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Jahresgaben der Kunstvereine : Mit ewigem Schnee

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Die deutschen Kunstvereine verteilen wieder ihre Jahresgaben – natürlich gegen hilfreiches Geld. Hier ein paar Beispiele von diesem beliebten Schnäppchenmarkt

          Zuverlässig bieten alle Jahre wieder die deutschen Kunstvereine kurz vor Weihnachten ihre Jahresgaben an. Sie nutzen die Zeit der großen Geschenksuche und auch der Spendenbereitschaft. Denn die erzielten Einkünfte kommen den Vereinen zugute, die dieses Zubrot zu oft knapper Finanzausstattung gut gebrauchen können; manche teilen die Erlöse auch redlich mit den Künstlern. Die Kunstvereinsmitglieder schätzen die Chance, Werke zu einem günstigeren Preis erwerben zu können. Außenstehende bezahlen meist mehr oder unterschreiben parallel zum Kauf noch schnell das Beitrittsformular; das ist dann ein beidseitiges Schnäppchen. Weil die Vereine die Unikate und Editionen ins Internet stellen, muss niemand Sorge haben, etwas Begehrenswertes zu verpassen.

          Zur größten, nahezu bombastischen Auswahl hat diesmal der Kunstverein München achtzig in der Stadt aktive oder dort ausgebildete Künstler zusammengetrommelt, und fast alle steuerten drei und mehr Arbeiten bei. Neben allseits bekannten Größen wie Olaf Nicolai oder Michaela Melián brachten sich viele junge Newcomer ein, etwa Ivo Rick. Der 1989 geborene Künstler befasst sich mit der Produktion von Kunstwerken mittels modernster Techniken, die als nicht künstlerisch gelten. Sein entfernt an die Abdeckung einer Lüftungsanlage erinnernder „Vent“, dem – offenkundig nicht zu einem solchen Gerät gehörende – schwarze Kringel entweichen, schnitt Rick mit dem Wasserstrahlschneider aus Stahl und Neopren aus (Auflage5+1AP; 500 Euro). Oder das Künstlerinnenduo Kitty & Joy. Die Meisterschülerinnen von Gregor Hildebrandt fügen mit „Piggy Bill“ ihrem Themenkreis um Kommerz, Konsum und Kunstmarkt eine Dollar-Komponente hinzu: dicke Geldnotenstapel aus glasierter Keramik, die 44,19Euro kosten – was in etwa fünfzig Dollar entspricht.

          Während es für den Münchner Direktor Chris Fitzpatrick nach vier Jahren die letzte Jahresgaben-Runde ist – im Frühjahr kehrt er nach San Francisco zurück –, absolviert die neue Direktorin des Kölnischen Kunstvereins, Nikola Dietrich, ihre erste: Von Julien Ceccaldi, einem Manga- und Comic-Adepten, dem ihre Auftaktausstellung in Köln galt, gibt es das Gemälde „Welcoming Mirage“ zu kaufen. Die bizarre Bühnensituation zeigt einen langen, von Skeletthänden gerafften Rock, der statt eines Vorhangs den Blick auf ein verschrecktes Männlein freigibt (Unikat; 11000 Euro). Nur auf den ersten Blick bodenständiger erscheint „Emanations of the Earth“ von Mark Dion, der von seinen Arbeiten sagt, sie seien „nicht über die Natur, sondern über die Idee von Natur“. In eine Schachtel legte er vier handbemalte Gipsabgüsse erfundener molchartiger Kreaturen, die sich auf die „Würzburger Lügensteine“ beziehen – bekannte Fossilienfälschungen, die Anfang des 18.Jahrhunderts der Würzburger Professor Johann Beringer ankaufte (Auflage 16+7AP; 1200 Euro).

          Auffallend viele Künstler der diesjährigen Runde benutzten Gips und Keramik, diese willigen Stoffe. Darunter Aaron Angell, der dem Freiburger Kunstverein eine Steinzeugplastik überließ. Angell, den „The Telegraph“ wegen seines Interesses an Hobbykultur und anderen Rändern der Kunst das „enfant terrible of the current British ceramics renaissance“ nennt, modellierte eine Gruppe floraler Gebilde auf schmalen Stämmen, die Palmen und Sukkulenten ähneln, und überzog sie mit poriger Shino- und dunkler Eschenascheglasur (Unikat; 1000Euro). Wer lieber Flachware möchte, ist im Kunstverein Hannover richtig, dem schrieb das Künstlerkollektiv Slavs&Tatars „Steppe Momma’s Milk“ hinter spiegelndes Glas und malte stilisierte milchverströmende Euter dazu. Das Motiv ist ein Relikt der großen Ausstellung dieser gewitzten Befrager eurasischer Kulturen im Haus (Auflage 3+1AP; 3300 Euro).

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