https://www.faz.net/-gqz-8bhq2

Das deutsche Auktionsjahr 2015 : Von guten Werken

Wer versteigerte das teuerste Bild? Wer machte am meisten Umsatz? Ein Rückblick zeigt die Spitzen an. Wichtiger aber noch war in diesem Jahr die Debatte um das Kulturgutschutzgesetz.

          3 Min.

          Der deutsche Auktionsmarkt 2015 sieht wirklich nicht schlecht aus. Zwar fehlen solche Ausreißer wie im Vorjahr: das große Menzel-Blatt bei Grisebach, das von geschätzten 100.000 bis 150.000 auf 2,8 Millionen Euro stieg; die kleine Zeichnung des Romantikers Friedrich Olivier, die bei Bassenge ihre Taxe von 120.000 Euro mit dem Zuschlag bei 2,6 Millionen Euro weit abhängte; oder der Niederländische Meister, dem Lempertz 15.000 bis 18.000 zutraute und den Kenner mit 1,25 Millionen Euro bewerteten.

          Rose-Maria Gropp
          Redakteurin im Feuilleton.

          Aber die Häuser melden durchweg weiter gestiegene Gesamtumsätze (unser Kasten am Ende des Artikels). Einmal mehr fällt die fast völlige Abwesenheit des deutschen Expressionismus in den Spitzenrängen auf; das Angebot an bester Qualität bleibt merklich dünn. Dafür rückt die Moderne immer weiter vor in die Gegenwart – sowohl Ueckers Nagelskulptur (Abbildung 1) als auch Fontanas Schlitzbild (2), Magrittes Wolkenhimmel (7a) und Pienes Feuerbild (8b) entstammen den Sechzigern. Es ist zu erwarten, dass die Tendenz steigend ist. Und wieder, wie 2015, konnten sich drei Alte Meister positionieren.

          Natürlich kann beim Rückblick das alles beherrschende Thema dieses zuende gehenden Jahrs nicht fehlen, das geplante Kulturgutschutzgesetz, das zu massiven Turbulenzen führte. Ein erster interner Entwurf machte im Juli die Runde beim deutschen Kunsthandel und bei Journalisten. Er enthielt einige Passagen, die mit allem Recht auf allseitigen Widerstand stießen. Aber auch die Folgen der heftigen Reaktionen auf das unautorisierte Papier, die postwendend aus dem Handel und Teilen der Presse kamen, sind nachhaltig; bis heute werden längst gestrichene Abschnitte daraus als nach wie vor gültig zitiert. Feststeht inzwischen: Wer auch immer in Berlin diese Rohfassung eines zu novellierenden Gesetzes durchgestochen hat: Dem deutschen Kunst- und Auktionshandel wurde damit ein arger Bärendienst erwiesen.

          Die fixe Idee hat sich eingenistet

          Allerdings wäre auch statt schriller Unmutsäußerungen sachlich gehaltener Widerspruch gegen die unausgegorenen Pläne des Bundeskulturminsterium angesagt gewesen. So haben die Protagonisten des Widerstands im Handel die Lage selbst noch verschlimmert. Denn leider kamen schnell Parolen auf à la: Deutsche Kunstsammler und -besitzer, man will euch eure Kunst wegnehmen. Inzwischen ist dieses erste unautorisierte Exposé, das in seiner Form bestimmt nicht die nötigen Gremien passiert hätte, zwar längst vom Tisch. Doch die fixe Idee könnte sich bei manchen eingenistet haben.

          Jedenfalls, wenn man den Behauptungen einer regelrechten Kunst-Flucht aus Deutschland Glauben schenken will. Ihnen gemäß soll inzwischen privater Kunstbesitz im Wert eines (freilich durch nichts belegten!) neunstelligen Euro-Betrags vorauseilend ins Ausland geschafft worden sein, nach Österreich oder Großbritannien etwa. Die Begründung, hier noch einmal: Gemäß der aktuellen Gesetzesnovelle sollen Kunstwerke, die älter als siebzig Jahre sind und teurer als 300.000 Euro, auch bei der Ausfuhr innerhalb Europas daraufhin überprüft werden, ob sie als „national wertvolles Kulturgut“ unter Ausfuhrschutz zu stellen seien.

          Eine Kampagne mit unerwünschten Nebenwirkungen

          Diese Bestimmung gilt übrigens schon seit Jahrzehnten für die grenznahe Schweiz, etwa für die Art Basel, wenn dort ein Werk verkauft werden sollte. Und überhaupt nicht bekannt ist außerdem, wie viele deutsche Sammler von Gegenwartskunst ihre Bestände, gewissermaßen prophylaktisch, ins Ausland geschafft haben. Sie können ja nicht ernsthaft denken, dass sie lauter Werke besitzen, die als für das Land „identitätsstiftend“ und als „Verlust für den deutschen Kulturbesitz“ gelten. Zumal, das sei hier schon angemerkt, die deutschen öffentlichen Museen (von den Privatmuseen hierzulande noch ganz abgesehen) seit Jahren vorausblickend hellwach im zeitgenössischen Bereich sammeln und mit mäzenatisch gesinnten Privatleuten zusammenarbeiten.

          Gesetzt den Fall, so viel privater Kunstbesitz habe Deutschland wirklich vorauseilend verlassen, dann haben wir es derzeit mit dem klassischen Modellfall einer Prophezeiung zu tun, die sich selbst erfüllt – und die ausgerechnet vom Kunsthandel selbst in die Welt gesetzt wurde. Denn offenbar hat keiner der vehementen Gegner der ersten Stunde die unerwünschten Nebenwirkungen jener Kampagne bedacht: dass nämlich jede Menge, vor allem zeitgenössischer Kunst – die von der Gesetzesnovelle gar nicht erfasst ist – zum leichten Fang europäischer Mitbewerber werden könnte. Entsprechende Depots gibt es gleich beim Flughafen Wien-Schwechat oder in London. So viel konkurrenzfördernde Selbstlosigkeit kann doch nicht gewollt gewesen sein! Es wäre gut, wenn das Jahr 2016 zur Normalität zurückfände. Der Kunsthandelsstandort Deutschland hat das verdient.

          Die Umsätze der deutschen Auktionshäuser 2015

          Den höchsten Umsatz verbucht die Villa Grisebach in Berlin mit insgesamt 54,1 Millionen Euro (2014: 46 Millionen Euro); hinzu kommen 1,7 Millionen Euro aus Privatverkäufen. Die stärkste Sparte stellt mit 28,8 Millionen Euro die Moderne, das spiegelt sich in den Top Ten wider: Sechs von fünfzehn Werken – es gibt Doppelbesetzungen – steuert diese Grisebach Abteilung bei.

          Auch für Ketterer in München ist 2015 ein erfolgreiches Jahr. Dort meldet man das beste Ergebnis des Hauses jemals, das bei 52,1 Millionen Euro (2014: 46 Millionen Euro) liegt. Rund 3,4 Millionen Euro davon erbrachten die Buch-Auktionen am Hamburger Standort. Also bleiben 48,7 Millionen Euro aus dem Geschäft mit Werken der bildenden Kunst. – Die Firma Hampel in München, aus deren Haus drei der Topzuschläge kommen, veröffentlicht keine Jahresbilanz.

          Auch die Kölner Auktionshäuser legen die Zahlen für 2015 vor. Lempertz setzte insgesamt 55,5 Millionen Euro (2014: 62 Millionen Euro) um. Davon entfallen 9,1 Millionen Euro auf Schmuck und weitere vier Millionen Euro auf Bücher und Handschriften, die in der angegliederten Kölner Firma Venator & Hanstein verkauft werden. Bei Venator & Hanstein fiel übrigens der höchste Zuschlag für Lempertz überhaupt, mit 760.000 Euro für ein im Florenz des 14. Jahrhunderts entstandenes Antiphonar. Auf Kunst und Kunsthandwerk entfallen bei Lempertz entsprechend 42,4 Millionen Euro, davon wiederum eine Million Euro auf die Auktion mit afrikanischer Kunst in Brüssel.

          Seine bisherige Bestmarke erreicht das Kölner Auktionshaus Van Ham, mit rund 39 Millionen Gesamtumsatz. Ohne den Erlös für Uhren und Schmuck entfallen auf Kunst und Kunsthandwerk 36,2 Millionen Euro. Die herausragende Sparte bei Van Ham ist die zeitgenössische Kunst. Angeheizt durch die Versteigerung der Insolvenzmasse des verurteilten Kunstberaters Helge Achenbach, verzeichnet die Abteilung einen Zuwachs um hundert Prozent im Vergleich zu 2014, auf nun 21 Millionen Euro.

          In München bilanziert Karl & Faber dreizehn Millionen Euro. Das Münchner Haus Neumeister nennt keine abschließenden Zahlen. Bassenge in Berlin erreicht 12,5 Millionen Euro; Bücher und Autographen tragen dazu 3,2 Millionen bei, Kunst und Fotografie 9,3 Millionen Euro. Nagel in Stuttgart verzeichnet insgesamt rund 25 Millionen Euro, zu denen allein achtzehn Millionen die asiatische Kunst beiträgt.

          Paula Schwerdtfeger

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Türkei soll zahlen

          Urteil zum Fall Yücel : Türkei soll zahlen

          Der Europäische Gerichtshof gibt Deniz Yücel mit der Klage gegen seine Haft in der Türkei größtenteils Recht. Ganz zufrieden ist der Journalist aber nicht.

          Topmeldungen

          Max Otte am Dienstag zwischen Alice Weidel und Tino Chrupalla

          Von der AfD nominiert : Otte sieht Kandidatur nicht als Provokation

          Der CDU-Politiker Max Otte will mit seiner von der AfD unterstützten Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten „Gräben zuschütten“, sagt er. Der AfD-Vorsitzende Chrupalla lobt den Vorsitzenden der konservativen Werte-Union.

          IG Farben : Die segensreiche Zerschlagung eines Kartells

          Derzeit entstehen in vielen Industrien bis hin zur digitalen Plattformökonomie wieder riesige Konglomerate. Ginge es in kleineren Einheiten weiter, wäre das vermutlich besser – das zeigt ein Blick in die Geschichte der IG Farben.

          Videokonferenz mit Biden : Vorbereitet sein für den Ernstfall

          Der amerikanische Präsident Joe Biden hat sich mit den führenden Vertretern Europas beraten – in neuem Format. Es ging um Sicherheit, Sanktionen und Diplomatie in der Ukraine-Krise.