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Gallery Weekend Berlin 2015 : Der Lohn der langen Wege

Zum elften Mal findet das Gallery Weekend in Berlin statt. 47 Galerien präsentieren sich einer internationalen Kundschaft. Der große Auftritt scheint gelungen - diese Kunst hat keine Angst vor der Realität.

          4 Min.

          Diesmal sind es 47 Galerien, die offiziell teilnehmen (ohne die, die einfach auch zum 1. Mai öffnen), verteilt über die ganze Stadt, manche in Clustern, einige solitär, weite Wege also, auch beim elften Berliner Gallery Weekend. Bis ganz kurz vor den Previews und Vernissagen ist alles noch unauffällig, abends lässt sich durch Berlin-Mitte spazieren, als würden nicht gleich für vier, fünf Tage Kohorten von Kunstaffizierten das Gelände durchstreifen: das erwünschte Schauspiel, um dieses Modell am Leben zu erhalten. Gemessen in Lebenszeit freilich eine kaum zu bewältigende Aufgabe für ein Wochenende. Aber die Ausstellungen bleiben ja, nur das Kollektivvernissagefieber fehlt dann.

          Rose-Maria Gropp
          (rmg), Feuilleton, Kunstmarkt

          Malerei ist und bleibt ein starkes Thema, wie auch anders, wo Kunst verkauft werden soll vor allem an private Sammler aus aller Welt, eben an jene internationale Klientel, die diesmal auf dem Weg zu den Vorschauzeremonien der Biennale in Venedig abgefischt werden kann. Durchaus einigen Raum erfordern die Überwältigungsgemälde von Katharina Grosse, die sich in voller Pracht in der ehemaligen Kirche St. Agnes entfalten, die Johann König zum ungewöhnlichsten Galerieort Berlins umgebaut hat. Es sind sechs großartige, bis zu vier mal acht Meter messende Abstraktionen (Preise von 146.000 bis 215.000 Euro). Ganz andere, ganz stille Malerei gibt es bei Carlier/Gebauer: Die philippinische Künstlerin Maria Taniguchi füllt in einer meditativen Bewegung von ihr selbst auf großen Leinwänden mit Bleistift gezogene Gitter mit schwarzer Tusche aus (von 19.000 bis 120.000 Euro). Außerdem bei Carlier/Gebauer: eine neue Arbeit von Asta Gröting, „When My Mother Was Dying“, vier lebensgroße graue Hohlgüsse, aufgeladen mit Trauer.

          Malen mit blutigen Farben

          Die malerische Auseinandersetzung mit Werken früherer Meister hat eine gewisse Konjunktur: Der Brite Ross Chisholm tut es mit Joshua Reynolds im Eigen + Art Lab; der Amerikaner David Schutter tut es bei Aurel Scheibler auf fünf Abstraktionen in Grau-Verwischungen, die von Porträts des Franz Hals abgeleitet sind (22.000 bis 34.000 Dollar); und bei Veneklasen/Werner tut es Elliott Hundley, der mit dramatischen Collagen bekannt wurde, vor dem Hintergrund von, zum Beispiel, Rodins Höllentor auf buchstäblich phantastischen Gemälden, die in die Dreidimensionalität auszugreifen scheinen (40.000 bis 130.000 Dollar).

          Die Abbildung von Frauen wird immer Konjunktur haben - und immer mit Phantasien einhergehen. Nachbarschaftlich fast begegnen sich die Heroinen des Helmut Newton in der Kicken Galerie und die erschöpften Kämpferinnen von Martin Eder bei Eigen + Art. Sie haben genau dort miteinander zu tun, wo sie Imagines als Zeitspeicher sind. Newton hat die Frauen inszeniert als in ihrer Leiblichkeit eigentlich bedrohliche Geschöpfe. Die Fotos bei Kicken, die aus einer Privatsammlung kommen und direkt von den „Playboy“-Shootings der späten Siebziger und frühen Achtziger stammen, wurden so bisher nie gezeigt. Sie enthüllen die Kulissenhaftigkeit der Arrangements, wenn etwa auf einer Vierer-Serie mit einem der charakteristischen Newton-Akte die am Rand verzupfte Bildtapete eines Flugzeugs auf dem Rollfeld sichtbar wird; das ist nicht ohne Witz (von 10.000 bis 30.000 Euro; zwei Abzüge von Exemplaren der „Big Nudes“ kosten je 1,5 Millionen Euro).

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