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Die Geschichte der Kunstpreise : Drei Koggen für ein Weltgericht

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Die Ware Kunst war immer teuer - und ihr Besitz diente schon immer der Repräsentation und dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Abgrenzung: schlagende Beispiele aus vergangenen Jahrhunderten.

          Der Auktionator hatte bereits einen „denkwürdigen Moment“ angekündigt, als er bei der New Yorker Sotheby’s-Auktion am 2. Mai 2012 die Losnummer zwanzig aufrief. Und Tobias Meyer hatte sich nicht getäuscht. Zwölf Minuten dauerte das Bietergefecht. Dann fiel der Hammer, und Edvard Munchs Pastell „Der Schrei“ wechselte den Besitzer. Inzwischen ist auch bekannt, dass es der New Yorker Milliardär und Financier Leon Black war, der inklusive Aufgeld genau 119,9225 Millionen Dollar für eine von vier Versionen des berühmten Sujets bezahlte: Das ist der aktuellste Höchstpreis in einer Auktion jemals überhaupt.

          Dass astronomische Summen für Kunstwerke ausgegeben werden, gilt in der allgemeinen Wahrnehmung als Phänomen der letzten Jahrzehnte. Und doch finden sich zahlreiche Berichte von sagenhaften Preisen und bemerkenswerten Bilderkäufen, wenn man in der Geschichte zurückblickt. So muss es sich beispielsweise um eine riesige Summe gehandelt haben, als Alexander der Große den Maler Apelles für ein handliches Gemälde mit einem Korn-Maß voller Gold bezahlte. In manchen Fällen sind sogar konkrete Summen überliefert. So weiß C.Plinius Secundus in seiner 77 nach Christus veröffentlichten „Naturalis historia“, dass Marcus Agrippa, „ein Mann von mehr einfachem als feinerem Geschmack“, von den Kyzikenern zwei Bilder gekauft habe, „einen Aias und eine Aphrodite, für 1200000 Sesterzen“.

          Leider lassen sich derartige Preisangaben nicht problemlos zu gegenwärtigen Kunstpreisen in Relation setzen, weil das antike Preisgefüge und die Kaufkraft nur sehr ausschnitthaft zu rekonstruieren sind. Selbst wenn man weiß, dass zu jener Zeit der Kaufpreis eines normalen Sklaven bei 2000 Sesterzen lag, ist dieser Wert mangels gegenwärtiger Vergleiche wenig aussagekräftig. Interessanter ist es, den Preis der beiden Tafelbilder mit dem Jahressold eines erfahrenen Centurio zu vergleichen, der bei 13.500 Sesterzen lag: Nimmt man nun den Sold eines Hauptmanns der Bundeswehr zum Vergleich, entspräche der Preis der Bilder heute mehr als vier Millionen Euro. Legt man gar den Lohn eines durchschnittlichen Arbeiters zugrunde, der im alten Rom auf jährlich 1200 Sesterzen kam, ergibt sich eine noch höhere Summe. In Relation zum Durchschnittseinkommen eines heutigen Handwerkers würden die zwei Bilder dreißig Millionen Euro kosten - und wären eine Sensationsmeldung wert.

          Auch aus späterer Zeit sind eindrucksvolle Preise für Werke der bildenden Kunst überliefert: So weiß man aus einer 1489 verfassten Aufstellung der durch die Kriegsführung dezimierten Schätze Karls des Kühnen von Burgund, dass allein die besonders geschätzten Bildteppiche mit 200000 Gulden veranschlagt wurden. Das war eine wirklich gewaltige Summe, wenn man sie mit dem als Tagelohn ausbezahlten Jahreseinkommen eines Steinmetzmeisters von etwa 55 Gulden vergleicht. Zieht man hier das Jahreseinkommen eines heutigen Maurers zum Vergleich heran, kosteten die Tapisserien Karls des Kühnen 110 Millionen Euro.

          Sie waren das privilegierte Bildmedium jener Zeit und wurden weit höher geachtet als Tafelbilder, für die gewaltige Summen zu bezahlen die Reichen und Mächtigen der Zeit aber ebenfalls bereit waren. Denn Magnifizenz - mit welchem Begriff man die höfische Prachtentfaltung seinerzeit umschrieb - galt als Fürstentugend. „Noblesse oblige“, sagte man, Adel verpflichtet eben, und so galt es für jeden, der einen hohen sozialen Status und ein hohes gesellschaftliches Prestige behaupten wollte, diesen Status durch eine entsprechend reiche und kostspielige Repräsentation in der gesamten Lebensführung ständig in der Öffentlichkeit unter Beweis zu stellen. Am Ende des Ancien Régime stöhnte deshalb der Herzog von Croy, der Zwang zur Repräsentation habe die meisten großen Familien ruiniert.

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