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Ausstellung : Die Kunst der Dissidenten

Die aktuelle Ausstellung „Gegenstimmen“ im Martin-Gropius-Bau versammelt ausgebürgerte Künstler der DDR - eine Berliner Galerie vertritt zahlreiche von ihnen.

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          „Gegenstimmen“ überschrieben, widmet sich im Berliner Martin-Gropius-Bau derzeit eine Ausstellung dem Widerstand gegen die DDR-Staatsdoktrin des Sozialistischen Realismus. 160 Werke von achtzig Künstlern bezeugen die Ausweichmanöver, mit denen man sich den Repressalien der Machthaber zu entziehen versuchte. Es sind Gemälde und Skulpturen, Fotografien und Filme von 1976 bis 1989, jener politisch extrem unruhigen Periode zwischen Wolf Biermanns Ausbürgerung und dem Mauerfall. Was im Windschatten der offiziell geförderten Kunst von „ungehorsamen“ Künstlern produziert wurde, ließ sich nach der Wende nur unter erheblichen Schwierigkeiten in den westlichen Kunsthandel integrieren. Mit Ausnahme von A. R. Penck, den der Galerist Michael Werner protegierte, standen Dissidenten nach ihrer Ausreise in aller Regel vor dem materiellen Nichts. In West-Berlin sorgten die Arbeitsstipendien des Kultursenats für ein bescheidenes Auskommen, während die meisten Galerien sich weigerten, die Neuankömmlinge freudig zu begrüßen.

          Camilla Blechen

          Freie Autorin im Feuilleton.

          Unter den Berliner Kunsthändlern, die sich nicht nur sporadisch, sondern nachhaltig für die Refugiés einsetzten, trat Michael Schultz als der sprichwörtliche weiße Rabe auf. Vor der Eröffnung seiner Galerie 1988 kuratierte der 1951 geborene Sohn eines Kapellmeisters eine magistral geförderte Ausstellung mit Werken von 21 Emigranten („Kunst im Widerspruch“). Seine erste Vernissage galt Arbeiten des 1980 ausgebürgerten Dresdners A. R. Penck, der im Martin-Gropius-Bau mit zwei Leihgaben aus Hamburger Privatbesitz brilliert. Im Fundus von Schultz befindet sich das mit 320 000 Euro bezifferte Riesenformat „Stargarder 18“ von 1993. Seinen Weg in die „Gegenstimmen“ fand Helge Leibergs Großformat „Zugriff“ eines Vogelmonsters (32 000 Euro). Beide Bilder leben von animalischen Metaphern, dem Löwen und dem Adler. Noch evidenter vermittelt sich die subversive Botschaft auf Hans-Hendrik Grimmlings vierteiliger „Umerziehung der Vögel“ von 1978, die wohl in den frühen achtziger Jahren ihren Weg in eine Maulbronner Privatsammlung gefunden hatte (80 000 Euro).

          Als Leihgeber einer Ausstellung von Großformaten Grimmlings in den Chemnitzer Kunstsammlungen im Sommer war Schultz entscheidend beteiligt. Parallel bestückte er seine Galerie mit der aktuellen Produktion kleinerer Bilder, deren kostbare Peinture aufmerken lässt (3400 bis 7500 Euro). Im Jahr 1984 zum überstürzten Verlassen der DDR gezwungen, musste die mit ihren Auftritten in der Dresdner Kunstszene bekannt gewordene Cornelia Schleime ihr Frühwerk in der alten Heimat zurücklassen. Ihre Präsenz in den „Gegenstimmen“ beschränkt sich deshalb auf Foto-Collagen. Durch zahlreiche Einzelausstellungen der Galerie Michael Schultz eroberten sich ihre zum Märchenhaften tendierenden Porträts und Szenerien, aus denen Kalkül für Magie spricht, ihr Publikum; ein über die „Kalte Schulter“ blickendes Medusenhaupt kostet 43 000 Euro.

          Am 24. November wird Cornelia Schleime der mit 60 000 Euro dotierte Hannah-Höch-Preis verliehen, der mit einer Werkschau in der Berlinischen Galerie verbunden ist.

          „Gegenstimmen. Kunst in der DDR 1976-1989“, im Martin-Gropius-Bau, Berlin.

          Noch bis zum 26. September.

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