort nicht ihren eigenen Standards entsprochen. Sowohl Grobe als auch Christian Rastner stammen aus Deutschland und sind vor eineinhalb Jahrzehnten nach Wien gezogen: „Ich wollte den Supermarkt meiner Eltern in Thüringen nicht übernehmen und habe mir gedacht: Wien ist eine gute Alternative.“ Grobe hat eigentlich Betriebswirtschaft studiert. Nebenbei hat sie auch gemalt und damit sogar Geld verdient.

          Rastner kommt aus Bayern und hat in Wien, nach einer Ausbildung als Bauingenieur, ein zweites Studium als Architekt absolviert. Zwar kann man im Fälschermuseum - das sich übrigens als das einzige seiner Art in Europa bezeichnet - natürlich keine Fälschungen bestellen. Doch Kopien durchaus - das heißt, die Nachahmung eines Werks ohne den falschen Hinweis, es sei das Original und mindestens siebzig Jahre nach dem Tod des Urhebers. Diese fertigt Rastner in seinem Drittberuf als Maler an. Er ist spezialisiert auf Schiele und Van Gogh.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.