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Teuerste internationale Kunst : Ohne Sensationen diesmal

Die hundert Millionen Dollar sind kein Thema mehr. Vielmehr scheint die Suche nach absoluten Spitzenwerken immer komplizierter zu werden. Die Klientel mit dem vielen Geld bezahlt eben doch nicht jeden Preis.

          Die Spitzenreiter 2018 heißen – nicht grade eine Überraschung – Modigliani und Picasso. Und es ist nicht falsch zu sagen, dass man sich für deren zwei Bilder mehr ausgerechnet hatte als die 139 und 102 Millionen Dollar. Picassos „Fillette à la corbeille fleurie“ von 1905 trug bei Christie’s schon die Schätzung von hundert Millionen Dollar: geschuldet der Entstehung am Übergang von der blauen zur rosa Periode samt der prominenten Provenienz aus der Kollektion von Peggy und David Rockefeller. Es lässt sich allerdings nicht leugnen, dass der Anblick des sehr jungen, nackten Mädchens, einer Blumenverkäuferin von Montmartre, gemischte Gefühle wecken kann, von denen auch Käufer im Höchstpreissegment womöglich nicht frei sind. Ähnlich enttäuschend mag für Sotheby’s die Performance von Modiglianis „Liegendem Akt“ gewesen sein, der deutlich unter seiner Erwartung von 150 Millionen Dollar blieb. Das etwas missmutig über die Schulter blickende Modell konnte nicht konkurrieren mit jenem attraktiven „Nu couché“ Modiglianis, der 2015 bei Christie’s für 152 Millionen Dollar dem chinesischen Milliardär Liu Yiquian für sein Long-Museum in Schanghai zugeschlagen wurde.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Kein Basquiat, kein Bacon in diesem Jahr, dafür Hopper und Hockney auf den Plätzen drei und vier – und Brancusi als einziger Skulpteur und zugleich einziger Wiederkehrer aus den Top Ten von 2017. Interessant ist noch Kasimir Malewitschs „Suprematistische Komposition“ auf Rang fünf. Das Gemälde wurde 2008 aus dem Stedelijk Museum in Amsterdam an die Erbengemeinschaft des Künstlers restituiert und gleich darauf bei Sotheby’s in New York für 53,5 Millionen Dollar versteigert, wohl an einen russischen Käufer, der mit Aufgeld sechzig Millionen Dollar dafür bezahlte. Jetzt erzielte es bei Christie’s einen Hammerpreis von 76 Millionen Dollar, durchaus eine Rendite.

          Im November gab das Auktionshaus Sotheby’s bekannt, dass Philipp von Württemberg als Managing Director für Deutschland und Chairman von Sotheby’s Europa zurücktritt und das Unternehmen nach zwanzig Jahren verlässt; er sieht die Zeit für einen Wandel gekommen. Von Sotheby’s verlautet, man überdenke die Pläne für die Zukunft, derweil Heinrich von Spreti als Präsident von Sotheby’s Deutschland noch einmal eine führende Rolle übernehme. Mitte Dezember erklärte dann Christie’s, dass Loïc Gouzer seinen Posten als Co-Chairman of Post-War and Contemporary Art zum Jahresende verlässt. Der Schweizer will sich in den nächsten Monaten auf Umwelt- und Klimaschutz konzentrieren, bevor er in die Kunstwelt zurückkehrt; vermutlich ist die Pause zudem obligatorisch. Gouzer wurde zum Regenmacher für Christie’s mit seiner Idee „kuratierter“ Auktionen, deren Zusammenstellung konsequent eklektisch ist, weil sie nicht auf Kenntnis, sondern auf den Gusto einer (neu)reichen Klientel zielt. Gouzer war schon 2015 am Verkauf des oben erwähnten Modigliani-Akts nach China beteiligt. 2017 landete er den Coup mit (wenigstens zum Teil) Leonardos „Salvator Mundi“, der für gut 450 Millionen Dollar inklusive Aufgeld angeblich vom saudischen Kronprinzen Muhammad Bin Salman für den Louvre Abu Dhabi ersteigert wurde. Wieso der „Weltenretter“ bislang im Museum noch nicht aufschien, ist eine vielberaunte Frage in der globalen Kunstwelt.

          Sowenig man weiß, wo der „Salvator Mundi“ derzeit steckt, so wenig weiß man, wer die Person ist, die sich Banksy nennt und mit ihren Graffiti und gesprühten Schablonenbildern zum internationalen Kunststar avancierte. In diesem ziemlich sensationsfreien Auktionsjahr hat Banksy für ein Skandälchen gesorgt, als er im Saal von Sotheby’s in London ein Exemplar seines bekanntesten Motivs, „Girl with Balloon“ auf Leinwand, ferngesteuert durch einen Mechanismus im Rahmen, halb in Fransen schnipseln ließ. Schwererer Schaden für die Firma blieb aus, weil die Käuferin ihrerseits bei der Stange blieb und das nun teilruinierte Werk für die zuvor gebotenen 860000 Pfund übernahm. Seither hält sich hartnäckig die Meinung, das Ding, von Banksy selbst sinnig in „Love is in the Bin“ umgetauft, wäre jetzt noch viel teurer (von wertvoller sollte man besser gar nicht reden). Es hätte etwas, wenn der Markt diese These eines Tages krachend widerlegte.

          Die Top 10 Kunstwerke internationaler Auktionen

          1. Amedeo Modigliani, „Nu couché (sur le côté gauche)“, 1917, Öl auf Leinwand, 89,5 mal 146,7 Zentimeter: Zuschlag bei 139 Millionen Dollar (Taxe 150 Millionen), am 14.Mai bei Sotheby’s in New York
          2. Pablo Picasso, „Fillette à la corbeille fleurie“, 1905, Öl auf Leinwand, 154,8 mal 66,1 Zentimeter: Zuschlag bei 102 Millionen Dollar (Taxe 100 Millionen), am 8.Mai bei Christie’s in New York
          3. Edward Hopper, „Chop Suey“, 1929, Öl auf Leinwand, 81,3 mal 96,5 Zentimeter: Zuschlag bei 85 Millionen Dollar (Taxe 70/100 Millionen), am 13.November bei Christie’s in New York
          4. David Hockney, „Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)“, 1972, Acryl auf Leinwand, 213,5 mal 305 Zentimeter: Zuschlag bei 80 Millionen Dollar (Taxe 80 Millionen), am 15.November bei Christie’s in New York 
          5. Kasimir Malewitsch, „Suprematistische Komposition“, 1916, Öl auf Leinwand, 88,7 mal 71,1 Zentimeter: Zuschlag bei 76 Millionen Dollar (Taxe 70 Millionen), am 15.Mai bei Christie’s in New York
          6. Claude Monet, „Nymphéas en fleur“, um 1914/17, Öl auf Leinwand, 160,3 mal 180 Zentimeter: Zuschlag bei 75 Millionen Dollar (Taxe 50/70 Millionen), am 8.Mai bei Christie’s in New York 
          7. Henri Matisse, „Odalisque couchée aux magnolias“, 1923, Öl auf Leinwand, 60,5 mal 81,1 Zentimeter: Zuschlag bei 71,5 Millionen Dollar (70/90 Millionen), am 8. Mai bei Christie’s in New York 
          8. Constantin Brancusi, „La jeune fille sophistiquée (Portrait de Nancy Cunard)“, 1928/32, geschliffene Bronze mit geschnitztem Marmorsockel, Gesamthöhe 80 Zentimeter: Zuschlag <NO1>bei 63 Millionen Dollar (Taxe 70 Millionen), am 15.Mai bei Christie’s in New York
          9. Pablo Picasso, „Femme au béret et la robe quadrillée (Marie-Thérèse Walter)“, 1937, Öl auf Leinwand, 55 mal 46 Zentimeter: Zuschlag bei 61,11 Millionen Dollar (Taxe 50 Millionen), am 28.Februar bei Sotheby’s in London 
          10. Willem de Kooning, „Woman as landscape“, 1954/55, Öl und Kohle auf Leinwand, 166,3 mal 125,4 Zentimeter: Zuschlag bei 61 Millionen Dollar (Taxe 60/80 Millionen), am 13. November bei Christie’s in New York

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