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Duesseldorf contemporary : Alles ist doch Lifestyle

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Die wiederbelebte Kunstmesse in Düsseldorf betrachtet sich auch als Lifestyle-Parcours. Investitionsbereite Sponsoren zogen nicht nur sachverständiges Kunstpublikum in die Messehallen. Nach dem ansehnlichen Debutergebnis fühlt sich Düsseldorf schon bereit für höhere Aufgaben.

          So funkelnd schichten sich die Sedimente des Kunstmarkts nicht allerorten: „ZOBOP“, eine Arbeit des Turner-Preisträgers Jim Lambie aus dem Jahr 2000, überzieht den gesamten Boden der Koje mit buntmetallicfarbenen Streifen (60.000 Euro). Direkt darauf liegt „Aluminium Square 5“ von Carl Andre (100.000 Euro), außerdem behaupten sich da zwei hüfthohe Würfel - der eine glänzend, der andere matt schwarz lackiert -, des jüngst verstorbenen Sol LeWitt gegen den glitzernden Rapport, auf dem sich noch zehn motorbetriebene Tischplatten des Schotten Lambie drehen.

          So mixt die Galerie Konrad Fischer der neuen Messe ein strahlendes Entree: Die Galeristin Dorothee Fischer hatte sich als eine der Ersten für die Wiederbelebung einer Kunstmesse in ihrer Heimatstadt verwendet. Im Gegenüber mit ihrem Kollegen Casey Kaplan öffnet sie eine der schönsten Sichtachsen. Der New Yorker Galerist hat Arbeiten von Gabriel Vormstein gehängt; „No Way“ und „Untitled“ (beide von 2007; je 7500 Euro) sehen aus wie Bilder, man kann in ihnen aber auch ultraflache Pappmaché-Objekte sehen.

          Unternehmer rechnen anders

          „Kunst ist in wachsendem Maße auch Ausdruck von Lifestyle, gewissermaßen als eine produktive Facette von Individualisierung“ - das findet Andreas Barthelmess, zukünftiger Geschäftsführer der Gruner + Jahr Art Events; die Ideengeber für die „duesseldorf contemporary“, Andreas Lohaus und Walther Gehlen, haben einen potenten Geldgeber gefunden. Bei der Pressekonferenz tritt kein Galerist mehr auf; die Entrepreneure rechnen anders. Deutlich ist man bereit zu investieren. Die Düsseldorfer Galerieszene macht sich mit Daniela Steinfeld (van Horn), Anna Klinkhammer, Michael Cosar und Alexander Sies in einem Beirat für die Messe stark; für die Auswahl der Galerien - zur „dc“ kann man nur eingeladen werden - bürgt ein Gremium von Kuratoren.

          Von insgesamt 200 Eingeladenen kamen 85. Vor allem nachdem sich Casey Kaplan, Georg Kargl, Franco Noero oder Zero gewinnen ließen, zogen junge Galeristen nach: wie aus Amerika Thomas Erben, Marc Foxx und Spencer Brownstone, aus England MOT, Laura Bartlett oder Alison Jacques. Es gibt viel junge attraktive Malerei und Skulptur zu sehen in den eher kleinteilig bestückten Ständen.

          Premierenandrang

          Die Düsseldorfer Galerie Sies + Höke gab schon während der ersten Preview-Stunden einen von Florian Slotawa umgemodelten Geschirrspüler „GS.002“ ab (für 12.000 Euro), und für die vielteilige Holz-Installation „SOL“ des Belgiers Kris Martin konnte man drei Reservierungen entgegennehmen. Die schlichte Lampenkugel von Markus Sixay - „Lamp to be Smashed by the 100th Visitor“ - hatte, dem Titel gemäß - die hundertste Besucherin am Stand mit einem Hammer zerschlagen dürfen (3000 Euro). Und schneller als erwartet war diese Arbeit dann auch vollendet: Die Scherben sollten sich während der Messetage unter den Füßen der Besucher pulverisieren. Doch das ging deutlich zügiger vonstatten; denn am Premierenabend wurde die Halle fast gestürmt - nicht unbedingt nur von Kunstpublikum; denn die Vernissage-Einladungen waren breit gestreut worden.

          Auch Ursula Walbröl, ebenfalls aus Düsseldorf, konnte gleich am Eröffnungstag eine (ungenannte) Schweizer Institution für die Arbeit des zweiundvierzigjährigen Simon Lewis interessieren: Fünf Zeichnungen (je 5000 Euro) sind reserviert, auch Lewis' konzeptuelle Textarbeiten (Auflage 5; 650 Euro) waren gefragt. Ursula Walbröl ist froh, sich nach sehr erfolgreichen Jahren in Köln „doch für den eigenen Standort entschieden zu haben“, hofft allerdings - wie viele Kollegen -, „dass noch mehr Verkäufe kommen“.

          Großspurige Gedankenspiele

          Die Londoner Wilkinson Gallery konnte ihre große Arbeit von Dierk Schmidt im vergangenen Herbst bei der Art Cologne nicht verkaufen, dafür jetzt in Düsseldorf mehrere Arbeiten des Teilnehmers an der Documenta 12. Max Wigram, ebenfalls aus London, verkaufte in den ersten Stunden vor allem das fast vier Quadratmeter große Bild „Sky, Lakes and Holes“ von Christian Ward. Mitgebracht hat Wigram auch Bilder von Marine Hugonnier, der Künstlerin, die auf der Londoner Frieze Art Fair mitsamt ihrer Restauratorenwerkstatt eingezogen war. In Düsseldorf sind aktuelle Ergebnisse ihrer Arbeit zu sehen, wie das kleine Gemälde französischer Schule, das neben den gerahmten Zustandsberichten vor und nach der Restaurierung hängt (16.500 Pfund); ein kleineres Kinderbild kostet 12.500 Pfund, und Hugonniers auf DVD übertragener 16-Millimeter-Film „Travelling Amazonia“ (2006; Auflage 6) ist für 27.000 Euro zu haben.

          Während sich erst noch zeigen muss, ob der hübsche Überraschungserfolg der neuen Messe als mehr zu verbuchen sein wird denn als hochsubventioniertes Branding, expandiert der Messegründer Walther Gehlen - deutlich erleichtert, die hastige Unternehmung zu einem ansehnlichen Ergebnis geführt zu haben - schon in großspurige Gedankenspiele; eine Messe für Deutschland sei genug - und als „unabhängige Struktur“ lade die duesseldorf contemporary ihre Konkurrenz aus Berlin, Köln und Frankfurt ein, sich an einen Tisch zu setzen: „Wir wären auch bereit, diese eine Messe in Düsseldorf auszurichten.“

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