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Kunstmesse in Düsseldorf : Die Erfindung von „Post Lehman“

  • -Aktualisiert am

Die zweite Ausgabe der Art Düsseldorf macht sich bestens. Die Suche nach neuen jungen Sammlern hat Erfolg - und die etablierte Kunst fehlt auch nicht.

          Die Uhren ticken rückwärts bei der Schweizer MCH Group. Die Muttergesellschaft, von unter anderen Messen der Art Basel, muss abspecken. Ausgerechnet die „Baselworld“ zieht nicht mehr, die Zahl der Aussteller auf der Uhrenmesse verringert sich von Jahr zu Jahr dramatisch. Die Folgen sind jetzt auch in Düsseldorf zu spüren. Der neue MCH-Chef Hans-Kristian Hoejsgaard hat verkündet, er werde Investitionen in regionale Kunstmessen nicht mehr verfolgen. Der Kurswechsel betrifft die India Art Fair in Neu-Delhi, die ArtSH in Singapur und die gerade mal ein Jahr alte ArtDüsseldorf, an der die MCH Group mit 25,1Prozent beteiligt ist. Dieser Minderheitsanteil steht nun zum Verkauf. Laut Walter Gehlen, dem Geschäftsführer der Art Düsseldorf, gibt es noch keine Interessenten. Er sei aber nach der überraschend erfolgreichen Etablierung der Marke zuversichtlich, dass der Verlust des Partners zu verkraften sei. Schließlich sei der weder an der Finanzierung noch an der Akquise von Galerien oder Sponsoren beteiligt gewesen.

          Mögen noch so verhängnisvolle Wolken aufziehen, solange Schwergewichte wie David Zwirner oder die Marlborough Gallery dabeibleiben – und das teuerste Bild der zweiten Messe-Ausgabe ein auf 1,5 Millionen Euro bezifferter früher Lucio Fontana ist –, scheint Düsseldorf als Standort noch nicht verloren. Den Verkauf des Leinwände schlitzenden Italieners verkündete die aus Basel zum ersten Mal angereiste Galerie Knoell am Preview-Tag zwar nicht, aber der gehobenen Stimmung an dem mit Werken von On Kawara, Markus Lüpertz, James Ensor, Schwitters und Dubuffet klassisch bestückten Stand konnten die heimischen Turbulenzen der MCHGroup nichts anhaben. Vielleicht weil die deutlich gestiegene Qualität der Art Düsseldorf unübersehbar ist? Zudem bietet die um zehn Prozent gewachsene Ausstellungsfläche alle Reize einer vom Tageslicht durchfluteten Industriehalle.

          Dieser Meinung sind offenbar auch die weiteren vierzig Neuzugänge unter den 91 teilnehmenden Galerien aus neunzehn Ländern, die den Weg ins Böhler-Areal gefunden haben, unter ihnen die Debütanten Eigen+Art aus Leipzig/Berlin. Die hauseigenen Stars wie Neo Rauch, Olaf Nicolai oder Martin Eder suchte man vergeblich, Gerd Harry Lybke hat überwiegend Künstler mitgebracht, die in den vergangenen zwei Jahren ins Programm aufgenommen wurden. „Ich gestalte den Markt mit. Ich laufe ihm nicht hinterher“, so seine Begründung eben dafür, nach einer neuen, jungen Generation von Sammlern Ausschau zu halten. Die hat sich durchaus blicken lassen und griff gleich in den ersten Stunden beherzt zu: bei einer historisch aufgeladenen Arbeit der Ukrainerin Lada Nakonechna für erschwingliche 3200 Euro oder einem Werk von Martin Groß für 11000 Euro. Das Rheinland könne durchaus zwei Messen für moderne und zeitgenössische Kunst vertragen, legte Lybke spitzbübisch nach.

          Den immer noch in der Luft hängenden Einwand konterte auch Gil Bronner, Düsseldorfer Großsammler mit eigenem Privatmuseum, ohne Verständnis dafür: „Zwei Messen schaden überhaupt nicht. Das gibt mehr Sammlern die Möglichkeit, ins Rheinland zu kommen. Wenn die Händler es erfolgreich betreiben, kann man nicht sagen, dass es zu viel ist. Als Sammler möchte ich zwar nicht nach Caracas und nach Montevideo, überall dort, wo neue Messen entstehen. Aber wenn die Art Düsseldorf Erfolg hat, warum nicht?“ Das kann die Galerie Sies+Höke bei ihrem Heimspiel nur bestätigen. Schon die, ein ausuferndes Holzregal imitierende, Architektur der Düsseldorfer ließ keinen Zweifel daran, dass dort mit Überraschungen für die jüngeren Jahrgänge zu rechnen ist: etwa mit einem surreal anmutenden Perückenschrank des Künstlerduos FORT oder dem seltsam in der Luft schwebenden Gewächs aus dem Labor von Julius von Bismarck, das für 26000 Euro an einen Sammler aus der Region ging.

          Dass jünger besser ist als jung, beweisen die elf Galerien der Sektion „Post Lehman“. Sie gibt jenen eine Chance, die nach der Pleite der Lehman Brothers im Jahr 2008 eine Neugründung wagten. Vor allem das Länderspektrum weckt da auf Anhieb die Neugier, es reichte von Warschau über Prag bis nach Istanbul. Konventioneller geht es bei der Galerie Bastian in der Schmiedehalle zu. Mit Joseph Beuys macht man in der Stadt seines Wirkens gewiss nichts falsch, dachten sich wohl die Berliner, und positionieren gleich mehrere seiner musealen Arbeiten in direkter Nachbarschaft zu floralen Fotografien von Cy Twombly. Ein kluger Schachzug das, denn der Kontrast hätte nicht größer ausfallen können: Beuys’ pechschwarze Skulptur „Ofen“, entstanden während der „Zeitgeist“-Schau 1982 im Berliner Gropius-Bau, führte trotz des hohen Preises von 830000 Euro einen asiatischen Sammler in Versuchung.

          Die für Düsseldorf typische japanische Community hat am Stand der Tina Keng Gallery aus Taipei ihren großen Auftritt. Menschentrauben bildeten sich vor den zwischen Lackkunst und meditativer Malerei oszillierenden Werken von Su Xiaobai, die nicht ohne Grund an die Kissenbilder von Gotthard Graubner erinnern. Der Chinese nahm 1987 an einem Graduiertenprogramm der Kunstakademie Düsseldorf teil. Seine überdimensionalen „Kacheln“ treten mit dem wunderbar heterogen gemusterten Boden der kleineren Kaltsteinhalle in einen reizvollen Dialog – ein transkultureller Glücksfall made in Düsseldorf. Die Termine für die Jahre 2019 und 2020 stehen übrigens schon fest. Man möchte sie nicht missen und muss wohl doch bangen.

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