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Der Fall Goudstikker : Doppelte Raubkunst

Das Diptychon von Lucas Cranach d. Ä. mit Adam und Eva, entstanden 1530, bleibt im Norton Simon Museum in Pasadena - trotz seiner bewegten Provenienz.

          3 Min.

          Die beiden Bilder zeigen keine Holländer, sondern die ersten Menschen. Sie wurden auch von keinem Holländer gemalt. Lucas Cranachs d. Ä. Diptychon mit Adam und Eva gelangte erst 1931 in die Niederlande, nachdem der Kunsthändler Jacques Goudstikker es in Berlin ersteigert hatte. Doch als dem niederländischen Staat 34 Jahre später ein Verkauf der Tafeln vorgeschlagen wurde, lehnte die Regierung das Geschäft zunächst mit der Begründung ab, sie seien national wertvolles Kulturgut. Ein Verkauf von Werken aus der Staatssammlung komme nur in Betracht, „wenn das Interesse des Landes einen solchen Verkauf gebietet“.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          In staatlichen Besitz waren die Cranachs infolge der deutschen Niederlage im Zweiten Weltkrieg gekommen. Goudstikker hatte sich nach der Besetzung der Niederlande auf ein Schiff nach England retten können. Er starb an Bord nach einem Unfall. Seine Witwe und sein Sohn fanden Zuflucht in den Vereinigten Staaten. Hermann Göring eignete sich Goudstikkers Kunstsammlung an, in einer Transaktion, die nach dem Krieg offiziell als Zwangsverkauf eingestuft wurde. Von den Deutschen geraubte Kunstwerke wurden von den Siegern den Regierungen der Länder übergeben, aus denen sie geraubt worden waren. Die Kunsthandlung J. Goudstikker führte Restitutionsverhandlungen mit der niederländischen Regierung, beschränkte sie aber auf das Geschäftsvermögen. Nach niederländischem Recht musste ein Restitutionsantrag bis zum 1. Juli 1951 gestellt werden. Die Firma reichte keinen Antrag auf Rückgabe der Werke aus Görings Hort ein und vermied so die Verrechnung des Kaufpreises. 1966 verkauften die Niederlande die Cranachs an George Stroganoff-Scherbatoff, einen amerikanischen Marineoffizier aus russischem Adel, der sie als Familieneigentum reklamiert hatte.

          Zwei Akte räuberischer Enteignung

          Der Einlieferer der Berliner Auktion von 1931 war Sowjetrussland. Schon die erste solche „Russenauktion“, die 1928 ebenfalls das angesehene Berliner Auktionshaus Lepke veranstaltete, hatte Proteste von Emigranten auf sich gezogen. Die holländische Zeitung „De Telegraaf“ schrieb damals: „Wenn ein altes Kunstwerk plötzlich auf den Markt kommt, steckt häufig eine tragische Geschichte dahinter.“ Die Geschichte von Cranachs Adam und Eva - die heute im Norton Simon Museum in Pasadena hängen - ist doppelt tragisch: Sie umfasst zwei Akte räuberischer Enteignung. Nach heutigem Kenntnisstand stammten die Cranachs allerdings nicht aus einem der Paläste der Fürsten Stroganoff, sondern wahrscheinlich aus der Dreifaltigkeitskirche in Kiew.

          Marei von Saher, die aus Deutschland gebürtige Witwe des Sohns von Jacques und Désirée Goudstikker, erhob 2007 Klage vor den kalifornischen Bundesgerichten gegen das Museum, das die Gemälde 1971 von Stroganoff-Scherbatoff gekauft hatte. Zweimal beschäftigte der Fall schon die zweite Instanz. Das Berufungsgericht hatte darüber zu entscheiden, ob ein für die Fälle nationalsozialistischen Kunstraubs maßgeschneidertes Gesetz des Bundesstaats Kalifornien, das die Verjährungsfristen verlängerte, mit dem Bundesrecht vereinbar war oder in die außenpolitische Prärogative der Regierung in Washington eingriff. Das zweite Urteil des Berufungsgerichts schien vor zwei Jahren (F.A.Z. vom 18. Juli 2014) den Weg für den eigentlichen Prozess freizumachen, für den Eintritt in die Beweisaufnahme. Man konnte den Spruch der dreiköpfigen Kammer als Grundsatzbeschluss zugunsten einer großzügigen Behandlung später Klagen verstehen, beinahe im Sinne einer Inkorporierung der Washingtoner Erklärung von 1998 ins Zivilprozessrecht.

          Einstufung der Bilder als niederländisches Patrimonium

          Zur Verhandlung wird es nun nicht kommen. Einstweilen jedenfalls: Wahrscheinlich wird die Klägerin wiederum das Berufungsgericht anrufen. Das Bezirksgericht hat jetzt, am 15. August, die Klage abgewiesen. Die vorübergehende Einstufung der Bilder als niederländisches Patrimonium ist ein Indiz in der für den Beschluss entscheidenden Frage, wie der Verkauf von 1966 zu bewerten ist. Waren die Niederlande der Eigentümer der Bilder? Oder muss der niederländische Staat, wie die Klägerin geltend machte, über 1951 hinaus als Treuhänder betrachtet werden, der auch über nicht zurückgefordertes Raubgut nicht frei verfügen durfte? Ein staatlicher Hoheitsakt ist nach dem Völkerrecht der Überprüfung durch die Gerichte eines anderen Staates entzogen. Kommerzielle Tätigkeit gilt allerdings nicht als „Act of State“. Das Museum hat sich mit dem Standpunkt durchgesetzt, dass der Verkauf der Cranachs als Akt der souveränen Staatsgewalt anzusehen ist, als Erledigung des von Stroganoff-Scherbatoff erhobenen Restitutionsanspruchs.

          Die Klage beruht auf der Theorie, dass im angelsächsischen Zivilrecht der Bestohlene seinen Eigentumstitel nie einbüßt. Ironischerweise setzt die Anwendung auf den vorliegenden Fall allerdings voraus, dass der „Act of State“ der sowjetischen Enteignungen Bestand hat. Die Klägerin verwies auf Urteile deutscher Gerichte der Weimarer Republik. 2006 gaben die Niederlande ohne Anerkennung einer Rechtspflicht den Rest von Görings Beute an Marei von Saher heraus, darunter zwei Bilder, deren Stroganoff-Provenienz nach Angaben der Anwälte des Museums unbestritten ist. Sie schreiben: „Jacques Goudstikker hatte keine Skrupel beim Erwerb von Raubgut.“ Zu den immateriellen Kosten der Klage seiner Erbin gehört, dass das nun in den Akten steht.

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