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Ein Besuch im Fälschermuseum : Alles falsch hier - oder was?

Ein Fälschermuseum ist schon kurios genug. So etwas gibt es tatsächlich in Wien. Darüber aber, dass dort auch gefälschte Fälschungen zu sehen sind, darf man ruhig staunen.

          Ich würde gerne einen Chagall bestellen“: Mit solchen Anliegen per Telefon wird Diane Grobe regelmäßig konfrontiert. Die Anrufer bekommen die Antwort: „Wir fälschen nicht.“ Diane Grobe führt mit ihrem Mann Christian Rastner das Fälschermuseum in Wien und klärt auf: „Nicht alles, was nachgeahmt wird, ist eine Fälschung. Von der Kopie zur Fälschung ist es ein langer Weg - dazwischen liegt die Betrugsabsicht.“

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          Als Exot unter den Wiener Museen nimmt die Sammlung von fakes, die gegenüber dem Hundertwasserhaus im dritten Bezirk beheimatet ist, eine Sonderstellung ein. Vor fast sieben Jahren gegründet, verzeichnen die Betreiber inzwischen mehr als 10.000 Besucher jährlich und erzielen Gewinn. Auf 250 Quadratmetern in zwei Ebenen werden das Museum und ein Museumsshop betrieben. Derzeit gibt es sechs Dutzend Falsifikate zu sehen: Davon sind 45 Stil- und Identfälschungen, fünfzehn sind Kopien und Meisterkopien, dazu kommen fünfzehn sonstige Exponate. Es werden spektakuläre Kriminalgeschichten rund um die Werke bekannt gewordener Kunstfälscher erzählt, und der Besucher wird dabei unterhaltsam über die Unterschiede zwischen Original, Kopie und Fälschung aufgeklärt.

          Fälscher haben Konjunktur

          So erfährt man zum Beispiel, warum Tom Keating, der wohl berühmteste englische Fälscher, „Zeitbomben“ in seinen Werken versteckte: Er trug zum Beispiel eine Schicht Glyzerin auf die letzte Farbschicht auf und stellte damit sicher, dass - im Fall einer Reinigung - das sich auflösende Glyzerin das Bild ruinieren und somit als Fälschung erkennbar machen würde. Sein britischer Kollege Eric Hebborn wurde 1996 in Rom erschlagen, nachdem sein „Kunstfälschers Handbuch“ erschienen war. Und Han van Meegeren gelang es, Hermann Göring zu betrügen, dem er 1942 über einen Kunsthändler seine Vermeer-Fälschung „Christus und die Ehebrecherin“ andrehen konnte.

          Offenbar gibt es großes Interesse an den Werken, Lebensgeschichten und Skandalen der Fälscher: „Das Thema kommt immer mehr in Mode“, erklärt Grobe, „auch weil es immer mehr Skandale gibt.“ Gerade im vergangenen Herbst erlebte Deutschland den Kölner Prozess gegen Wolfgang Beltracchi und seine Bande, der weit über die Kunstwelt hinaus viel Interesse weckte. Gefälscht wird überhaupt, was am Markt begehrt ist und möglichst hohe Preise erzielt, Alte Meister ebenso wie die Klassiker der Moderne.

          Ein täuschend falscher Matisse

          Angesichts des globalisierten Kunsthungers der neuen Reichen ist das keine Überraschung. Dabei gilt Kunstfälschung, absolut zu Unrecht, weithin als eine Art „Kavaliersdelikt“. Jedoch: „Es wird geschätzt, dass mehr als ein Zehntel aller Bilder in Museen weltweit Fälschungen sind - oder falsch zugeschrieben wurden“, sagt Diane Grobe. Die Dummen bei diesem Kunstpoker sind allemal auch die Sammler. Aus dem Fall Beltracchi aber hat auch das Wiener Fälschermuseum offenbar einen Nutzen gezogen: „Das Interesse an uns ist größer geworden“, erzählt die Expertin für Fakes. Der jährliche Besucherandrang habe sich beinahe verdoppelt. Grobe wird zu Vorträgen eingeladen, etwa auf einer Kunstsachverständigentagung in Berlin oder jüngst auf der Kunst- und Antiquitätenwoche in Bamberg.

          Wie leicht es ist, die Menschen zu täuschen, erzählt Diane Grobe am Beispiel eines falschen Matisse von Elmyr de Hory, der vorher schon als ein Original verkauft worden war: „Wir haben die Zeichnung spaßeshalber durch Auktionen laufen lassen. Keiner hat es gemerkt, in Deutschland hieß es: ,Es könnte ein Original sein. Wir würden es gerne kaufen.’“ Und genau solche Geschichten finden beim Publikum Anklang: „Man braucht keine Kunstkenntnis, um sich darüber zu amüsieren, worauf die Leute reinfallen“, findet Grobe, und das bezieht sich auch auf - nachgemachte Fälschungen: Das Fälschermuseum hat seit seiner Eröffnung ein Machwerk von Konrad Kujau, dem Fälscher der „Hitler-Tagebücher“, ausgestellt; dargestellt ist Klimts „Danae“. Es hat sich als das entpuppt, was die Besitzer des Museums schon länger vermutet hatten: als gefälschte Fälschung!

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