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Spekulation mit Digitalkunst : Hurra, hurra, der „Banksy“ brennt

  • -Aktualisiert am

Brenne, Banksy: Den Akt der Zerstörung, als „Authentic Banksy Art Burning Ceremony (NFT)“ auf Youtube tituliert, wurde live gestreamt. Bild: Burntbanksy/Youtube

So macht man Geld und sorgt für Furore: Eine Gruppe von Krypto-Enthusiasten verbrennt einen Originaldruck von Banksy und versteigert die digitalisierte Fassung des Kunstwerks in der Blockchain zum Rekordpreis. Ist das ein PR-Stunt oder eine neue Form von Kunst?

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          Mitten in dem Boom, der digitale, aber kopiergeschützte und fälschungssichere Kunstwerke als „non-fungible tokens“, abgekürzt NFT, in der Blockchain zum heißbegehrten Spekulationsobjekt macht, treibt es eine Gruppe kunstaffiner Krypto-Fans auf die Spitze: Sie kauft bei einer New Yorker Galerie einen Druck von Banksy, in dem der Streetart-Künstler den Kunstmarkt kritisch aufs Korn nimmt, setzt das Kunstwerk in Brand, streamt diesen Ikonoklasmus live im Internet und verkündet, das Bild sei nun digitalisiert in Form eines NFTs zu ersteigern. Die Entmaterialisierung der Kunst im Virtuellen wird hier exerziert, die Gewinnung eines digitalen Ewigkeitswerts durch die Vernichtung des Bildkörpers propagiert. Man verstehe das als „Inspiration“, heißt es von der Gruppe. Eine geschickte Publicity für den Krypto-Markt ist der Stunt allerdings auch, steckt hinter der Aktion „Burnt Banksy“ doch die Blockchain-Firma Injective Protocol.

          Auf der Plattform Open Sea erzielt die NFT-Version des Banksy-Drucks bei seiner Online-Versteigerung in Kryptowährung 228,69 Ether, also tagesaktuell umgerechnet 380.000 Dollar und deutlich mehr, als die Krypto-Gruppe im vergangenen Jahr bei Taglialatella Galleries für das physische Original gezahlt hat: schlappe 95.000 Dollar. Das ist ungefähr so, als hätte der französische Chansonnier Serge Gainsbourg, der 1984 im französischen Fernsehen vor laufender Kamera skandalträchtig einen 500-Franc-Schein anzündete, anschließend für eine zuvor angefertigte und handsignierte Fotokopie des Scheins bei einer Auktion 2000 Franc erlöst und so das Prinzip der produktiven Zerstörung wertsteigernd monetarisiert.

          Prinzip der produktiven Zerstörung

          Der Vergleich hinkt freilich, war doch das zerstörte Banksy-Bild „Morons“ aus dem Jahr 2006, aufgelegt in einer Edition von 500 Exemplaren, kein austauschbarer Wertträger wie eine Banknote. Es zeigt eine Auktion, bei der das zu versteigernde Werk den Schriftzug „I can’t believe you morons actually buy this shit“ (Ich kann nicht glauben, dass ihr Trottel diesen Mist wirklich kauft) trägt. Nach dem Verbrennen ist von dem 578 x 762 Millimeter messenden Blatt Banksys nur Asche übrig. Die Bildinformationen mögen im NFT in Dateiform erhalten sein, die Haptik und die physische Präsenz des Originals dagegen sind verloren. Anders als bei einem von vornherein digitalen Werk ersetzt dieses NFT ein physisches Kunstwerk durch ein virtuelles.

          Geschreddert nach Hammerschlag: Banksy’s „Girl with Balloon“ oder „Love is in the Bin“ 2018 bei Sotheby’s in London
          Geschreddert nach Hammerschlag: Banksy’s „Girl with Balloon“ oder „Love is in the Bin“ 2018 bei Sotheby’s in London : Bild: AFP

          Dabei ist das NFT im „Burnt Banksy“-Komplex zwar nach Ansicht der Bieter und des Käufers offenbar valide, doch im Grunde der artistisch uninteressantere Teil des Ganzen. Künstlerisch wertvoller ist der Prozess seiner Entstehung: der Kauf, die Digitalisierung, die filmisch dokumentierten Vernichtung des Ursprungskunstwerk, ohne welche das NFT nur eine digitale Kopie wäre, kein Original. Bei der Verbrennung zückte ein maskierter junger Mann das Feuerzeug, der einen Pullover mit einem Aufdruck des berühmten Banksy-Bildes „Girl with Balloon“ trug, von dem eine gerahmte Version 2018 im Zuge seiner Auktion bei Sotheby's in London, wo es 1.042.000 Pfund erzielte, auf Wunsch des Künstlers unmittelbar nach dem Hammerschlag geschreddert wurde. Ein neues Kunstwerk entstand, das Banksy „Love is in the Bin“ nannte.

          Die Krypto-Ikonoklasten verbeugten sich also vor Banksys eigener künstlerischer Praxis - so bestätigt es auch Mirza Uddin, ein Sprecher von Injective Protokol. Und doch läuft das, was an Konzeptkunst und das Prinzip des Readymades anknüpft und den Kunstmarkt frech zu attackieren scheint, ins Leere, weil das Upcycling des Banksy-Bildes vor allem der kapitalistischen Wertschöpfung dient. In der Blockchain scheint jeder ein König Midas werden zu können. Solange jedenfalls, wie der Hype anhält.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

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